Was bedeutet Kontemplation? Freude an der Einsamkeit…

Kontemplation bedeutet wortwörtlich „beschaulich, betrachtend“. Es wird in spirituellen Zusammenhängen verwendet, um zu beschreiben, wie es ist, wenn man sich herauszieht aus dem Menschengetümmel. Kontemplation bedeutet, zum stillen, unbeteiligten Beobachter zu werden. Nichts beurteilend, nichts bewertend – einfach nur in Zurückgezogenheit das Weltengetümmel liebevoll betrachten, was es auch sei. Das Große, Ganze wahrnehmen und spüren, dass man geliebt wird ganz so, wie man ist.

Einsamkeit zu Weihnachten und Silvester?

Schon als Kind habe ich darüber nachgedacht, was die Heiligabendsendung im Fernsehen „Wenn die Anderen feiern“ bedeuten mag. Ich stellte mir einsame Menschen ohne Familie vor, die traurig vor dem s/w-Fernseher sitzen und um verlorene Liebe und Zugehörigkeit trauern. In den Sechzigern war das Ende des Krieges und der Schuld noch sehr nah. „Wenn Die Anderen feiern“ hatte noch viel zu tun mit Tod, Schmerz, gewaltsamer Trennung. Meine Mutter stellte jedes Weihnachten eine Kerze ins Fenster, um an die Brüder und Schwestern in der DDR zu erinnern.

Es hat sich viel geändert. In diesem Jahr habe ich viele Menschen getroffen, die glücklich und erleichtert waren, weil Weihnachten mehr oder weniger für sie ausfällt. „Wir schenken uns nichts!“, rufen sie fröhlich aus. „Und es gibt auch keine richtigen Familienfeiern – nur ganz klein am Heilig Abend“.

Kontemplation – die Freude an der Einsamkeit

Man sagt, allein sein sei etwas Schönes – doch Einsamkeit sei schmerzhaft. Ich sage: Es ist möglich, Einsamkeit in etwas Wunderschönes, Feierliches, Kostbares zu verwandeln. Wir leben in unserem Land (zumindest zurzeit) in sozialer Sicherheit. Wir können gesellschaftlich Ausgestoßene sein, familienfern, unangepasst, verrückt, genial. Wir können den Luxus leben, unsere ganz eigene Wahrheit zu finden, unseren ganz eigenen Glauben, unseren ganz eigenen inneren Frieden.

Welche Zeit wäre besser geeignet für Kontemplation als die Zeit der Wintersonnenwende (22. Dezember) bis Anfang Januar? Abends durch die Straßen spazieren gehen und gütig die hell erleuchteten Fenster betrachten. Mit Kerzen und leckerem Essen jeden Moment genießen, der frei ist vom üblichen Weltengetümmel. Dankbar sein dafür, dass wir in der heutigen Zeit individuell unsere höchstpersönlichen Geschichten schreiben. Dass wir nicht mehr so sehr darauf angewiesen sind, was „die Leute denken“. Auch Ausgestoßene und Vagabunden können überleben – was für ein Geschenk!

Und an Euch, die Ihr zu alt und zu schwach sind, um das Haus zu verlassen – genießt jede Minute, die Ihr noch hier auf Erden sein dürft. Es gibt so viele Minikleinigkeiten, für die wir dankbar sein können. Das Vögelchen, das sich auf der Fensterbank niederlässt, ein Gläschen Likör, ein Stück Schokolade, die vertrauten „Alle Jahre wieder“-Sendungen im Fernsehen.

Meine Oma antwortete mir einmal, als ich sie fragte, was sie nun als Witwe den ganzen Tag so allein täte: „Nichts“. „Wie, nichts?“, fragte ich nach. „Gar nichts?“ „Ach, ich sitze einfach in meinem Sessel in der Küche und genieße die Ruhe.“ „Ohne Fernsehen? Ohne Musik, ohne Buch oder Zeitung?“. „Ja, einfach nur so“. Und sie strahlte.

Bild erstellt mit ChatGPT Image-Creator

Meine Oma war ihr ganzes Leben für die Anderen da – ob sie wollte oder nicht. Sie arbeitete Tag und Nacht an der Nähmaschine, um ihre Töchter durch den Krieg zu bekommen. Später hatte sie die Familie andauernd bei sich in der Küche sitzen, musste sie bedienen und dabei ertragen, wie sie sich kettenrauchend und Bier trinkend laut über Politik stritten. Und jetzt im Alter? Ruhe! Was für ein Geschenk! Ja, Oma war in ihrer Einsamkeit vielleicht zum ersten Mal glücklich im Leben, einem Leben mit zwei Weltkriegen und zwei Hungersnöten.

Einsamkeit

Wikipedia sagt: Das Lexikon der Psychologie des Spektrum-Verlags definiert Einsamkeit als „ein subjektives Phänomen, das vielfältige objektive Bedingungsfaktoren aufweist, jedoch vom physischen Alleinsein und von sozialer Isolation sowie dem positiv erlebten Für-sich-Sein (positiv erlebte Erfahrung der eigenen Individualität, Freiheit, Autonomie und Selbstbegegnung – solitude) unterschieden werden muss.

Freiheit und Selbstbegegnung

Gesellschaft ist wunderbar. Soziale Kontakte sind das, was uns Menschen formt wie Ton in den Händen seiner Schöpfer. Doch Kontemplation ist ebenfalls wunderbar, da wir ganz wir selbst sein können. Wie meine alte, klapprige, demente Oma, die einfach glücklich war über ihre Untätigkeit in der Stille des Alters. Lasst uns Beides pflegen: Die aufrichtige, liebevolle Begegnung genauso wie die Einsamkeit, wie das Für-Sich-Sein. „Lass die Leute reden“, wenn Du allein bist zwischen den Jahren. Erfreue Dich Deiner Einzigartigkeit und Deiner Klugheit. Und gönn Dir was! Du bist Dein eigenes Privileg. Herzlichen Glückwunsch zur Kontemplation.

Seit fast zwanzig Jahren auf der "freien Wildbahn" hat Eva Ihnenfeldt sowohl 2004 eine eingetragene Genossenschaft für Existenzgründer gegründet als auch 2011 eine Akademie für die Ausbildung von Social Media Unternehmenden. Lange Zeit war sie Dozentin und Trainerin für Marketing, Kommunikation und Social Media. Heute arbeitet sie als Coach für Menschen im beruflichen Wandel. Ihre Stärke ist es, IST-Situationen zu akzeptieren, Visionen zu erkennen und gemeinsam mit ihren Klienten Strategien zu entwickeln, die sich auch in der Praxis bewähren. Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: [email protected]

steadynews.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert