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Serie zu politischer Medienkompetenz Teil 2: Bewusstsein, Spaß und politischer Diskurs 1

In der Diskussion um „Fake-News“ und Eingriffsmöglichkeiten von Regierungen, um politische „Fake-News“ zu kontrollieren, spielt selbstverständlich die Begriffsdefinition von Wahrheit die zentrale Rolle. Im deutschen Rechtssystem können Urheber und Verbreiter von Behauptungen verurteilt werden, wenn diese nicht beweisbar sind. Natürlich gibt es auch viele andere Wahrheitsdefinitionen: die religiösen, die philosophischen, die naturwissenschaftlichen, die psychologischen, historischen, medizinischen und soziologischen… Je tiefer man sich in das Thema einarbeitet, desto schwieriger wird es, Wahrheit zu ergründen. Wie heißt es so schön? „Wahrheit muss man sich mühsam erringen – die Lüge läuft Einem hinterher“ 😉

Ist Medienkompetenz ein Teil der Bewusstseinsentwicklung?

politische_medienkompetenzIn meiner Jugend war Existenzialismus bei uns politisch Interessierten ein zentrales Thema. Sich nicht einer herrschenden „Wahrheit“ unterzuordnen, sondern selbst anhand des eigenen Willens, des eigenen Gewissens und der eigenen individuellen Verantwortung recherchieren, diskutieren und lösungsorientiert forschen, war ein großartiges Abenteuer. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit standen wir beisammen und eiferten um Wahrheiten und Wege, der Sinn des Lebens war unser Leitstern.

Könnte es sein, dass heute das Internet ein neuer Entwicklungsschritt bei dieser Wahrheitssuche ist? In einer Welt, in der global in Echtzeit (fast) alle Informationen, beweisbaren Fakten und Interpretationen zur Verfügung stehen, können wir tatsächlich unserer Verantwortung, moralisch zu leben und zu arbeiten, ganz anders nachkommen, wenn es da nicht dieses undurchdringliche Dickicht gäbe… Denn es scheint wirklich so, dass sich die Wahrheiten und Richtschnüre gut verbergen in einer Masse aus gezielter Propaganda, verführenden Werbebotschaften, Lügen, Irrtümern, Fehlern und emotionalen Ergüssen, die uns schmerzen und verwirren. Erinnert das nicht an etwas?

In den letzten hundert Jahren ist es auch für seelisch unauffällige Erwachsene immer selbstverständlicher geworden, sich mithilfe von Therapien von den Fesseln der eigenen Kindheit zu befreien. Begibt man sich in den Prozess einer Aufarbeitung psychischer Fremdbestimmungen, erscheint auch hier zunächst die eigene Vergangenheit ein einziges Wirrwarr aus meinungsbildender Propaganda, werbenden Versprechen, Lügen, Irrtümern, Fehlern und emotionalen Ergüssen zu sein. Doch trotz all dem Schmerzlichen ist es segensreich, sich dieser Fremdbestimmung bewusst zu werden. Denn nach Freiheit strebt nun mal das menschliche Herz, selbst wenn es in einer behaglichen, liebevoll umsorgten Umwelt konditioniert wurde.

Gibt es eine Medienkompetenz-Therapie?

Noch gibt es keine anerkannte führende Schule der selbstbestimmten, tragfähigen Medienkompetenz, doch Soziologen, Pädagogen und Historiker diskutieren intensiv die verschiedenen Ansätze, Ziele und Strategien. Selbstverständlich spielen auch hier erwünschte Verhaltensweisen der „zu Erziehenden“ eine große Rolle, und sicher haben nicht alle Beteiligten das Ideal des selbstbestimmten Menschen vor Augen, der kompetent wird darin, sich seine eigene Moral und seine eigene authentische Wahrheit zu ergründen.

Selbstverständlich ist die Zeit, sich mit der eigenen „Medienkompetenz-Therapie“ zu beschäftigen, begrenzt. Am Anfang jeder Forschung steht der lustvolle Antrieb, dem neu entdeckten „Hobby“ Priorität einzuräumen. Selbstverständlich ist es immer nur ein kleiner Teil der Bevölkerung, der sich hintergründig für Politik interessiert, und auch bei diesem kleinen Teil der Bevölkerung sind es oft sehr konkrete Motive, die antreiben: Angst vor Krankheit, Gewalt und Tod; Angst vor Verarmung, Empörung über Ereignisse, die das eigene Leben beeinträchtigen; Profit durch politisches Engagement.

Was bedeutet Politik überhaupt für uns Bürger?

Politik heißt ganz allgemein, dass auf das Gemeinwesen Einfluss genommen wird. Im Unterschied zu karitativem Engagement, Kultur und Naturschutz geht es bei politischen Gestaltungsprozessen um Steuern, Führen, Lenken: Das menschliche Zusammenleben von Menschen innerhalb eines verbindenden Systems wird durch allgemein verbindliche Regeln festgeschrieben. Anhand dieser Definition sieht man schon, wie wichtig Politik ist!

Sich täglich über Leitmedien und politische Debatten informieren, um politisch gebildet zu bleiben und politische Entscheidungen zu verstehen, sollte eigentlich in einer Demokratie selbstverständlich sein. Zu sagen, dass man sich nicht für Politik interessiere bedeutet, vertrauensvoll zu glauben, dass irgendwelche Mächte das schon gut machen werden mit diesen verbindlich festgeschriebenen Regeln für alle.

