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Datenhandel in Deutschland: Detailliertes Profiling für Versicherungen, Banken, Marken 0

Immer wenn ich über die Transparenz des Bürgers im digitalen Zeitalter schreibe, scheinen viele Leser zu denken „Ach sie wieder mit ihrem Lieblingsthema – gähn“. Wir haben uns nach und nach daran gewöhnt, dass dank der optimalen Zusammenarbeit der Datebroker detaillierte Profile von uns erstellt, analysiert und gehandelt werden. Von Google, Facebook, Amazon und Co reicht die Vernetzung bis zu den insgesamt ca 1.000 deutschen Datenhändlern – die größten sind wohl Acxiom, AZ Direct von arvato Bertelsmann, Experian und die Deutsche Post.

Der mdr berichtet im Oktober 2019 über eine Studie des Justiz- und Verbraucherministeriums (hier verlinkt) – und hat mit eigenen Recherchen erforscht, wie einfach es ist, an personenbezogene Profile von Bürgern in Deutschland zu kommen – inklusive ihrer sexuellen Orientierung und ihres Gesundheitszustandes. Ist uns das wirklich alles so egal?

In China, Vorreiter des Social Scorings mit der Tendenz, den öffentlichen Pranger als Erziehungsmittel zu wählen, gibt es bereits einen florierenden Menschenhandel mit Bürgern, die überschuldet sind und denen zunehmend ihre Bürgerrechte in China beschnitten werden. Es gibt sogar eine offizielle „Karte von schmarotzenden Schuldnern“, die sämtliche Chinesen aufzeigt, die im Umkreis von 500 Metern wohnen und die Schulden haben. Kein Wunder, wenn Betroffene, die selbstverständlich nicht legal ausreisen dürfen, so lange sie noch Schulden haben, Opfer von Menschenhändlern werden – und als Sklaven in Ländern wie Großbritannien enden.
Der Standard: App zeigt in China verschuldete Personen an

Nun kann man sagen, wir leben hier in einer Demokratie, haben damit nichts zu tun und gruseln uns nur über solche fremden Kulturen, die ihre Bürger dermaßen skrupellos unterdrücken – doch gibt es hier nicht ähnliche Auswirkungen, wenn Versicherungen, Arbeitgeber, Banken, Behörden und Marken auf unsere Persönlichkeitsdaten zugreifen – wohl gemerkt mit Klarnamen, Adresse und Kommunikationsdaten?

Wir sind ja nicht in China!

Vielleicht sollten wir mal ein bisschen in uns gehen und uns überprüfen, wo WIR erpressbar sein könnten. Von Politikern kennen wir das: Irgendwelche peinlichen, diskreditierenden, kriminellen Handlungen aus der Vergangenheit werden genutzt, um die Handlungsautonomie des Entscheidungsträgers einzuschränken.

Natürlich interessiert es normalerweise niemanden, wenn wir als Ottonormalverbraucher unsere Ehepartner irgendwann betrogen – oder unsere Kinder geschlagen haben. Und irgendwelche Drogenerfahrungen aus der Jugend oder pornografischen Experimente wird ja auch keine Institution und keinen Arbeitgeber verwenden, um uns zu kontrollieren. Sollte man also zusehen, möglichst unwichtig zu bleiben, damit der Lichtkegel nicht doch treffen kann und für Erpressungen und Verführungen eingesetzt wird?

Was macht Sie erpressbar?

Nur mal so, womit könnte man Sie erpressen bzw. diskreditieren?

  • Schulden
  • Sozial unerwünschtes Verhalten
  • Straftaten
  • Suchtproblematiken
  • Psychische Erkrankungen
  • Falsche Freunde und Kontakte
  • Politischer Extremismus
  • Ein psychologisch auffälliges Charakterprofil
  • Gamer-Profil
  • Aggressives Verkehrsverhalten
  • Heimlichkeiten, Lügen, Betrug
  • Aufnahme und Verbreitung von Gerüchten

Detailliertes Profiling des Einzelnen für alle zahlenden Kunden

Der mdr hat sich für seine Recherchen als Unternehmensberatung ausgegeben und bei AZ Direct, einer Tochterfirma von arvato Bertelsmann, um ergänzende Daten zu 150 Klarnamen gebeten, Für einen erschwinglichen Preis wurden den Namen mehr als 30 Charaktereigenschaften hinzugefügt. So entstehen Bürger-Profile, die sowohl dafür verwendet werden, mit passgenauen Botschaften den Konsumenten bzw. Wähler zu überzeugen – als auch Persönlichkeitsprofile, die die Eignung als Handelspartner, Arbeitnehmer, Versicherungskunde und Kreditantragsteller feststellen.

