Arbeitsdienst für Arbeitslose? Oder ein „Recht auf Arbeit“ für alle Bürger?

Zurzeit geht durch die Medien, dass Dänemarks sozialdemokratische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen eine Arbeitspflicht für langzeitarbeitslose Migranten angekündigt hat. Wer Sozialleistungen erhält, soll im Gegenzug 37 Wochenstunden arbeiten. Dänemark geht allerdings schon lange ganz andere Wege als zum Beispiel Deutschland. Selbstständige sind in die Sozialversicherungen integriert, das Kündigungsrecht ist locker, Arbeitslose erhalten eine intensive Begleitung und das Recht auf einen maßgeschneiderten Plan, wie sich weiterentwickeln, weiterbilden, über Förderungen erneut in den Arbeitsmarkt integrieren können. Im Gegenzug ist jeder Arbeitslose verpflichtet, schnellstmöglich Arbeit anzunehmen. Er hat also mehr Rechte auf Förderung als in Deutschland – aber auch mehr Pflichten.

Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay 

Konservative Politiker wie Friedrich Merz von der CDU sind nun ganz begeistert von der Vorstellung, Zuwanderer müssen 37 Stunden wöchentlich Müll aufsammeln, um weiterhin Sozialleistungen zu erhalten. Wahrscheinlich verspricht sich die CDU Wählerstimmen bei der nächsten Bundestagswahl am 26. September 2021 von Bürgern, die überzeugt davon sind, dass Migranten und Langzeitarbeitslose die arbeitende Bevölkerung skrupellos ausnutzen, um sich ein schönes, faules Leben einzurichten – oder schwarz zu arbeiten und den brav zahlenden Steuerzahler zu verhöhnen.
Merz will Arbeitspflicht für Arbeitslose

Langzeitarbeitslosigkeit macht krank – immer

Das Bild von dem feixenden Langzeitarbeitslosen, der sich ein Leben komfortabel einrichtet wie ein in den Tag hineinlebender Mallorca-Rentner, ist definitiv falsch. Ich habe nun fast ein Jahr lang mit Langzeitarbeitslosen gearbeitet, habe sie gecoacht und versucht, mit ihnen gemeinsam Wege aus seelischem und körperlichen Leid zu finden. Eines ist mir schnell klar geworden: Die finanzielle Armut ist für meine mir Anvertrauten eine geringere Belastung als das tagtägliche Nutzlos-Sein. Meine Klienten sehnen sich vor Allem danach, eine Aufgabe zu haben, auf die sie stolz sein können. Sie wollen sich gesellschaftlich einbringen und etwas tun, was ihren Fähigkeiten entspricht und was ihnen die Möglichkeit gibt, sich weiterzuentwickeln.

Nur die Wenigsten können sich vorstellen, Müll am Strand zu sortieren, im Amazon-Lager Pakete zu schleppen oder acht Stunden täglich zu putzen oder mit dem Fahrrad Pizza auszufahren. Meine Klienten sind gesundheitlich dermaßen eingeschränkt, dass man sehr behutsam vorgehen muss, um sie in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Langzeitarbeitslosigkeit macht depressiv, und Depressionen machen langzeitarbeitslos. Klar kann man versuchen, über Bedrohungen und Entzug der lebensnotwendigen Mittel eine neue Art der Arbeitssklaverei einzuführen. Dann leben wir bald ähnlich so wie in den USA oder in Großbritannien. Super Aussichten, wenn die Flaschensammler (traurig genug) bald auch nach Essensresten in Mülltonnen wühlen, weil sie ihrem verpflichtenden Arbeitsdienst nicht ordnungsgemäß nachgekommen sind.

