Home / Management / Definition der postfaktischen Demokratie: Zu viele Fakten, nur noch Emotionen zählen

Die Welt spricht verstärkt seit dem amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2016 von der „postfaktischen Demokratie“. In Deutschland wird vor Allem die Kommunikationspolitik der AfD auseinandergenommen, um das Phänomen zu beschreiben. Laut Wikipedia wurde der Begriff erstmals 2004 von Ralph Keyes in seinem Buch The Post-Truth Era beschrieben. Es geht darum, dass die Menschen sich sich mehr durch Fakten überzeugen lassen, sondern dadurch, dass ein Politiker ihre Emotionen verstärkt. „Es fühlt sich richtig an“ ist der Seismograph, mit dem der Wahrheitsgehalt gemessen wird. Passt doch sehr gut zu den Social Media Marketing Grundsätzen, mit denen wir unsere Produkte verkaufen: Vertrauen, Authentizität und das gemeinsame „Why“. Und mal ehrlich, ist Politik nicht auch ein Produkt, sozusagen eine Dienstleistung für das „Große Ganze, in dem wir leben“?

Ich und meine Strategie in der postfaktischen Welt

Die postfaktische Demokratie im US-WahlkampfIch selbst bemühe mich redlich, mir im Web Informationen zu beschaffen, die „wahrhaftig“ sind, und keine verfälschende PR oder Propaganda. Dafür nutze ich RSS-Feeds und stelle mir meine individualisierte „Tageszeitung“ zusammen, die aus ca 150 Online-Zeitungen und Blogs besteht. Jeden Morgen höre ich etwa eine Stunde lang WDR 5 und fühle mich dort als Konsument ernst genommen und aktuell informiert. Im Fernsehen sehe ich immer seltener Tagesthemen oder Heute Journal, da mir die Art der Nachrichtenauswahl und Präsentation zu vorausschaubar und einseitig ist. Tagesschau 24 ist immer mal gut für den visuellen Eindruck aktueller Ereignisse.

Wenn mich politische Themen besonders interessieren, gebe ich Keywords bei Google-News ein und lese mehrere Quellen, um den Faktenkern herauszuarbeiten. Über politische Podcasts wie „Lage der Nation“, „Deutschlandfunk Hintergrund“ und „Aufwachen“ versuche ich, meine Interpretationen mit denen von Journalisten und Experten, denen ich vertraue, abzugleichen.

Und dann gibt es natürlich noch Facebook und Twitter. Ich streame durch meine Timeline und sehe Posts aus Politik und Gesellschaft von meinen Facebook-Freunden, denen ich ebenfalls unterschiedlich vertraue. Bei Einigen vertraue ich blind, wenn sie eine Quelle weitergeben, bei Anderen recherchiere ich erst einmal nach, ob das Ganze denn wohl wirklich so ist.

Wie würde ich mich informieren, wenn ich einen anderen Beruf hätte?

Wäre es nicht mein Beruf, täglich aktuell informiert sein zu müssen, hätte ich sicherlich schon lange resigniert und mich irgendwie im „postfaktischen Zeitalter“ oberflächlich eingerichtet. Entweder ich würde überhaupt keine Nachrichten mehr konsumieren, weil ich ja Nichts und Niemandem komplett vertrauen kann, oder ich würde mir ein, zwei Quellen aussuchen und mir das Notwendigste zuführen.

Wahrscheinlich würde ich WDR 5 und die Welt (ja, ausgerechnet die Welt.de von Springer) wählen. Spiegel und Focus gehen gar nicht, viel zu populistisch. Die ZEIT ist toll für Überaktuelles; FAZ und Handelsblatt ganz gut für Wirtschaft, aber in der kostenlosen Version zu oberflächlich. Ideal wäre natürlich eine Flatrate für ca 15 Euro monatlich, mit der ich die wichtigsten Tageszeitungen durchblättern könnte, aber das wird es so bald nicht geben.

Auch ich richte mich nach meinen Emotionen, um „Wahrhaftiges“ zu beurteilen

Bei all meinen Bemühungen, faktensicher zu sein, ist in letzter Instanz auch bei mir die Emotion ausschlaggebend. Ich wüsste auch beim besten Willen nicht, wie ich das vermeiden oder abschalten könnte. Manchmal lese ich mir sogar die Biografie von einem Autoren durch – oder schaue mir ein Interview mit ihm bei YouTube an, um mir ein Bild der „Wahrhaftigkeit“ zu machen. Tonfall, Ausdruck, Bewegungen… das sind meine eigentlichen Berater, um Interpretationen der Realität zu glauben.

