Home / Management / 01.06.15 – Prof. Dr. Peter Kruse ist tot. Wir trauern um unseren digitalen Vordenker

Erst heute habe ich erfahren, dass Prof. Dr. Peter Kruse am 1. Juni 2015 an Herzversagen gestorben ist. Das bekümmert mich sehr, denn der Hirnforscher und renommierte Unternehmensberater war für viele Web 2.0 Aktivisten so etwas wie eine Lichtgestalt. Auch wenn spätestens seit Edward Snowden die naive Unschuld der „Graswurzelbewegung“ einer Ernüchterung gewichen ist, bleiben die Kernthesen seiner bekannten Thesen lebendig: Die digitale Entwicklung gleicht einer gesellschaftlichen Revolution: Die Macht verschiebt sich vom Anbieter hin zum Kunden, vom Arbeitgeber hin zum Mitarbeiter, von den Regierungen hin zum Bürger. Menschen können im Internet ihre Stimme erheben, können sich zusammenschließen, können Dinge bewegen, ohne dazu formell autorisiert worden zu sein.

Digitaler WandelIch selbst würde diese drei Bereiche (Kunde, Mitarbeiter, Bürger) gern noch erweitern: Künstler werden unabhängig von Produzenten, Verlagen, Agenturen und können sich selbst vermarkten. Schüler und Studenten werden unabhängig von Lehrern und Institutionen, können sich Wissen selbst aneignen und sich intrinsisch motiviert frei weiterbilden. Wir alle sind in der Lage, uns von Fremdbestimmtheit, Belohnung und Strafe zu verabschieden – und einem selbstbestimmten Leben wieder ein ganzes Stück näher zu kommen.

Heute morgen habe ich im Unterricht (14-tägiges Vollzeit-Marketing-Modul im Lehrgang „Online-Marketing“ für Akademiker und Führungskräfte) wieder einmal das wunderschöne Video von Prof. Dr. Peter Kruse gezeigt, in dem er vorstellt, mit welchen 8 Methoden Führungskräfte ein Unternehmen zum absoluten Stillstand bringen können. Im Anschluss wollte ich seine Bremer Unternehmensberatung nextpractice vorstellen – und las auf der Seite die traurige Nachricht, dass er im Alter von 60 Jahren (er ist nur 4 Jahre älter als ich!) vor zwei Monaten gestorben ist. Es ist so schade! In den USA gibt es zwar viele Visionäre und Vordenker im Bereich „Digitaler Wandel und die bewusste Gestaltung desselben“, doch bei uns in Deutschland ist es erschreckend still. Prof. Dr. Kruse arbeitete an der Gründung eines Instituts, das genau diesen gesellschaftlichen Wandel begleiten wollte und für eine lebenswerte Zukunft im Informationszeitalter tätig sein wollte. Was nun?

Ich wünsche mir, dass wir begreifen, dass das Informationszeitalter mehr ist als die Möglichkeit, mit der ganzen Welt in Echtzeit zu kommunizieren. Ich wünsche mir, dass wir begreifen, dass unser weltweites System neu gedacht werden muss, wenn Staaten ihre Unabhängigkeit verlieren, wenn Daten zur neuen Währung werden und Geld an Bedeutung verliert, wenn Menschen transparent werden und wenn sich innerhalb kürzester Zeit Bewegungen zusammenschließen können, die unabhängig von Zeit und Raum Einfluss nehmen können – mag es im Guten oder im Bösen sein.

Was wird aus dem Menschen, wenn er keine Geheimnisse mehr hat? Führt das zu einem gesteigerten Bewusstsein? Zu weniger Kriminalität? Zu mehr Toleranz und Empathie? Oder besteht die Welt bald nur noch aus Duckmäusern, die sich bemühen, keine anrüchigen Spuren zu hinterlassen? Die sich in jeder Minute fühlen wie in einem kameraüberwachten Big Brother Haus?

Was wird aus Regierungen, wenn jede üble Tat ans Licht kommt, weil irgendjemand sie hackt und ins Netz stellen kann? Was passiert, wenn sich Bürger über soziale Netzwerke immer leichter zusammenschließen können und Aktionen durchführen gegen Regierungen und Machtinstitutionen? Geben sich die Regierungsverantwortlichen mehr Mühe, im Sinne der Bürger zu handeln? Oder wird die Gewalt der Überwachungsdienste immer stärker und eine Gesellschaft wie in Orwells 1984 wird entstehen, um Transparenz und Bürgerwehr zu unterdrücken?

Und haben Mitarbeiter wirklich mehr Macht als früher? Müssen Unternehmen und Arbeitgeber tatsächlich selbstverantwortliche Arbeitsstrukturen und flache Hierarchien schaffen, um den veränderten Gesetzen des Marktes zu gehorchen? Oder wird es eine zunehmende Verelendung geben, die zu einer neuen, besonders brutalen Form der Unterdrückung und Ausbeutung führt, da noch nicht einmal das Nötigste zum Leben ausreichend vorhanden ist?

Was ist mit Künstlern und Kreativen? Werden sie es sein, die mit ihren schöpferischen Prozessen zu „Gurus“ einer neuen friedlichen Welt werden, weil sie sprachübergreifend anrühren und Bewusstheit wecken für unser menschliches Grundmotiv: „Wir wünschen uns, dass es allen fühlenden Wesen gutgehen möge“? Oder werden sie in einer Masse aus Kommerz zu Eintagsfliegen, die benutzt und weggeworfen werden wie ein Fastfood-Essen, und die nie von ihrer Kunst leben können?

Werden wir es schaffen, dass schon Kinder in der Lage sind zu formulieren, was sie lernen möchten und sich von Experten das dazu benötigte Material abholen? Können sich schon bald alle Lernbegierigen dieser Welt zusammenschließen und in Projekten selbstbestimmt und im eigenen Lernrhythmus Unfassbares aneignen an Wissen und Gestaltungsfreiheit? Oder werden die Menschen zu reinen Konsumenten von Unterhaltungselektronik und können kaum noch fehlerfrei schreiben – geschweige denn eigenständig denken?

Wie strukturiert und organisiert man all diese Prozesse, die weltweit durch den digitalen Wandel entstehen? Die „Infrastruktur des menschlichen Geistes“ kann nicht ignoriert werden, ebenso wenig wie das Menschenrecht an persönlichen Daten und demokratischer Teilhabe an der Gesellschaft.

Ich vermute, all das sind Themen, die das Institut von Prof. Peter Kruse bearbeiten wollte, durch Untersuchungen, Case Studies, Kultur-Vergleiche, durch Debatten, Forschungen, Informationen, Zusammenschlüsse gesellschaftlicher Visionäre. Wir brauchen dringend Philosophen, politisch Besessene, Pioniere und Abenteurer, die diese digitale Revolution mit intellektuellen Theorien begleiten. Möge das, was der „Internet-Guru“ Prof. Dr. Peter Kruse begonnen hat, bald wieder weiterleben und fruchtbar sein. Ich bin wirklich traurig, dass er nicht mehr unter uns ist.

Bildquelle: pixabay

Über Eva Ihnenfeldt

Als Expertin für Social Media Marketing berät und begleitet Eva Ihnenfeldt Unternehmen und Organisationen bei der Entwicklung von Social Media Strategien - und übernimmt als Dozentin Lehraufträge für Hochschulen, Kammern und andere Bildungsträger. Eva Ihnenfeldt - Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: e.ihnenfeldt@gmail.com

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Theme developed by TouchSize - Premium WordPress Themes and Websites