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Tinder für Ältere: Es geht! Ein Selbstversuch 0

Als eingefleischter Single habe ich in den letzten Wochen (als Teil meiner Supervision und als Kabbala-Analyse eines Students von mir) immer wieder zu hören bekommen „Öffne Dich für die große Liebe, lass Nähe zu, schütze Dich vor Vereinsamung im Alter…“, bis sie mich schließlich weichgekocht haben. Gestern früh beim Frühstück vor der Arbeit fand ich zufällig einen Artikel über Tinder und dachte ‚Gibt es da eigentlich eine Altersbeschränkung? Kann ja wohl unmöglich auch für Ältere sein – oder????‘ Also recherchierte ich…

Bei der taz wurde ich fündig. Tatsächlich verlor die Speed-Dating-App Tinder in den USA einen Prozess wegen Altersdiskriminierung. Ältere müssen nämlich für die Premiumversion bei Tinder viel mehr Geld zahlen als Jüngere – und das fand das Gericht diskriminierend – der Beweis war also erbracht – es geht!
taz im Februar 2018: US-Gericht verbietet unterschiedliche Preise nach Alter bei Tinder

Mit einem Blick zur Uhr (in zehn Minuten musste ich losfahren zur Arbeit) suchte ich die Tinder-App im Playstore und installierte sie. Registrieren ganz leicht per Facebook-Verbindung. Zack – Profil ausfüllen (kurze Bio und vier weitere Fotos zum Facebook-Profilbild) – fertig!

Noch fünf Minuten… Ich swipe durch die Männer ab 50 in einer Umgebung von 80 Kilometern. Da ich die Gebrauchsanweisung nicht vernünftig gelesen habe, mach ich zunächst alles falsch: Swipe nach links bei „Könnte gehen“ und nach rechts bei „Nein, nun wirklich nicht“. FALSCH!!! So entgeht mir ausgerechnet der, den ich am attraktivsten fand. Naja, egal.

In den fünf Minuten schaffe ich rund vierzig Profilfotos. Da ich ja alles falsch gemacht habe, ist auch ein Bild von einem breitbeinigen Unterkörper unter meinen „Könnte gehen“. Werde auch gleich von ihm „gematcht“ 😆 Schätze, der arme, alternde Hengst matcht alles, was ihm unter die schmachtenden Finger kommt.

Tinder ist ja wie ein OTTO-Katalog!

Ich bin begeistert! Wie in einem OTTO-Katalog kann ich auswählen zwischen ersten Eindrücken, die nur sehr grob aussagekräftig sind anhand von Kriterien wie „Statusorientiert beim Segeln oder mit Motorrad – weg“ oder „Urlaubsfoto – scheint ein langweiliges Leben zu haben – weg“ oder „Kaminfeuer, Wein, eindeutige Inszenierungen wie aus dem Strohhalm trinken – will Sex – weg“. Einige arme Hunde verstecken sich auch hinter Tierfotos, Landschaften oder etwas noch Absurderem – weg.

Tinder – warum eigentlich nicht?

Tinder tut nicht weh und ist relativ ungefährlich. In der Zwischenzeit habe ich natürlich gelernt, nach rechts zu swipen bei „Könnte gehen“ und nach links zu swipen bei „Passt nicht“. Ich habe auch gelernt, dass ich auf das kleine „i“ neben dem Foto klicken muss, um weitere Informationen zu erhalten. Dann kann man die weiteren Fotos durchwischen, kann die Kurz-Bio lesen und manchmal noch einen Lieblingssong des Mannes über Spotify hören. Dachte, das ginge nur, wenn man sich gegenseitig „Geliked“ hat – aber diese Infos kann man tatsächlich auch in der kostenlosen Version direkt sehen.