Was kann man tun?

Nichts, befürchte ich. Die DSGVO scheint überhaupt keinen Einfluss auf den international florierenden Handel mit persönlichen Daten zu haben. Auch die Deutsche Post darf mit persönlichen Daten handeln, ohne dass sie die Privatsphäre des einzelnen Bürgers schützen muss.

Was wir tun können ist zu lernen, uns innerlich von dem Wunsch, ein „braver Bürger“ zu sein, zu trennen. Wir müssen lernen stolz darauf zu sein, dass wir sind wie wir sind und dass wir handeln wie wir handeln. Es ist ok, Freunde zu haben, die den Datenbrokern und ihren Kunden suspekt erscheinen. Es ist ok, Schulden zu haben und sich in der Familie als schwarzes Schaf zu erweisen. Es ist ok, politisch eine eigenwillige Meinung zu vertreten und dementsprechend Quellenrecherche zu betreiben.

Wenn der Beherrschte nicht mehr beeindruckt ist

Auch in China gibt es immer mehr Menschen, die sich dem Social Scoring System gegenüber unempfindlich zeigen. Herrschaft funktioniert immer nur so lange, wie sie die Beherrschten beeindruckt. In dem Moment, wo ich nicht mehr erspressbar bin, weil ich von mir aus Transparenz und Offenheit für mein Fühlen, Denken, Sprechen und Handeln wähle, bin ich frei.

Sicher kann es sein, dass ich durch mein selbstständiges Handeln Nachteile erfahre. Ich wohne in einer Gegend, die als „Unterschicht-Quartier“ eingestuft wird? OK, das kann dazu führen, dass ich in meiner Kreditwürdigkeit herabgestuft werde und höhere Versicherungsbeiträge zahlen muss – aber soll ich mich dadurch zwingen lassen, in ein „anständiges Viertel“ umzuziehen?

OK, ich hatte einen Burnout in meiner beruflichen Biografie und habe dadurch gelernt, keine vernichtenden Kompromisse mehr einzugehen. Ist es da nicht vielleicht sogar von Vorteil, wenn Arbeitgeber erkenne, welche Erfahrungen ich vorzuweisen habe? Schützt mich die Datentransparenz nicht sogar davor, erneut wieder in ähnliche berufliche Umstände zu rutschen?

Der Mittelstand will auch mitspielen!

Nun will auch der Mittelstand vernünftigen Zugriff aus die persönlichen Daten der Bürger in Deutschland erhalten. OK, soll er doch! turi.de vom 22. Oktober 2019  Plattformen sollen kleinen Firmen mehr Daten geben  Vielleicht ist es sogar von Vorteil für jeden Einzelnen von uns, wenn wir nur noch Kontakt haben zu Menschen und Institutionen, die unseren Wertesystemen entsprechen.

Die Uhr zurückzuschrauben wird nicht möglich sein. Das Beste was wir erreichen könnten ist Transparenz darüber erlangen, welche Daten und Analysen über uns und unsere Persönlichkeit existieren – und bei wem diese liegen. In Estland scheint man da sehr vorbildlich vorzugehen. Estland betrachtet sich schon lange als „digitale Bürgergesellschaft“ und bemüht sich darum, den damit verbundenen Anforderungen gerecht zu werden.

„Das beste Geheimnis ist eine offene Tür“

Es wird eine harte Zeit – so oder so. Meine Strategie ist es, nach dem Prinzip „Das beste Geheimnis ist eine offene Tür“ vorzugehen. Ich fahre sehr gut damit und kann es nur weiterempfehlen. Auf jeden Fall sollte jeder für sich zu einer Strategie kommen, die wirkungsvoll ist. Der Datentransparenz zu entkommen, wird wohl das schwierigste Unterfangen zu sein. Edward Snowden hat wohl ganz gute Anleitungen dazu veröffentlicht. Kann man googlen. Also denken, entscheiden, umsetzen. Aber sich wegducken ist definitiv keine Lösung…

mdr vom 13. Oktober 2019: Datenbroker und ihr skrupelloses Geschäft – ein Selbstversuch

Studie zum Datenhandel (105-seitiges pdf) vom Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz – von 2017

 

 

 

Über Eva Ihnenfeldt

Als Expertin für Social Media Marketing berät und begleitet Eva Ihnenfeldt Unternehmen und Organisationen bei der Entwicklung von Social Media Strategien - und übernimmt als Dozentin Lehraufträge für Hochschulen, Kammern und andere Bildungsträger. Eva Ihnenfeldt - Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: e.ihnenfeldt@gmail.com

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