Die Massenarbeitslosigkeit wird kommen

Ich bin überzeugt davon, dass wir dank der technologischen Entwicklung eine Massenarbeitslosigkeit bekommen werden, die ganz neue Dimensionen mit sich bringt. Und ich bin überzeugt davon, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen nicht die Lösung für die Herausforderungen sein wird, die mit dieser Massenarbeitslosigkeit einhergehen. Falls wir nicht in psychischen und sozialen Erkrankungen ersticken wollen, brauchen wir eine Bewegung, die für das „Recht auf Arbeit“ eintritt. Und zwar auf das Recht auf selbstbestimmte, menschenwürdige Arbeit, die passgenau den eigenen Möglichkeiten entspricht – und Rücksicht nimmt auf persönliche Einschränkungen.

Nehmen und Geben

Ja, auch ich meine, jeder Mensch soll Nehmen und Geben im gesunden Gleichmaß leben. Wenn ein Mensch lebt wie ein Bettler, der ohne Gegenleistung das erhält, was er zum Überleben braucht, wird dieser Mensch krank. Er hört auf an sich zu glauben und er verliert das Gefühl dafür, wer er wirklich ist und was das unverzichtbar Einzigartige an ihm ist. Er vergisst, warum er gebraucht wird. Seine Seele verkümmert.

Ich will, dass jeder Mensch – unabhängig von Intelligenz, Herkunft, körperlichen Fähigkeiten und seelischen Problemen – sich einbringen kann in die Gesellschaft, in der er lebt. Ich will, dass wir begreifen, dass „Faulheit“ keine skrupellose Charakterschwäche ist sondern eine Lähmung, die durch Frustration, Angst und Selbstzweifel entstanden ist.

Null Prozent Arbeitslosigkeit

Ja, ich bin dafür, dass wir daran arbeiten, zu einer null Prozent Arbeitslosigkeit zu kommen. Ich will, dass auch alte Menschen sich einbringen in die Gesellschaft, und nicht, dass Rentner nutzlos in ewiger Freizeit verkümmern müssen. Es gibt so viel zu tun! Und jeder kann was! Lasst uns Arbeit ganz neu definieren und lasst uns aus unseren Köpfen streichen, dass Arbeit eine Fron ist, der man sich zu beugen hat, weil die Mächtigen es verlangen. Blödsinn. Arbeit ist Freude, Erfüllung, Bewegung, Herausforderung und das tiefe Wissen, wichtig zu sein. Auch beim Müll sammeln oder Plakate kleben – nicht auf das „Was“, auf das „Wie“ kommt es an! Und da gibt es noch eine Menge zu verbessern, damit wir Burnouts, Ausbeutung und Mobbing besiegen.
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Also packen wir es an! Dänemark ist wirklich ein gutes Vorbild, aber nur, weil sie mit Respekt und Wertschätzung miteinander ihre Gesellschaft leben – und nicht weil sie eine neue Art von Zwangsarbeit einführen wie damals die Deutschen im Dritten Reich. Jeder Mensch soll eine gute Aufgabe erhalten können, soll sich weiterentwickeln können, lernen, sich entspannen und gesunden. So wie wir auch in Schulen nicht mehr über Strafen und Prügel erziehen, so wollen wir auch die Erwachsenen endlich mit Liebe mit Respekt annehmen. Nur so finden wir zu einer guten Welt, in der der Mensch dem Menschen ein Helfer wird.

Seit fast zwanzig Jahren auf der "freien Wildbahn" hat Eva Ihnenfeldt sowohl 2004 eine eingetragene Genossenschaft für Existenzgründer gegründet als auch 2011 eine Akademie für die Ausbildung von Social Media Unternehmenden. Lange Zeit war sie Dozentin und Trainerin für Marketing, Kommunikation und Social Media. Heute arbeitet sie als Coach für Menschen im beruflichen Wandel. Ihre Stärke ist es, IST-Situationen zu akzeptieren, Visionen zu erkennen und gemeinsam mit ihren Klienten Strategien zu entwickeln, die sich auch in der Praxis bewähren. Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: e.ihnenfeldt[email protected]

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