Passen Menschen 50+ noch in die digitalisierte Welt?

Ja, der Mensch verändert sich mit dem Alter. Durch die Umwandlung des Gehirns, durch die Umwandlung des psychischen Systems, durch die Umwandlung der sozialen Umwelt. Menschen über 50, die sich beruflich neu orientieren müssen oder wollen, müssen erkennen, dass sie auch bei hervorragender Qualifikation und Biografie Schwierigkeiten bei der Bewerbung haben. Auch in sozialen Gemeinschaften wie Vereinen, NGO’s und Parteien schrecken junge Menschen davor zurück, sich gemeinsam mit älteren Menschen zu engagieren. Und das hat gute Gründe in unserer digitalen Welt.

Ermüdende Männer, ermüdende Frauen

Ich selbst habe sehr lange versucht, jugendlich zu bleiben. War sehr früh dabei, als die Web 2.0-Szene entstand. Hatte lange auch privat vor Allem Kontakt zu jungen Menschen, – habe zugesehen, dass ich den „Rechthabern“, „Ewig-Gestrigen“ und „Langeweilern“ meiner Generation aus dem Wege gehe. Gerade bei Männern fand ich es ermüdend, ihre stundenlangen Belehrungen und Vergangenheitsanekdoten ertragen zu müssen. Bei Frauen ist das anders. Ältere Frauen können zwar durchaus auch langweilen, wenn sich die Gespräche nur um Familie, Ehemann, Statustrophäen, Kinder und Enkel drehen. Doch die Rechthaberei und Belehrerei des männlichen Geschlechts fehlt meiner Erfahrung nach völlig bei Frauen (außer vielleicht bei mir 😉 ).

Sind Senior-Beratungen wie alter Wein in neuen Schläuchen?

Wir leben in einer Welt, die sich in rasender Geschwindigkeit fortbewegt. Das hat zur Folge, dass die Erfahrungen der älteren Menschen leider nicht mehr so nützlich ist wie noch vor dreißig Jahren. Möchte ich mich als Gründer im digitalen Zeitalter von einem erfolgreichen Senior-Unternehmer beraten lassen? Oder ist es womöglich eher mühselig als hilfreich, wenn dieser mir Strategien empfiehlt, die in den Achtziger Jahren erfolgreich waren? Braucht man heute überhaupt noch einen Businessplan in dieser agilen Zeit, in der Produkte häufig schon zwölf Monate nach der Entwicklung wieder vom Markt verschwunden sind. Und wie funktioniert Marketing heute? Ist es hilfreich, mit dem Denken des letzten Jahrtausends die Markenkommunikation aufzubauen? Wahrscheinlich eher nicht…

Solche und solche – Babyboomer in der digitalen Welt

Selbstverständlich gibt es auch viele tolle Beispiele. In der „Höhle der Löwen“ sind so einige der Investoren um 50+ – und sie wirken neben ihren jüngeren Kollegen häufig imposanter durch ihren Erfolg, ihr gefestigtes Wertesystem und ihre Erfahrung. Auch bei Politikern, Forschern, Vordenkern und Künstlern gibt es viele Babyboomer (Jahrgang 1946 bis 1964) die uns alles andere als verstaubt oder erstarrt vorkommen. Doch all diese älteren Vorbilder und Autoritäten zeichnet aus, dass sie sich weiterentwickeln und bereit sind, sich mit dem „digitalen Planeten“ aktiv auseinanderzusetzen. Gibt es Schlimmeres als einen Babyboomer, der über Social Media seinen Stab bricht ohne in sozialen Netzwerken aktiv zu sein? So nach dem Motto „Früher war alles besser – das weiß ich aus ARD und ZDF“.

Der gefestigte Charakter – Segen und Fluch

Ja, auch ich spüre an mir, wie ich mich immer weiter von der „fluiden Intelligenz“ hin zur „kristallinen Intelligenz“ entwickle. Beim Memoryspiel hätte ich wahrscheinlich nur noch Gewinnchancen gegen Achtzigjährige. Mein Gedächtnis gleicht einem Sieb…

Und doch hat auch die kristalline Intelligenz ihre ganz eigenen Vorteile. Dadurch, dass mein Gehirn sich immer lieber und intensiver auf die eigene Gedanken-Bibliothek konzentriert als auf die tagtäglichen Schlagzeilen, steigen sowohl Selbstbestimmung als auch Gelassenheit gegenüber dem, was ich bin und wie ich bin. Meine Fähigkeit, Menschen zu verstehen, wird dadurch stärker. Da es mir nicht mehr so wichtig ist, wie Andere über mich denken, kann ich mich besser auf mein Gegenüber konzentrieren. Ich glaube, einer der Gründe, warum kleine Kinder so gern ältere Menschen mögen ist, dass sie das spüren. Sie fühlen sich erkannt und geborgen.

