Home / Innovation / Ohne ein freies offenes WLAN: Keine SmartCity

Nun darf man den Freifunk natürlich nicht nur auf das Internet beschränken hieß es beim Netzpolitik-Barcamp letzten Mittwoch im Dortmunder U, zu dem auch der Staatssekretär bei der Ministerin für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien
Vorsitzender der Medienkommission beim SPD-Parteivorstand, Marc Jan Eumann, erschienen war. Die Regierung des Landes NRW fördert allerdings den Freifunk und das Barcamp diente dann auch – trotz einiger politischer Seitenhiebe, was wohl bei dem Thema unabdingbar ist – zu einer Vernetzung und zu einer Diskussion über die Art und Weise wie die Staatskanzlei des Landes NRW mit den Freifunkern kooperieren sollte.

Der Freifunk legt den Focus der Aktivitäten auf den Bürger. Während Städte zwar nach und nach daran gehen, offene WLANs zu installieren – mal mit Zeitkontingent, mal mit einem MB-Kontingent, mal mit Anmeldung und Preisgabe der eigenen Daten – haben diese in der Regel die Freifunker, die ein offenes WLAN für alle installieren möchten, in der Regel nicht im Blick. Wobei man natürlich auch andere Dienste über das WLAN anbieten kann als nur das Internet. Und obwohl das Land NRW wie schon angemerkt beschlossen hat, Freifunker zu fördern. Wenn auch nicht dadurch, dass automatisch die Städte jetzt dazu verpflichtet werden Freifunk zu nutzen – welchen Sinn das hat, das habe ich auch nicht so ganz verstanden. Irgendwas mit: „Wir wissen ja gar nicht wo es überall Freifunker gibt in den Gemeinden und Städten.“ Man könnte ja mal fragen gehen?

SmartCity: Die vernetzte Stadt

Interessant wird das dann in Hinsicht auf Fragen wie: „Wie oft Fahren eigentlich Autos durch meine Straße?“ – „Wie laut ist der Verkehrslärm?“ – „Ist der nächste Bus auch wirklich pünktlich?“ Mit lauter kleinen Sensoren können Temperaturen übermittelt werden, die eine Heatmap der Stadt abbilden. Damit man dann weiß, warum man besser keine Bäume an der Stelle hätte fällen sollen, weil die Temperatur dort an dem Platz in der Stadt enorm hoch ist. (Es gibt Städte, die überprüfen sowas ja nicht vorher.)

SmartCity ist die vernetzte Stadt, in der intelligente Systeme dafür sorgen, dass die Abgasverbräuche von Autos niedrig bleiben, weil die Ampelschaltung auf das Kontingent des Verkehrs reagiert und nicht stupide automatisch etwas regelt, in der Ampeln Informationen für Blinde abstrahlen, in der kurz gesagt die Technik auf den Menschen abgestimmt wird. Auf der anderen Seite sollte man nicht vergessen, dass eine vernetzte Stadt auch bedeuten kann, dass die Überwachungskameras genau wissen wo ich bin und auch dank Algorithmen dann rausfinden können ob ich eventuell doch ein böser Mensch werden könnte… So weit weg ist Minority Report nun wirklich nicht mehr. Ebensowenig wie die Akte-X-Folge „Die Maschine“ aus der ersten Staffel mit dem vernetzten Haus Science-Fiction ist – wir reden doch dauernd vom Internet der Dinge heutzutage, oder nicht? Blöd nur, wenn die Maschine dann entscheidet, sie kommt ohne den Menschen besser aus. Oder wenn sie zu GLADOS mutiert – falls jemand das Spiel „Portal“ kennen sollte…

Das Internet ist das Betriebssystem der Gesellschaft

Die obige Aussage traf Gunter Dueck bekanntlich schon im Jahr 2011 auf der re:publica. (Sie sollten, lieber Leser an dieser Stelle die Kolumne unterbrechen, auf diesen Link klicken und sich etwa 45 Minuten Zeit nehmen – der Vortrag ist immer noch brennend aktuell. – Ah, schön, dass Sie wieder hier sind.) „Ich würde gleich den Totalausbau des Internet anordnen, auch dass die Anbieter staatsunterstützt die Minibandbreite von 64 KBit/s einfach kostenfrei für alle anbieten, damit eine Grundversorgung da ist und auch der Übergang zur neuen Gesellschaft schneller geht.“ So äußerte er sich in einem Interview mit dem ego-verband. Und wissen Sie was, lieber Leser? Genau das müsste die Politik – egal ob Land oder Bund – eigentlich tun. Es müsste ein Recht auf die Grundversorgung mit dem Internet geben, dass auch für Sozialschwache gilt. (Im Regelsatz von HartzIV ist Internet übrigens kein Posten, man fragt sich ja wie die Leute alle ihre Bewerbungen online machen sollen, wenn sie notfalls kein Internet bezahlen können, aber das ist die Logik des Hauses, das Verrückte macht.)