Ich kann die Menschen verstehen, die ganz klar sagen: „Ich glaube nur noch denen, die für mich vertrauenswürdig reden und ausschauen“. Was mich nur dabei irritiert ist, was für Menschen in diesem postfaktischen Zeitalter vertrauenswürdig erscheinen. Nicht etwa Politiker und Engagierte, die für Menschlichkeit und Demokratie einstehen – sondern Politiker, die Hass predigen und sich durch Skrupellosigkeit und rhetorische Brutalität hervortun!

Der aufgeklärte Mensch in der postfaktischen Demokratie

Also ich denke, die digitale Welt mit ihren unzähligen Informations- und Interpretationsquellen ist definitiv eine Bereicherung für den aufgeklärten Menschen. Unvorstellbar, dass die regionale Tageszeitung vor zehn Jahren noch die „Wahrheit“ zu enthalten schien, und dass die Menschen um 20.00 Uhr vertrauensvoll zur Tagesschau im Wohnzimmer pilgerten wie zur Kirche. Doch nun offenbart sich eben auch der Charakter der Menschen, die die freie Auswahl haben und sich Minute für Minute entscheiden können für ihre „gefühlten Wahrheiten“. Sie gehorchen nicht mehr der Stimme des Staates und seinen Organen, sie suchen sich ihre eigenen Führer und Prediger, damit müssen wir leben.

Ich hoffe, die derzeitige Kirmes der lauthals Brüllenden wird bald entlarvt und die Menschen beginnen nach und nach, sich wieder in der Tiefe mit gesellschaftlichen Herausforderungen und Ungerechtigkeiten zu beschäftigen. Eigentlich bin ich sogar sicher, dass es bald so kommen wird, und der Fast-Food-Mob wieder dahin verschwindet, wo er herkommt. Es sei denn, die Führer dieser emotionalen Junkies schaffen es, von einer Mehrheit gewählt zu werden in Europa und den USA – dann Prost Mahlzeit, dann ist es wahrscheinlich zu spät, friedlich in der postfaktischen Demokratie zu überleben. Schätze, dann gibt es Krieg und Gewalt – und zwar da, wo wir leben und nicht schön weit weg in Syrien und dem Jemen.
Tag der Deutschen Einheit 2016: Unglaublich, als sich die Polizei mit dem Pegida-Mob verbrüdert hat. Wenn Trump und Co die Wahlen gewinnen, dann wissen wir bald, was „Ordnungsmacht“ bedeuten kann…

Über Eva Ihnenfeldt

Als Expertin für Social Media Marketing berät und begleitet Eva Ihnenfeldt Unternehmen und Organisationen bei der Entwicklung von Social Media Strategien - und übernimmt als Dozentin Lehraufträge für Hochschulen, Kammern und andere Bildungsträger. Eva Ihnenfeldt - Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: e.ihnenfeldt@gmail.com

2 thoughts on “Definition der postfaktischen Demokratie: Zu viele Fakten, nur noch Emotionen zählen

  1. Der Artikel ist selber teilweise postfaktisch, weil er…..

    a) …den kompletten postfaktischen Bereich des linken politischen Spektrums unterschlägt. Beispielsweise setzen die Grünen seit Jahrzehneten extrem auf Emotionen (alleine die Gründung basiert auf dem postfaktischen Märchens des „Waldsterbens“)

    b) …..am Ende Wörter wie „emotionale Junkies“ oder „Fast Food Mob“ für den politischen Gegner benutzt.

  2. Danke lieber Marc für den Hinweis! Ich schwanke immer hin und her, ob ich mitmachen soll bei dem emotionalen Überdruck – oder mich verweigern. Problem ist: Es macht total Spaß,auch mal „über die Stränge zu schlagen“ und etwas Provokantes rauszujagen. Sozusagen als Kommentar am Ende des Artikels. Aber Tatsachen und Meinungen zu vermischen, das mag ich gar nicht (drum mochte ich die TAZ nie)

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