Arbeit neu denken im digitalen Zeitalter: Das „Underdog-System“

Die menschliche Gesellschaft steht vor zwei großen Herausforderungen: Durch die alles durchdringende Digitalisierung verändern sich Kommunikation und Arbeitsverteilung grundlegend. Entscheidungs-Prozesse werden – wo mathematisch begründet – an selbst lernende Computerprogramme abgegeben. Der Mensch verliert an Kontrolle. Der Mensch verliert an traditionell definiertem Wert, wenn die Welt immer weniger auf seine Arbeitsleistung und Intelligenz angewiesen ist.

Kommunikation, Einsamkeit und Transparenz

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay 

Beschleunigt durch die Corona-Pandemie verschieben sich Kommunikationsprozesse immer weiter in den digitalen Raum. Die damit einhergehende Einsamkeit und Kommunikations-Transparenz ist für viele Menschen eine bedrohliche Belastung. Nicht nur junge Menschen flüchten sich in Online-Welten und entziehen sich der Konsequenzen, soweit sie es vermögen.

Arbeitslosigkeit und psychische Erkrankungen

Ich möchte mich nun auf die Arbeitswelt und die Zunahme psychischer Erkrankungen konzentrieren und versuchen, einen Lösungsansatz zu präsentieren. Denn eins ist klar: Zurückdrehen lässt sich die Entwicklung nicht. Wir leben in einer Zeit, in der der Mensch seinen Sinn und Wert neu definieren muss, da Künstliche Intelligenz (oder genauer gesagt „Selbst lernende Computerprogramme“) die Steuerung von errechenbaren Prozessen in Wirtschaft, Politik, Medizin, Infrastruktur und Rechtswesen übernehmen.

Wird der Mensch überflüssig?

Die Obsoleszenz des Menschen ist eine grausame Vorstellung. Kann es sein, dass zunehmend viele Menschen überflüssig werden? Dass der einzige Sinn, den diese haben, im Konsum von überflüssigen Produkten liegt, um das Rad der Wirtschaft in Bewegung halten? Und dass die Menschen, die weiterhin im System gebraucht werden, kaum noch kreativen Gestaltungsraum haben? Erdrückt von mathematisch vorgegebenen Anweisungen werden Politiker, Manager, Bildungs- und Sozialgestalter, Wissenschaftler, Intellektuelle, Richter und Ärzte zu ausführenden „Befehlsempfängern“.  Ein Blick nach China reicht, um dystopische Phantasien zu beflügeln.

Der Mensch braucht Arbeit und Sinn

Meine Ahnen hatten es wahrlich nicht leicht. Sie kämpften ums Überleben als Landarbeiter, Industriearbeiter, wurden ausgebeutet, misshandelt, sterben gelassen. Mühsam erkämpften sie sich Rechte und Wohlstand, Menschenwürde, Emanzipation und Bildung.

Heute stehen wir vor einer Zeitenwende, in der mensch seine Würde erneut erringen muss. Und (für viele sicher erstaunlich) definiere ich Würde mit „Arbeit“. Nicht irgendeine Arbeit, sondern Arbeit als Ausdruck der eigenen Gestaltungsberufung.

Grundrechte

Ich bin kein Gegner des bedingungslosen Grundeinkommens. Ich befürworte, dass Menschen ein Grundrecht auf Wohnen, Heizung, Lebensgrundmittel, Bildung, freie Rede und Schutz vor Gewalt haben. Doch ich bin ein absoluter Gegner davon, Menschen in ihrer Freizeit einzusperren und zu bespaßen wie Tiere im Zoo.

Warum ist „Arbeit“ so wichtig für den Menschen?

Das, was für das Raubtier das Jagen ist (und für die Fluchttiere das gejagt werden) ist für uns Menschen das lebenslange Lernen. Wir streben nach Erkenntnissen und der Bewältigung von Herausforderungen. Wir sind Entdecker, Künstler, Heiler, Krieger, Handwerker, Könige und Priester. Unser geistiges Potential ist so mächtig! Das digitale Zeitalter kann für uns eine solche Chance sein, uns in Arbeit weiterzuentwickeln. Lasst uns aus der Krise eine Chance machen!

