Social Media und Facebook: Von der Demokratie zur Mobokratie?

Mitte Januar 2018 habe ich einen langen Artikel in dem neuen Schweizer Online-Magazin republik.ch gelesen über die Entwicklung des Social Networks Facebook seit seiner Gründung im Jahr 2004. Die Journalistin Adrienne Fichter beschreibt die Entwicklung von Mark Zuckerberg und seinem Unternehmen Facebook in sieben Akten – plus Prolog und Epilog. Meisterlich, spannend, ergreifend und doch nüchtern führt sie auf, wie aus einer studentischen Idee ein weltweit umspannendes Netzwerk wurde, das seit dem US-Wahlkampf 2016 und dem Sieg Donalds Trump zunehmend von den Rechten aller Länder gekapert wird. Und ich frage mich, ob unser Anspruch an Demokratie und „Volksherrschaft“ zu einer Mobokratie wird, wenn Aufmerksamkeit, Emotion und Viralität die Währung des Internets sind.

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Mark Zuckerberg ist selbst erschrocken von dieser beunruhigen Entwicklung, bei der Facebook wohl die wichtigste Rolle einnimmt unter den sozialen Netzwerken. Er sowie auch sein COO Sheryl Sandberg stehen den Demokraten nahe und haben weiterhin die Vision, Facebook könnte global die Menschen zusammenbringen und gut sein für Frieden, Menschlichkeit und einen gesunden Planeten.
Unbedingt lesen: republik.ch: Wie sich Facebook vom sozialen Netzwerk in eine Manipulationsmaschine verwandelte

Zwang zur Rentabilität und menschliche Gier zerstören jede Vision

Doch auf der anderen Seite gibt es das ökonomische Streben Facebooks nach Wachstum und Profit – und Profit macht Facebook mit Werbung. Der Wahlkampf Trumps wurde zu 80 Prozent des Budgets über Facebook finanziert. Exzellente Facebook Berater saßen direkt in der Wahlpampfzentrale der Republikaner und zeigten Brad Parscale, dem Digitalchef der Trump-Kampagne, wie man am geschicktesten den Facebook-Werbeanzeigen-Manager einsetzt. Kampagnen für Schwarzen-Hasser, Kampagnen für Hillary-Clinton Anhänger (bei denen ihre Glaubwürdigkeit zerstört werden sollte), Kampagnen für Arbeitslose, Kampagnen für Unentschlossene…

Dank der ausgezeichneten Werbe-Kampagnen, die erfolgreich auf Emotionalität, Interaktion und Viralität (Weiterteilen von Sensationen) setzten, wurden Nachahmer und Trittbrettfahrer angezogen. Seiten mit frei erfundenen Sensationsmeldungen sprossen wie Pilze aus dem Boden. Es ließ sich Geld verdienen mit den niederen Instinkten der Menschen!

Von der menschlichen Sucht, andere Menschen fertig zu machen

„Hängt sie höher“ „Macht ihn fertig“ ist heute wie schon immer ein Erfolgsgarant in der Propaganda, da so viele Menschen sich in ihrem Leben machtlos frustriert fühlen. Der hilflose, ausgelieferte Mob ist für Politiker interessanter als die Elite der Intellektuellen. Und die ökonomische Elite hat durchaus Interesse daran, dass Regierungen wie Trump Gesetze nach ihren Interessen durchsetzen, ohne Rücksicht auf Menschlichkeit nehmen zu müssen.

So wurde aus einer idealistischen Web 2.0-Bewegung dank des Strebens nach Geld und Macht ein weltumfassender digitaler Planet, der beherrscht wird von Mächtigen, Kriminellen, Skrupellosen, Korrupten – und einer kleinen Elite von Finanzmagnaten und Unternehmern. Vorgeschickt werden die Populisten, die dem Mob nach dem Mund schreien. Mittler sind die Medien, Plattformen, Influencer und Blogs, die mit Clickbaiting (Schlagzeilen) und Sensationspresse auf Werbeeinnahmen schielen. Viele von ihnen sind dabei erschreckend erfolgreich und machen innerhalb von Monaten enorme Gewinne.

Erfolgsrezept: Wahrheit ist unwichtig – wichtig ist, dass ich die Wut und den Hass der „Opfer“ anstachele. Wahrscheinlich lachen die Macher sich heimlich tot über ihre Gefolgschaft – doch das verstehen die Frustrierten nicht. Sie sehnen sich nach Erlösung und sie glauben, Erlösung kommt durch den „Starken Führer“, der alles zerstört, was über ihr glückloses Leben triumphiert.

