ja ist es denn ein Wunder! – Auswege finden durch die „Wunderfrage“

In der systemischen Therapie ist die so genannte Wunderfrage eine geniale Methode, um aus einem „Problemopfer“ einen „Lösungstäter“ hervor zu zaubern. Ich liebe diese Methode sehr, da sie uns ein wenig in die Welt der Märchen entführt. Solch eine Wunder-Traumreise ist zwar ohne Berater/in nicht so leicht allein durchzuführen, aber ich versuche es einmal an einem Beispiel zu zeigen – vielleicht regt es ja die Phantasie an 🙂

Die Wunderfrage – ein Beispiel

Bitte befreie mich von Weihnachten gute Fee

Mein Klient Hans hat seit vielen Jahren den absoluten Horror bei der Vorstellung an die Weihnachtszeit. Schon im Frühjahr gruselt es ihn wenn er daran denkt, was ab Mitte November auf ihn zukommt an Weihnachtsgesäusel – und das bis Anfang Februar des zukünftigen Jahres!

Zunächst versuche ich zu verstehen, was ihn so gruselt an der Weihnachtszeit. Er erklärt es mir: Es ist kurz und gut alles, was er mit „dem Fest der Liebe“ verbindet: Erzwungene Herz-Emotionen allerorten. Liebe in der Werbung, Liebe im Einzelhandel, Liebe in den Vorgärten, Liebe in den Medien, Liebe in den Familienfeiern, auf Plakatwänden, Liebe in Geschenken und Glückwunschkarten. Gemeinsam malen wir uns aus, wie dieser Liebesschwall die ganze Welt überdeckt wie mit einer Puderzuckerschicht.

Ich erzähle ihm von der Truman-Show (leider kennt er den Film nicht) und dem Protagonisten, der entdeckt, dass sein ganzes sonnig perfektes Leben ein einziger Betrug ist – eine Fernsehserie mit ihm als Hauptperson und lauter Schauspielern um ihn herum in der Rolle der Eltern, des besten Freundes, der Kollegen, Nachbarn, der liebenden Ehefrau…. und wie er am Ende des Films an einer Leiter nach oben steigt und aus der Inszenierung entflieht. „Vielleicht entdecke ich auch eines Tages die Leiter, die mich aus dieser Show bringt“ meint er nachdenklich.

Und dann spinnen wir gemeinsam herum, was anders wäre, wenn eine gute Fee dieses zuckersüße „Fest der Liebe“ wegzaubern würde. Keine Heuchelei und Angeberei mehr, keine erzwungene Liebe mehr, kein Zwang mehr dankbar sein zu müssen und das „Richtige“ zu schenken… einfach nur Winter ohne Schnickschnack.

Hans erinnert sich daran, wie Jesus das letzte Abendmahl erlebte. „Da hat er schon gewusst, dass er von seinen Jüngern – wie viele waren das? Neun? Elf? – verraten werden würde. Tun so freundlich und loyal, doch wenn es darauf ankommt, sind alle weg.“ „Ja“, antworte ich, „Und er sagte ganz traurig beim Essen ‚Petrus, ich sage Dir, bevor der Hahn kräht, wirst Du mich dreimal verleugnet haben‘.“ Wir schweigen ein bisschen – jaja, so sind die Menschen.

Am Ende der Sitzung fahren wir gemeinsam mit der U-Bahn zum Bahnhof und ich meine zu ihm „Immerhin gibt es noch was Schlimmeres als Weihnachtszeit im Ruhrpott mit den vielen Moslems – eine Kreuzfahrt auf der AIDA mit lauter Touristen, die ihre Klamotten und ihren Schmuck ausführen!“ „Und überall drumherum ist Wasser und man kann nicht weg!“ antwortet er und versteht.

Und wir schauen uns um und sind ganz erleichtert, in Dortmund in der U-Bahn zu sein und nicht auf der AIDA. Danke gute Fee. Vielleicht hast Du nun ein bisschen den Grusel aus der Weihnachtszeit genommen. Das wäre schön. Das wünschen Hans und ich uns. Und ansonsten gucken wir, was er noch alles tun kann, um der guten Fee zu helfen bei dieser Mammutaufgabe: Weihnachten wegzaubern für Hans – ach da fällt uns schon noch was ein…

Seit fast zwanzig Jahren auf der "freien Wildbahn" hat Eva Ihnenfeldt sowohl 2004 eine eingetragene Genossenschaft für Existenzgründer gegründet als auch 2011 eine Akademie für die Ausbildung von Social Media Unternehmenden. Lange Zeit war sie Dozentin und Trainerin für Marketing, Kommunikation und Social Media. Heute arbeitet sie als Coach für Menschen im beruflichen Wandel. Ihre Stärke ist es, IST-Situationen zu akzeptieren, Visionen zu erkennen und gemeinsam mit ihren Klienten Strategien zu entwickeln, die sich auch in der Praxis bewähren. Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: [email protected]

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One thought on “ja ist es denn ein Wunder! – Auswege finden durch die „Wunderfrage“

  • Reply Sabine 19. April 2022 at 14:28

    Liebe Eva,
    Danke für den schönen Beitrag. Er regt das Vorstellungsvermögen durchaus an, auch wenn meines in eine ganz andere Richtung zielt. Aber das Beispiel Weihnachten berührt mich auch, ich habe ähnliche Empfindungen, wenn ich Facebook-Beiträge lese. Ich empfinde es als verlogen, erzwungen und gefaked. Alle sind so superschön, supererfolgreich, superglücklich und immer guter Laune. Das ist wie Dauer-Weihnachten. Es ist unrealistisch, verlogen und einfach nur Show. Das hat mich einige Zeit betroffen gemacht, weil mein eigenes Leben eben nicht so perfekt ist. Aber wenn man versteht, dass die Menschen, die in dieser „Show“ leben, auch nicht wirklich erfolgreicher oder glücklicher sind, dann hilft das sehr.

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