Erdacht und aufgeschrieben von Eva Ihnenfeldt am 15.05.2026 in der Schreibwerkstatt:
Mein Name ist Idiot, Kalle Idiot. So ruft man mich seit meinem zehnten Lebensjahr – seit ich zur Realschule kam. Habe mich dran gewöhnt. Bin eben Kalle, der Idiot. Meinen eigentlichen Namen habe ich vergessen. Einen Ausweis habe ich schon lange nicht mehr. Idioten, die auf der Straße leben, haben oft keine Ausweise. Die gehen immer wieder verloren, oder sie werden geklaut.
Was soll ich sagen? Meistens schlafe ich unter irgendwelchen Straßenbrücken. Morgens verstecke ich Pappen und Decken so regensicher wie möglich und ziehe los in die Innenstadt.
Dann stehe oder sitze ich da in der Fußgängerzone, meistens mit einem Plastikbecher, den ich in einem Mülleimer gefunden habe. Oder ich schlurfe herum und halte den feinen Leuten den Becher unter die Nase. Manchmal weine ich, kann nicht anders, dann schäme ich mich. Aber es ist auch egal.
Kalle Idiot in seinem verschmierten Parka und seinen löcherigen Schuhen ist ein Niemand, ein nutzloser, verlauster Gammler. Soll er weinen, er weint doch zu recht.
Es regnet. Unter dem Opernhausvordach steht eine Bank, ich setze mich hin, meine Tüte mit Pfandflaschen zwischen meinen Beinen, hier bin ich geschützt. Eine Frau steuert mich direkt an – setzt sich mit einem freundlichen „Guten Tag“ neben mich.
Kalle Idiot steht auf und geht – raus in den Regen. Ich höre sie hinter mir herrufen „Das wollte ich nicht! Bitte kommen Sie zurück! Ich gehe dann auch! Versprochen! Entschuldigung!“
Es regnet stark. Ich drehe um und gehe zurück. „Ich spreche nicht gerne“ erkläre ich. „Ich kann das nicht.“ „Und wenn ich ganz still bin, können wir dann beide hier sitzen?“ fragt die Frau bittend. „Ich setze mich auch, so weit es geht, an den Rand.“
Und so sitzen wir da und starren in den Regen. Die Frau trägt einen warmen, knallroten langen Regenmantel und schöne Boots. Kalle Idiot trägt seinen verschmierten Parka und die schmutzigen, löcherigen Turnschuhe, die völlig durchnässt sind. Zwischen seinen Beinen steht die Tüte mit Pfandflaschen. Und so sitzen wir da und starren in den Regen.
Etwas Seltsames passiert mit meinem Kopf. Obwohl ich nicht einmal zu der Frau hinsehe, erscheinen in meinem Kopf Bilder von uns beiden. Bilder aus einer anderen Zeit, einer anderen Welt, einem anderen Universum. Kalle Idiots Herz klopft wie wild, als er sich plötzlich erinnern kann an eine Dimension, in der es keine anfassbaren Sachen gibt. Keine Steine, keine Sträucher, keine Menschen, keine Krähen, keine Zeit und keinen Raum. Es ist alles so unwirklich in seinem Kopf – und doch scheint es ihm wirklicher als die Wirklichkeit.
„Was ist mit Dir“ fragt der Geist der Frau den Geist von Kalle Idiot. „Ich will lernen, als ein Nichts zu sterben“ höre ich mich flüstern. „Und? Ist es gut, diese Erfahrung zu machen?“ fragt der Geist der Frau. „Ich weiß noch nicht. Es ist noch nicht vorbei“ Stille. „Ich bin hier, um Seelen zu retten“ haucht es aus der Geisterfrau. „Auch gut“, antworte ich. „Ist es gut, diese Erfahrung zu machen?“ „Ich weiß es noch nicht. Es ist noch nicht vorbei“.
Die Frau und ich drehen uns zueinander um, schauen uns wie alte Freunde in die Augen und lachen los. Ja, echt, es ist noch nicht vorbei. Wir leben ja noch!
Dann erzählen wir uns gegenseitig unsere Geschichten aus diesem Leben. Sie erzählt, wie sie schon als kleines Kind ihre Mutter retten wollte, die in tiefer Verzweiflung und Hilflosigkeit dahinkümmerte. Und ich erzählte von meiner Schuld, von meiner großen Schuld als Versager, als Trinker, als Trottel, als Abschaum.
Immer wieder müssen wir beide loslachen über unser Leben hier unten als Menschen. Es ist so komisch! Wie ein Kasperletheater, in dem sie den eifrig beschäftigten Kasper spielt und ich den dämlichen Seppel, der alles verbockt, was man nur verbocken kann.
Als uns irgendwann nichts mehr zu erzählen einfällt, strahlt der Himmel schon länger wieder himmelblau, kein Wölkchen ist zu sehen. „Schaut mal, wenn Ihr lange genug hinguckt, könnt Ihr das Durchsichtige hinter dem Blau sehen! Dann seht Ihr den Himmel hinter dem Schleier!“ tönt eine Stimme.
Wir folgen dem „wer auch immer es ist“ und starren so lange in den Himmel, bis sich das Blau auflöst. Unglaublich, es funktioniert.
Zum Abschied schütteln wir uns lange begeistert die Hand. Ja, ich bin hier der Kalle Idiot, der herausfinden will, wie es ist, als Nichts zu sterben – warum nicht! Keine Ahnung, ob es sich lohnt. Es ist ja noch nicht vorbei. Und ich lache. Wie herrlich, wie herrlich, ein Mensch doch zu sein.





