Unser inneres Navigationssystem für Aussagen mit Wahrheitsanspruch, denen wir vertrauen, wird von vielen Faktoren beeinflusst: persönliche Erwartungen, Einfluss von glaubwürdigen Autoritäten, eigene Beobachtungen und Erfahrungen, die Auswahl der Medien, Wertesysteme, Emotionen, systemische Regeln. In unserer digital geprägten Welt mit den Eingriffen durch Künstliche Intelligenz wird es allerdings immer unmöglicher, Quellen und deren Wahrheitsgehalt zu vertrauen. Selbst die traditionellen Leitmedien verlieren an Glaubwürdigkeit.
Ist diese nicht aufzuhaltende, gesellschaftsübergreifende Verunsicherung der Menschen der Beginn von Bürgerkriegen und Demokratieauflösung? Oder liegt darin sogar eine transformierende Chance?
Meine persönliche Entwicklung
Von meiner Persönlichkeit und meiner Biografie her habe ich schon sehr früh jeder Obrigkeit misstraut. Die Verbrechen der nationalsozialistischen „Herrenmensch-Verblendung“ waren bei meiner Geburt erst 19 Jahre zuvor durch Bomben und Niederwerfung beendet worden. Gerade für Kinder und Jugendliche sind die Erzählungen und Fakten dieser Unmenschlichkeiten durch Eltern, Bildungssysteme und Medien kaum zu ertragen und prägend für das ganze Leben.
Bis heute misstraue ich jeder Obrigkeit und bin bemüht, politische Quellen zu konsumieren, die regierungskritisch eingestellt sind. Durch die digitalen Medien überfluten mich Kanäle mit kritischer Berichterstattung zu den USA, der EU, zu Russland, China, dem Nahen Osten – doch das, was jetzt gerade seit dem Iran-Krieg an widersprüchlichen Aussagen auf mich einprasselt, überfordert meinen Glaubwürdigkeits-Seismografen.
Rutschen wir in ein disruptives Finanzsystem mit US-Dollar-Stablecoins, die den gigantischen Schuldenberg der USA entwerten? Sind sowohl China als auch die Europäische Union wirtschaftlich bald am Ende durch die Sperrung der Straße von Hormus? Erleiden die USA und Israel eine vernichtende Niederlage gegen den Iran? Oder wird das Mullahregime im Iran ähnlich erfolgreich ausgeschaltet wie die Machtstrukturen in Venezuela?
Ich fühle mich politisch bankrott
Mir schwindelt. Ich erfahre gerade einen gesellschaftlich-politischen Bankrott. Wie fühle ich mich damit, wenn ich sage: „Alles nur ein Wettbüro. Alles nur wie beim Pferderennen. Ich habe keine Möglichkeit, mich für eines der unzähligen Narrative zu entscheiden. Und selbst, wenn ich jetzt die erleuchtende Wahrheit über die Zukunft hätte, was dann? Vermögenswerte kaufen? Auswandern? Den digitalen Detox und ein Zurück zur Natur einleiten?„
Hey Spieler, bist Du endlich soweit?
Da ich eine durch und durch positive Seele bin, die in jedem Bankrott, jedem Scheitern und in jeder persönlichen Niederlage rasch auf „Chance“ umschaltet, fühle ich mich erstaunlich erleichtert mit meiner systemischen Bankrotterklärung und mit der Einsicht:
„Ich weiß es nicht.“
Warum diese Erleichterung?
Gibt es einen schöneren Moment für einen Spieler im Casino als diesen, wenn er seinen letzten Cent verloren hat? Wenn alles vorbei ist und nichts mehr bleibt? Wenn er im Morgengrauen das Casino verlässt und sieht, wie die Sonne strahlend die Wolken durchbricht und den neuen Tag ankündigt?
Liegt nicht in jedem Scheitern eine Befreiung von dem, was die Illusion von Besitz, Sicherheit und anerkennender Gruppenzugehörigkeit vermittelte? Ist dieser Moment „Hey, Spieler, bist Du endlich soweit?“ nicht genau der Moment, der unseren inneren Seismografen für Wahrheit aufweckt und arbeiten lässt?
Achim Reichel – Der Spieler bei YouTube von 1983
Frei sein – wie der lachende Vagabund
Ich wünsche mir, ein freier Mensch zu sein, der ohne Vorbehalte lebt. Ich wünsche mir, wie der lachende Vagabund offen zu sein für all das, was um die nächste Biegung auf meinen Wegen wartet. Ich wünsche mir kindliches Staunen, ich wünsche mir Offenheit jedem Menschen gegenüber, ich wünsche mir die Möglichkeit, bis zu meinem letzten Atemzug da zu sein, wo ich etwas tun kann, was Liebe, Freiheit und Leichtigkeit von meinem Herzen in die Herzen meiner unzähligen wundervollen Brüder und Schwestern bringt.
Ich
wünsche mir, dahin zu gehen, wo man mich gerne aufnimmt, und ich wünsche mir, niemandem auf den Sack zu gehen, weil ich mit meiner Art für ihn oder sie eine fleischgewordene Provokation bin.
Ich
wünsche mir, an nichts zu hängen und nichts zu priorisieren. Alles, was ich will, ist dies: Menschen fröhlich machen, Menschen ihre einzigartige Kostbarkeit zeigen, Menschen mit diesem herrlichen Planeten versöhnen.
Macht „Wahrheitsverlust“ frei?
Dafür fehlte mir bisher eine grundlegende Erkenntnis, die ich dank dieses politischen Wirrwarrs endlich erhalte. Es gibt keine Wahrheit, der ich folge wie ein Hund seinem Herrchen. Ich akzeptiere jedes Narrativ und jede Überzeugung. Für mich selbst wähle ich ganz einfach die Aussagen aus, die meine Fröhlichkeit und mein Vertrauen stärken. Oder, wie Hannes Wader so schön sang:
„Heute hier, morgen dort, bin kaum da, muss ich fort…“