Sollten sich die „Guten“ aus den sozialen Netzwerken zurückziehen?

Seit Jahren flehe ich meine intellektuellen und menschenfreundlichen Freunde an, sich in soziale Netzwerke zu begeben, um Facebook und Co eben nicht dem Mob zu überlassen. Das Erste, was wir brauchen, um der digitalen Kaperung der Gesellschaft durch die Rechten zu begegnen, ist Aufklärung – sind konstruktive Debatten. Mit Erschrecken erlebe ich, dass bei Facebook sogar engste Familienmitglieder öffentlich schlecht gemacht werden, dass es anscheinend immer mehr zum Mainstream wird, sich der Gehässigkeit des Mobs anzuschließen. Da sollten wir uns liebevoll gegenseitig ermahnen und auf eine freundliche, zugewandte Gesprächskultur achten. Mit gutem Beispiel vorangehen und anderen helfen, es gleich zu tun.

Wie können wir verhindern, dass wir von der Demokratie zur weltweiten Mobokratie werden?

Klar ist, dass sich die gesellschaftlichen Gefahren des digitalen Zeitalters nicht national lösen lassen. Das deutsche NetzDG mag ein gut gemeinter Versuch sein, strafrechtliche Inhalte in sozialen Netzwerken zu verhindern – doch da es sich bei Hate-Speech um ein globales Phänomen handelt, verpufft womöglich die Wirkung – oder führt schlimmstenfalls sogar zu Zensur. Auch andere Initiativen sind auf dem Weg.

Facebook zum Beispiel will nun die Nutzer zum Richter über lesenswerte Artikel machen. Dafür wird ein neues Feature eingeführt. Doch ob das nicht womöglich den Siegeszug des Mobs verstärkt, wird sich zeigen. Ich bin pessimistisch. Auch die E-Privacy Verordnung, die in Deutschland den Verbraucherschutz stärken soll, wird sich vielleicht schlecht in einem globalisierten Markt durchsetzen lassen. Ich glaube zurzeit nicht an politische Lösungen, da es keine einheitliche globale Ethik in der Politik gibt.

Viele kleine Communities gründen

Ich setze auf viele kleine Bewegungen, die sich der Menschlichkeit und dem Schutz aller fühlenden Wesen verpflichtet fühlen. Gerade hier zeigen die weltumspannenden sozialen Netzwerke wieder ihre Stärke. Ob Künstler, Gärtner, Erfinder, Helfer, Aufklärer, Social Entrepreneure oder Dissidenten – sie alle können Facebook, Twitter, YouTube, Instagram und Blogs nutzen, um Communities aufzubauen, die dem rechten Mob etwas Wirkungsvolles entgegensetzen.

Die „Guten“ haben auf jeden Fall mehr Anziehungskraft als die Gehässigen, da bei ihnen ein Garten aus Freundlichkeit und Wohlbehagen blüht. Jeder ist eingeladen, sort mitzumachen – so lange er/sie sich an die Spielregeln hält: Freundlich, zugewandt, lösungsbereit. Beleidigungen und verletzende Inhalte werden nicht geduldet. Wer sich nicht an die Spielregeln hält, wird (wie in jedem „Verein“), ausgeschlossen.

Ein Beispiel am Schluss: Der Social Media Alptraum des Journalisten Richard Gutjahr

Einige von Euch werden vielleicht die erschreckende Geschichte des Journalisten Richard Gutjahr kennen, der als Augenzeuge über zwei Terroranschläge im Fernsehen berichtete – und der seitdem gemeinsam mit seiner Familie Zielscheibe von Verschwörungstheoretikern geworden ist. Über YouTube, Twitter und Facebook lebt die Familie seit 18 Monaten in einem Alptraum, der nicht in der digitale Welt bleibt, sondern existenziell und körperlich bedrohlich ist.

Lange Zeit hat diese Hetze den klugen und erfolgreichen Journalisten „mundtot“ gemacht. Er musste dafür kämpfen, seine Familie zu schützen und irgendwie den Dammbruch an Hass zu stopfen. Auch er machte die Erfahrung, dass in der Not nur sehr wenige Freunde bleiben – meist welche, die selbst ähnliche traumatische Erfahrungen erlebt haben.

Mit dem Klick auf das Bild ist man beim ergreifenden TED-Vortrag von Richard Gutjahr von Anfang Januar 2018

Nun scheint Richard Gutjahr seine journalistische Seele wieder befreit zu haben und seit Januar 2018 sieht man, wie er zur Flagge greift für den Kampf gegen Hass und gegen die Mobokratie. Ich vertraue ihm und Menschen wir ihm und ich möchte gern meinen bescheidenen Teil dazu beitragen, dass wir den digitalen Planeten nicht den Skrupellosen überlassen.
Richard Gutjahr: Erfahrungsbericht über 18 Monate Hetzjagd im Social Web – und wie man sich wehren kann

Das Gute gewinnt letztendlich immer – wie im Märchen

Ja, der Mob ist zahlenmäßig überlegen, das zeigt die Geschichte. Doch die Geschichte zeigt auch, dass das Gute und Menschliche letztendlich immer den Sieg davon trägt, weil kein Mensch gern in Krieg und Grausamkeit lebt. Im Grunde unseres Herzen wünschen wir uns alle eine friedliche, blühende Welt – auch wenn wir nicht an unsere eigene Gestaltungskraft glauben können, weil unsere Lebenserfahrung uns bitter gemacht hat.

Lasst uns die sozialen Netzwerke nutzen, um Menschlichkeit und Miteinander zu verstreuen wie Blumen bei einer Hochzeit. Lasst uns mit Herzchen und freundlichen Emoticons nur so um uns werfen und lasst uns allen Menschen, denen wir bei Facebook, Twitter und Co begegnen, zeigen, dass sie wunderbar und einzigartig sind. Selbst wenn sie uns in ihrer hässlichsten Gestalt begegnen, gebt Keinen auf. Wir diskutieren nicht über Politik, um recht zu haben – wir zeigen mit unserem Spiegel, wie schön die ganze Welt ist und wie schön es ist, in einer blühenden Landschaft der Freiheit und Entfaltung zu leben.

Hippies an die Macht

Wie damals Woodstock einen großen Teil dazu beitrug, dass der widerliche Vietnamkrieg sein Ende fand, lasst uns kreativ sein, verrückt sein, mutig sein, von „Love and Peace“ schwärmen, wenn die rechten Populisten im Gefolge Trumps nach Krieg und Zerstörung rufen. Lasst uns alles umarmen, was nicht niet- und nagelfest ist. Glaubt daran, dass jeder Mensch schön ist – und Ihr werdet es glaubwürdig kommunizieren.

Wird es irgendwann eine globale Ethik-Verfassung geben?

Irgendwann brauchen wir für den digitalen Planeten eine globale Verfassung – das ist klar. Doch ich sehe diesen Zeitpunkt noch nicht für gekommen, Zunächst müssen wir für eine gemeinsame Weltethik eintreten, so wie die Hippies es in den Sechzigern und Siebzigern extrem erfolgreich getan haben. das war keine Mode, das war eine grundsätzliche Weiterentwicklung aller Menschen Richtung „Wir wünschen uns von Herzen, dass es allen fühlenden Wesen gut gehen möge“. Man nennt es die Definition von „Liebe“.

Also ran an die sozialen Netzwerke liebe Freunde. Ihr seid nicht intellektuell, wenn Ihr Euch Facebook verweigert – Ihr überlasst die Macht den Rechten und Skupellosen. Kein Grund, darauf stolz zu sein. Das schlimmste Verbrechen der „Guten“ ist, wenn sie ihren Mund halten.

Wir sehen uns bei Facebook?! In meinem Facebook-Profil ist übrigens alles lieb und wir diskutieren total freundlich und lernen uns kennen. Obwohl wir schon über 1.700 sind! Also fangt gern bei mir an. Und dann gehts weiter in die schöne, große Welt…

Sich verweigern ist menschlich – aber keine Lösung

Ergreifender TED-Vortrag des Bloggers Wael Ghonim, der 2011 wesentlich zum „Ägyptischen Frühling“ beitrug und miterleben musste, wie sich die Euphorie und die positive Kraft der Facebook-Bewegung in Polarisierung und Zersplitterung verwandelte. (mit deutscher Übersetzung)

Seit fast zwanzig Jahren auf der "freien Wildbahn" hat Eva Ihnenfeldt sowohl 2004 eine eingetragene Genossenschaft für Existenzgründer gegründet als auch 2011 eine Akademie für die Ausbildung von Social Media Unternehmenden. Lange Zeit war sie Dozentin und Trainerin für Marketing, Kommunikation und Social Media. Heute arbeitet sie als Coach für Menschen im beruflichen Wandel. Ihre Stärke ist es, IST-Situationen zu akzeptieren, Visionen zu erkennen und gemeinsam mit ihren Klienten Strategien zu entwickeln, die sich auch in der Praxis bewähren. Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: [email protected]

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