Kontakt aufnehmen ist allerdings nur möglich, wenn sich zwei Tinder-Nutzer gegenseitig geliked haben. Das ist dann das Match und man kann sich (wenn man will) eine Nachricht schreiben. Bisher habe ich erst eine Nachricht erhalten, von einem glücklich verheirateten Mann, der keinen Sex mehr hat in der Ehe. Fand es sympathisch, dass er ohne Umschweife direkt schreibt, was ist. Likes bekommt man natürlich sehr viele (geht ja alles so schnell) – und 9 Matches habe ich. Aber das hat nicht viel zu bedeuten. Ist eben wie bei Instagram – like, like, like, like…

Die Premium-Versionen von Tinder erlauben noch weitere Features und sie blenden die Werbung aus. Tinder Plus und Tinder Gold sind tatsächlich preislich gestaffelt – und für Ältere erheblich teurer als für Junge.

Tinder für Ältere? Warum nicht!

Natürlich habe ich mir auch Statistiken zu Tinder angeschaut. Für junge Menschen ist die App wohl immer mehr eine Selbstverständlichkeit – selbst wenn diese in festen Beziehungen sind. Macht eben Spaß zu zählen, wie beliebt man ist. Ich kann mir vorstellen, dass sogar Paare manchmal gemeinsam durch Tinder swipen und sich über die ersten Eindrücke der Fotos amüsieren. Sicher auch gut für eine Art erotisches Vorspiel. So wird die böse Eifer-Sucht zum spielerischen Knistern. Finde ich völlig in Ordnung.

Wir Ältere haben den Vorteil, dass im Moment sage und schreibe nur 1(!) Prozent der 50-Plusser bei Tinder sind. Heißt, wir haben einen klaren Pionier-Wettbewerbsvorteil und sind sozusagen als „Senioren-Nerds“ unter uns.

Mir kommt es so vor, als wären bei den 50-Plussern viele dabei, die einfach eine/n Kameraden/in suchen für gemeinsame Aktivitäten. Schließlich haben wir jahrzehntelange Beziehungserfahrungen und wissen die Vorteile eines autarken Lebens durchaus zu schätzen.

Ich finde es gut, dass durch diesen Filter schon mal konservative und vergangenheitssentimentale Ältere ausgesiebt werden. Wer mit über 50 bei Tinder ist, kann einfach nicht besonders negativ eingestellt sein gegenüber unserer Zeit. Das beruhigt mich.

Auch die eindeutige Suche nach Sex-Abenteuern wird seltener vorkommen als bei jungen Leuten. Man wird ruhiger im Alter. Natürlich gibt es psychisch Gestörte in jeder Altersgruppe und ich würde generell zu Vorsichtsmaßnahmen raten, wenn man sich tatsächlich verabreden sollte. Doch fragt man bei seinen Kindern und anderen jungen Tinder-Nutzern nach, scheint die Gefahr eines kriminellen Übergriffs extrem überschaubar zu sein. Ist eben lässiger Alltag, so ein Tinder. Und gefährlich ist das Leben sowieso.

Tinder ist gut für Ältere, die eine gewisse Leichtigkeit haben gegenüber „Könnte – könnte aber auch nicht“ Beziehungen. Dating-Plattformen wie Elitepartner sind relativ teuer und nur für Menschen geeignet, die tatsächlich eine langfristige Zweierbeziehung anstreben (oder viel Geld und Mühe in eine Zweitbeziehung investieren wollen).

50+ – Menschen wie ich, die einfach neugierig sind auf Leute – und die Lust haben, mit ähnlich Orientierten mal einen Samstag im Zoo zu verbringen, sind hervorragend bei Tinder untergebracht: Eine kleine Gruppe Älterer mit Smartphone, die cool finden, was die Jugend so entwickelt. Die Spaß haben an Zukunft und Kommunikation. Alles Weitere wird man sehen – oder man lässt es irgendwann wieder, wenn der Reiz verfolgen ist…

 

 

 

 

Über Eva Ihnenfeldt

Als Expertin für Social Media Marketing berät und begleitet Eva Ihnenfeldt Unternehmen und Organisationen bei der Entwicklung von Social Media Strategien - und übernimmt als Dozentin Lehraufträge für Hochschulen, Kammern und andere Bildungsträger. Eva Ihnenfeldt - Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: e.ihnenfeldt@gmail.com

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