Arbeit und Spiel

Arbeit bedeutet im besten Sinne Spiel. Kleine Kinder gehen mit Ernsthaftigkeit an ihre Lernerfahrungen. Ihr Spiel ist ein gutes Vorbild für das, was Arbeit sein kann. „Gib Dein Bestes!“ Ist hierfür ein Stichwort. „Lass nicht nach!“ ein anderes. „Trau Dich Fehler zu machen – Finde Lösungen!“ ein drittes. Beim reifenden Kind kommt dann noch die Beziehungsebene hinzu „Du bist von Bedeutung für Deine Mitmenschen – Verantwortung tut gut!„.

Was ich mir wünsche sind neue Lern- und  Arbeitssysteme, die diesen natürlichen Urtrieb aufnehmen und transformieren. Weg von „Arbeit ist mühselige Qual. Ich freu mich auf die Rente“. Hin zu „Ich arbeite – also bin ich. Ich bin stolz auf mich und das, was ich kann“.

Pioniere einer neuen Arbeitswelt?

Gern würde ich mit einem solchen neuen Arbeitssystem bei denen beginnen, die von der Gesellschaft abgeschrieben wurden: Langzeitarbeitslose mit gesundheitlichen Einschränkungen. Für mich sind gerade sie unsere unterschwellige Elite – Wegweiser in eine neue Zeit der menschlichen Entwicklung. Sie, die unfähig sind, in unserem System zu funktionieren, tragen Stärken in sich, die zum Vorbild dienen können. Ich habe nun schon so viele gefühlvolle, traurige, in sich gefangene, im besten Sinne verrückte und tief denkende Überlebende kennen lernen dürfen, und ich habe gelernt, dass ihre Sensibilität und ihre Selbstverleugnung ein spiritueller Schatz ist für uns alle.

Das „Underdog-System“

Ich stelle mir einen Ort vor, in dem gearbeitet, gestaltet, gelernt und entschieden wird. Ein Ort, in dem die Schaffenden auch die Bestimmenden sind, einen Raum der demokratischen Debatte. Die Rahmenbedingungen des Systems gestalten die Leiter des Unternehmens, die wahren Entrepreneurs, die mit dem Unternehmer-Gen. Sie sind diejenigen, die für Finanzierungsmittel sorgen, für Einnahmemöglichkeiten ihrer Mitglieder, die Strukturen entwerfen und optimieren, in denen sich gewalt- und machtfrei gestalten lässt.

Sie kümmern sich um die Alten, Schwachen und Kranken, sie sorgen für Mediation in Streitfällen, sie sind verantwortlich für die Infrastruktur, die Akademie und den Vertrieb. Sie wollen investieren, wachsen, wollen Einfluss und Gewinn. So sorgen sie dafür, dass das System stark wird und sich ausbreiten kann als Modell von „Arbeit aus profitfreier Selbstwirksamkeit“. Viele Pioniere haben bewiesen, dass das möglich ist! Rudolf Steiner begann mit einer Schulklasse für Fabrikarbeiter-Kinder. Andere Pädagogen wie Maria Montessori und Janusz Korczak haben Unglaubliches geleistet. Muhammad Yunus hat ein System entwickelt, dass Besitzlosen ermöglicht, ein eigenes Unternehmen zu gründen.

Es wird Zeit, Arbeit neu zu definieren

Nun ist es Zeit, Arbeit neu zu definieren. Profitmaximierung und der Traum von der Million sind nicht länger Leitbild, sondern Würde und Sinn. Menschen mit Depressionserfahrungen können beurteilen, was sinnvolle und stärkende Tätigkeiten und Strukturen sind. Sie können aus ihrer Sensitivität heraus wahrnehmen, was wir Menschen brauchen im digitalen Zeitalter, im Zeitalter der menschlichen Obsoleszenz. Sie können erforschen, worin der Mensch unersetzbar einzigartig und unaustauschbar wertvoll ist. Maschinen sind Maschinen – und Mensch ist Mensch. Und das ist wunderwunderschön.

Seit fast zwanzig Jahren auf der "freien Wildbahn" hat Eva Ihnenfeldt sowohl 2004 eine eingetragene Genossenschaft für Existenzgründer gegründet als auch 2011 eine Akademie für die Ausbildung von Social Media Unternehmenden. Lange Zeit war sie Dozentin und Trainerin für Marketing, Kommunikation und Social Media. Heute arbeitet sie als Coach für Menschen im beruflichen Wandel. Ihre Stärke ist es, IST-Situationen zu akzeptieren, Visionen zu erkennen und gemeinsam mit ihren Klienten Strategien zu entwickeln, die sich auch in der Praxis bewähren. Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: [email protected]

steadynews.de

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