Nun, mit dem Ausbau des Breitbandnetzes ist die Regierung ja seit Urzeiten beschäftigt, irgendwann wird das schon noch werden. In der Zwischenzeit aber könnte man wenigstens das mit dem offenen WLAN umsetzen. Was die Regierung in NRW auch tun wird, das Programm 100 mal WLAN soll Regierungsgebäude mit bestimmten Kriterien ausstatten, aber dazu muss man erstmal schauen, was man überhaupt an Gebäuden hat und eine Liste erstellen und – und – und… Kann dauern. Kein Wunder, dass Städte dann meistens kommerzielle Anbieter ins Boot holen, damit wenigstens irgendwas klappt. Und das tun Städte ja vermehrt: Jetzt kam erst die Meldung, in Hamburg würde nach und nach öffentliches WLAN ausgebaut werden. Manko: Nicht permanent. Sondern immer nur für 24 Stunden. Falls jemand noch die Zwangstrennungszeiten beim Internet zu Hause kennt – so ähnlich. Immerhin wohl ohne Mengenbegrenzung, aber dennoch. Und die Daten für die Anmeldung landen halt wieder beim kommerziellen Anbieter.

Freies, öffentliches WLAN ist Voraussetzung für den Innovative Citizen

Wobei mir persönlich das schon wieder die Lust nehmen würde – Projekte, die über mehrere Tage dauern könnte man mit diesem Hamburger WLAN gar nicht ins Rollen bringen. Und was ist eigentlich, wenn der Innovative Citizen, der Bürger, der sich für Urban Guardening, Freifunk und andere Bereiche interessiert und eventuell Maker ist – die Definitionstrennung überlasse ich aber mal denen, die den Begriff erfunden haben, danke – Projekte entwickelt mit denen der kommerzielle Anbieter nicht einverstanden ist? Dass AGBs geändert werden kommt ja wirklich selten vor. Moment mal…

Ein kommerzielles WLAN hat Risiken. Risiken, die wir für eine offene Gesellschaft, für eine Gesellschaft, die das Internet als Betriebssystem braucht nicht eingehen können und wollen. Deswegen ist das Freifunk sicherlich die bessere Alternative. Wir brauchen definitiv aber erstmal ein WLAN bevor wir überhaupt kreativ sein können – zumindest in manchen Bereichen. Erst die Bereitstellung einer Grundversorgung oder eines Grundsystems lässt überhaupt erst zu, dass Ideen wachsen und sich entwickeln können. Solange ich als Privatmann jedoch mit der Störerhaftung zu kämpfen habe ist das erstmal uninteressant. Daran soll sich zwar Einiges ändern, aber das System der Freifunker kollidiert mit dem Vorstellungen der Bundesregierung massivst. Aktueller Stand der Debatte aus Sicht der Freifunker findet sich auf dieser Webseite.

Wie der Bürger innovativ sein soll ohne eine grundlegende Versorgung mit WLAN oder einem Internetanschluss zu Hause, ja, wie der Bürger überhaupt kreativ sein soll? Ein Betriebssystem ohne Hardware ist unnütz. Ein Betriebssystem ohne Programme erst recht. Erst, wenn das Betriebssystem zur Verfügung steht – ich lasse bewußt mal Namen aus dem Spiel – erst wenn dieses da ist kann ich als Anwender Programme schreiben und meine Kreativität ausleben. Und damit kommen wir als Gesellschaft sicherlich einen ganzen Schritt weiter – wenn wir das Internet zu einem guten Ort machen wollen, brauchen wir einen offenen, unbeschränkten Zugang zu ihm. Zwar bin ich nicht so unrealistisch zu glauben, dass alle Menschen auf einmal edel, hilfreich und gut werden. Aber dass die Politik nicht erkennt, dass die Gesellschaft in einer Zeit, in der alle von diesem 4.0 reden – Arbeit 4.0, Wissen 4.0, Bildung 4.0, Logistik 4.0, Kirche 4.0 etc. pp – das Internet als freie offene Plattform braucht; dieses Verständnis geht über meinen Verstand. Vielleicht ist das aber euch höher als all unsere Vernunft, was die Bundesregierung da mit Internet, Arbeit, Gesellschaft und so vorhat. Vielleicht müssen wir aber auch endlich mündige Kinder der digitalen Aufklärung werden: Haben wir den Mut, uns des Internets zu bedienen! Mit oder ohne Kant.
10428652_909696752374293_5401521222185380255_nChristian Spließ, Social Media Manager, machte schon Social Media als es noch Web 2.0 hieß. Seit 2004 beobachtet er die aktuellen Entwicklungen und hilft mit Rat und Tat, wenn es darum geht Inhalte kompetentgenau an die Zielgruppe zu vermitteln.

Über Christian Spliess

Der selbstständige Journalist und Social Media Redakteur Christian Spließ begleitet Unternehmen und Organisationen bei der erfolgreichen Umsetzung von Social Media Kampagnen. Christian Spließ ist einer der Social Influencer in NRW - vor allem über Twitter und Facebook.

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