Der Instagram-Fluch: Verdammt zum glücklich sein

Gehe ich durch Instagram und TikTok, sehe ich lauter glückliche, verrückte, kreative, kraftstrotzende und außergewöhnliche Typen. Sie alle scheinen in glücklichen Familien groß geworden zu sein: geliebt, geborgen, gefördert, gelungen. Attraktive Singles, glückliche Paare, niedliche Kleinkinder, angebetete Mütter, liebende Väter. Reisen an die schönsten Orte der Erde, erlebnisreiche Freizeit, gesundes Essen, Sport und Wohlstand.

Und immer ist alles durchdrungen von Liebe, Lachen, Wertschätzung und der Freiheit, sich zu entfalten. Ist es da ein Wunder, dass so viele Menschen seelisch krank werden?

Systeme bestimmen, wie ein Mensch zu leben hat

In Familienclans alter Kulturen hat jedes Mitglied des gesellschaftlichen Systems seine Aufgabe. Niemand fragt nach individueller Entfaltung und dem Streben nach Glück. Die Menschen in diesen Systemen zweifeln nicht an, was ist. Aufgabe jedes Mitglieds ist es, die Harmonie des Großen Ganzen nicht zu stören. Ob in Fülle oder in Mangel – Akzeptanz der Regeln und Riten sind Voraussetzung für den Bestand dieser Kulturen.

In Gesellschaften, die sich stets mit bedrohlichen Außenwirkungen auseinandersetzen müssen, zählen Fähigkeiten wie Stärke, Mut, Disziplin und Perfektion. Denn nur die Besten überleben, wenn Klima, Natur und Artgenossen eine  ständig lauernde Gefahr sind. Individualismus ist gefragt – genau wie die Fähigkeit, sich bedingungslos einzuordnen und seine Pflicht zu tun. Regeln und Riten beruhen auf Heldensagen und Erlösung durch Schmerz und Triumph.

Bild von Satya Tiwari auf Pixabay 

In den Wohlstandskulturen der Moderne ist etwas Neues gewachsen, was in früheren Zeiten nur der elitären Oberklasse vorbehalten war: Das Streben nach persönlicher Entfaltung und Glück. Ganze Gesellschaften – vom existenziellen Kampf ums Überleben befreit – klettern auf der Pyramide der Bedürfnishierarchie nach oben.

Geht es bei den statischen Familienclans um das existenzielle Überleben – so geht es bei den kriegerischen Gesellschaften um Sicherheit und Eroberung. Geht es bei den aufstrebenden Bildungsgesellschaften um Status und Besitz – so geht es in den derzeitigen Konsumgesellschaften um individuelle Bedürfnisse, um Kicks, und eben um „das Streben nach Glück“. Regeln und Riten sind durchzogen von diesem Anspruch.

Suchtmittel, Ideale, Ansprüche an Eltern, Bildungswesen, Liebe, Konsum und Beruf… Aus dem Segen wird für viele ein Fluch. Glücklich sein zu müssen ist auch nicht einfacher als demütig angepasst zu leben oder gefühllos stark. Und sich dann noch vor der apokalyptischen Klimakrise zu fürchten, belastet Kinder und Jugendliche zusätzlich.

Instagram als Sahnehäubchen obendrauf

Und dann noch dieses Social Media: Niemand schaut hinter die Kulissen der perfekten Beziehung, der perfekten Familie, der perfekten Erfolgsstory.

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay 

Was man bei Instagram und Co sieht, begann in den Fünfziger Jahren mit niedlich naiven Fernsehwerbespots. Heute scheint die ganze Welt in solchen Werbespots zu leben – freiwillig, ganz ohne Bezahlung. Und da die haptische Welt immer weniger – und die virtuelle Welt immer riesiger zu werden scheint, werden die Kulturen der Bedürfnis- und Konsumgesteuerten zu einer Mischung aus Pleasantville und der Trumanshow (beides Filme, die in perfekten Scheinwelten spielen) – und die Mitglieder dieser Kulturen zunehmend zu Verzweifelten und Abhängigen. Regeln und Riten schrauben sich immer weiter in die Höhe in der „perfekten Welt“. Was können wir tun?

Zunächst sollten wir akzeptieren und achten, dass wir in einem solchen System leben. Das Streben nach Liebe und individuellem Glück ist menschlich und verständlich (wer will schon freiwillig leiden?). Wenn Eltern sich für ihre Kinder wünschen, dass diese glücklich sind und glücklich bleiben, ist das liebenswert und rührend (wer will schon verantwortlich sein für das Leid der eigenen Kinder?).

Unsere Aufgabe als Gesellschaft ist es, mit Pleasantville klar zu kommen, ohne im Spannungsfeld von „Versagen“ und „Verschmachten“ zu leiden. Früher war die Hölle außen – die religiöse Ideologie der Machtstrukturen gab vor, was „böse“ ist – heute haben wir die Dämonen nach innen gezogen: Schuld, Scham, Neid, Angst, Kraftlosigkeit, Schuldzuweisung, Krankheit, Verwirrung,  Versagen, Entbehrung und Apokalypse finden in uns selber statt.

Vor allem junge Menschen leiden unter der Diskrepanz zwischen perfekter Außenwelt und zerrütteter Innenwelt. „Bin ich der/ die Einzige der/ die nicht klar kommt und permanent versagt?“ So hat jede Generation seine eigene Aufgabe, und das ist ok so. Jede Jugend verfügt über erobernde Kraft, Liebeshunger und kreativ pulsierende Intelligenz.

Wie sich diese Kraft, Sehnsucht und Intelligenz zukünftig ausprägen wird, wissen wir nicht. Aber eins ist klar: Das Streben nach Glück ist verständlich – doch nicht der Weisheit letzter Schluss. Unsere Seelen wollen mehr als ein perfektes Leben in Pleasantville. Vertraut Euren Kindern – sie werden neue Wege finden. Oder wie ich immer gern sage: „Hunger ist des Arbeiters bester Freund“.

Quelle: DerStandard – Instagram und Tiktok machen süchtig und unglücklich

Seit fast zwanzig Jahren auf der "freien Wildbahn" hat Eva Ihnenfeldt sowohl 2004 eine eingetragene Genossenschaft für Existenzgründer gegründet als auch 2011 eine Akademie für die Ausbildung von Social Media Unternehmenden. Lange Zeit war sie Dozentin und Trainerin für Marketing, Kommunikation und Social Media. Heute arbeitet sie als Coach für Menschen im beruflichen Wandel. Ihre Stärke ist es, IST-Situationen zu akzeptieren, Visionen zu erkennen und gemeinsam mit ihren Klienten Strategien zu entwickeln, die sich auch in der Praxis bewähren. Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: [email protected]

steadynews.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.