Meine Empfehlung an andere Babyboomer

Tut alles, um Euch in der digitalen Welt fit zu halten. Stellt Euch einfach vor, Ihr wäret nach China ausgewandert. Sicher sind Euch die Gebräuche und Sitten dort fremd. Aber würde es etwas nützen, wenn Ihr andauernd schimpft, dass in Deutschland alles viel besser ist? Wohl kaum. China ist tatsächlich eine gute Metapher, da es in China keine Grundsatzdiskussion gibt über soziale Netzwerke, den digitalen Zahlungstransfer, automatische Identifizierung von Personen und Fahrzeugen über Kameras und und und. Die Chinesen mögen es zum großen Teil, dass der Staat sie durch Überwachung und zentrale Steuerung beschützt vor Kriminellen und (zumindest ein bisschen) vor korrupten Beamten.

Geht doch einfach mal in soziale Netzwerke und probiert es aus! Oder haltet Euch zumindest zurück mit Urteilen drüber, dass die digitale Kommunikation minderwertig, schädlich oder gar verdummemd sei. Es entlarvt Euch sofort als „zurückgebliebene Digital-Rassisten“, wenn Ihr über die neuartige, Euch fremde Kultur den Stab brecht. Ihr seid ja auch nicht begeistert von Reaktionären, die rechts wählen und dem Vergangenen hinterhertrauern.

Versöhnt Euch mit der digitalen Revolution

Versöhnt Euch damit, dass Ihr nun also in einer ganz neuen Zeit angekommen seid, die mit der vertrauten analogen Welt von Tag zu Tag weniger zu tun hat. Wir sehen es ja an der Politik: Die Zeit der langfristigen Visionen ist vorbei. Führung kann nur noch reagieren auf die vielen Daten, Berechnungen und Veränderungen. Auch in der Wirtschaft und Finanzwelt sind nicht mehr die Visionäre gefragt – sondern die, die rasch auf Marktveränderungen reagieren können – und die hervorragend vernetzt sind.

Vernetzt ist man übrigens auch als einflussreicher Manager nicht mehr durch Briefe und Telefon – sondern durch digitale Kommunikation! Stellt Euch vor, in Social Media gibt es nicht nur Peinlichkeiten und andere primitive Absonderlichkeiten – dort gibt es einflussreiche Netzwerke, die hervorragend funktionieren und die weitaus mehr Funktionalitäten bieten als E-Mails!

Nehmt Euch ein Beispiel an hippen Babyboomern wie Armin Rohde oder Nina Hagen. Es ist ein Segen, älter zu werden – auch für die Menschen, die mit uns zu tun haben. Wir Älteren strahlen Ruhe aus, Selbstsicherheit, Authentizität und sogar Furchtlosigkeit. Damit lässt sich eine Menge bewegen. Aber hört auf, mit dem Wissen aus dem analogen Zeitalter zu prahlen wie ein reaktionärer AfD-Wähler, der sich die Vergangenheit zurückwünscht. Euer Wissen kann man heute googlen. Also bleibt frisch und in der Gegenwart. Dann seid Ihr wirklich unersetzbar. Dann sind wir wirklich unersetzbar…

Seit fast zwanzig Jahren auf der "freien Wildbahn" hat Eva Ihnenfeldt sowohl 2004 eine eingetragene Genossenschaft für Existenzgründer gegründet als auch 2011 eine Akademie für die Ausbildung von Social Media Unternehmenden. Lange Zeit war sie Dozentin und Trainerin für Marketing, Kommunikation und Social Media. Heute arbeitet sie als Coach für Menschen im beruflichen Wandel. Ihre Stärke ist es, IST-Situationen zu akzeptieren, Visionen zu erkennen und gemeinsam mit ihren Klienten Strategien zu entwickeln, die sich auch in der Praxis bewähren. Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: [email protected]

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2 thoughts on “Passen Menschen 50+ noch in die digitalisierte Welt?

  • Reply Sabine 9. Juni 2021 at 22:05

    Liebe Eva, das ist ein wunderbarer Beitrag! Du sprichst mir in vielen Punkten aus der Seele. Ich bewundere die agile Welt nicht absolut, weil sie zum Teil Erfahrung ausgrenzt und die ist schließlich nicht völlig sinnlos, aber ich beschäftige mich auch immer mit den neuen Ideen. Und wie Du schon sagst: jammern hilft nix! Es ist nicht schlechter jetzt, nur anders! Es gibt andere Werte und Ideale, sie sind spannend, es ist gut, sich damit auseinander zu setzen.

    • Reply Eva Ihnenfeldt 13. Juni 2021 at 19:59

      Liebe liebe Sabine <3 Das ganze Leben ist wie ein Messer – Werkzeug und Waffe zugleich, stimmt’s? Und das ganze Leben ist ein Quiz, nicht wahr? Ich vertraue uns Menschen, dass wir die richtigen Antworten finden, um Krieg, Zerstörung und Gewalt zu vermeiden. Das Potential ist auf jeden Fall da mit den neuen Technologien. Und wir Menschen 50+ sollten auf jeden Fall zusehen, dass wir dabei sind. Nicht dass die Jungen nur noch stöhnen, wie teuer und lästig wir doch sind – und wie schrecklich reaktionär 😉

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