Von Desinteressierten, Zweiflern und Wut-Bürgern

Während es nur erstaunlich wenige Menschen gibt, die tatsächlich dieses Vertrauen in Regierungen und Entscheidungsträger haben, gibt es natürlich viele Menschen, die zwar ausgiebig über Politiker und Politik schimpfen, sich jedoch nicht dafür verantwortlich fühlen. Die Überzeugung, dass sie sowieso nichts ändern können (außer ab und zu wählen gehen), gibt den Wütenden anscheinend die Freiheit, sich je nach Lust und Stimmungslage abzureagieren und in ihren vertrauten Kreisen zu schimpfen und sich zu ereifern. Durch das Internet werden viele dieser Stammtisch-Äußerungen nun öffentlich, und wir müssen damit leben, dass die Sonne nun das weit verbreitete Verständnis von Politik an den Tag bringt.

Neben den wütenden Schlagzeilen-Geführten gibt es noch die stillen Politikverweigerer. Viele dieser politisch Desinteressierten begründen ihre Abneigung gegen Politik damit, dass sie Politik „schmutzig“ finden – sie wenden sich voller Abscheu ab und versuchen, Politik aus ihrem Leben auszuschließen. Häufig sind diese stillen Politikverweigerer familiär umgeben von den Wüt-Bürgern, und es ist für sie der einzige Schutz, sich zum Unwissenden zu erklären. Nur so haben sie eine Chance, von den Hassergüssen einigermaßen verschont zu bleiben. Sie erdulden und ignorieren. Doch beide Seiten der selben Medaille sind gute Untertanen, denn beide kann man gut steuern und lenken. Die Entscheidungsträger bleiben unbehelligt.

Neben den Stillen und den Wut-Bürgern gibt es noch die vielen Zweifler, die alternative Medien konsumieren und die den offiziellen Nachrichten und Interpretationen der Leitmedien nicht trauen. Doch diese Gruppe wagt es nur selten, das im Social Web zuzugeben. Obwohl die allermeisten Menschen auf die Regierung und die Verflechtung von Politik und Geld schimpfen, gibt es einen gesellschaftlichen Konsens, alles abseits des offiziellen Mainstreams als „Verschwörungstheoretiker“, „Putinversteher“ und „rechts“ zu betiteln. Doch in persönlichen Gesprächen ohne Internet wird sehr viel offener und nachdenklicher diskutiert – man muss sich ja nicht unbedingt den Wut-Bürgern im Web aussetzen 😉

Was ist politische Medienkompetenz?

Nur wenige Menschen in Deutschland bemühen sich tatsächlich im politische Medienkompetenz, und das ist aus mehreren Gründen verständlich: Erstens ist es zeitraubend anhand der unzähligen Quellen, das wirklich Wichtige herauszufiltern, und zweitens wird dieser Ehrgeiz begleitet von dem ständigen Gefühl der Passivität. Denn tatsächlich ist es in Deutschland abseits der Parteienlandschaft sehr schwer, sich politisch am allgemein festgeschriebenen Regelwerk des menschlichen Zusammenlebens einzubringen. Parteien sind jedoch für viele Menschen unserer Zeit kein geeignetes Vehikel für politische Meinungs- und Entscheidungsprozesse, also müssen Alternativen her.

In der ersten Folge habe ich schon beschrieben, dass Recherche und Aufnahme von Wissen Grundlage sind, um sich vorzuarbeiten. Eine allgemeingültige Wahrheit gibt es nur sehr selten, meistens bewegen wir uns wie die Existenzialisten und psychologischen Therapeuten auf wackeligem Gebiet und sind gezwungen, uns auf unseren „gesunden Menschenverstand“ und unser Gefühl zu verlassen. Doch je mehr wir lesen, Vorträge schauen, Wissen vertiefen und Irrtümer eingestehen, desto sicherer werden wir bei unserer politischen Medienkompetenz.

Unvoreingenommenheit und Glücksgefühle

Selbstverständlich fallen wir immer wieder auf Theorien und „Prediger“ herein – doch je mehr wir forschen, lesen, sehen und hören, desto sicherer werden wir und finden unseren persönlichen Weg. Allgemeingültige Rezepte gibt es nicht. Das, was uns leitet ist der Forscherdrang und unser Wertesystem. So wird ein auf Wettbewerb ausgerichteter Mensch ganz andere Quellen schätzen und ganz andere Schlüsse ziehen als ein Mensch, der Kooperation im Zentrum seines Wertesystems verankert hat. Was Beide verbindet ist der Mut, sich unvoreingenommen weiterzutasten und neugierig zu bleiben. Beide werden staunen und Glücksgefühle erleben bei dem Schatz an Wissen und Interpretationen. Beide werden immer wieder ärgerlich den Kopf schütteln, wenn sie wieder einmal auf Unwahrheiten stoßen, die sie aufdecken. Doch auch das macht Spaß!

Der politische Diskurs

Während sich der politisch interessierte Laie durch Quellen und Köpfe durcharbeitet, erfährt er am Rande mehr und mehr über Gruppierungen und Initiativen von Menschen, die ähnlich ausgerichtet sind. Dadurch erweiterte sich fast spielerisch der Handlungsspielraum, der aus der Passivität herausführt. Man kommt ins Gespräch mit engagierten Menschen, die womöglich weit weg leben und agieren. Man tritt ein in einen politischen Diskurs und kann über soziale Netzwerke sachlich und anspruchsvoll diskutieren – und natürlich kann man im nächsten Schritt telefonieren, an Veranstaltungen teilnehmen, sich an Initiativen beteiligen.

Der politische Diskurs ist das Anspruchsvollste und Schwierigste beim Erwerb politischer Medienkompetenz. Während es die Wut-Bürger leicht haben mit ihren Schlagzeilen-Parolen, ist der politisch Bewusste ständig auf der Suche nach den eigenen Irrtümern und ständig bereit, dazuzulernen. Dazu braucht er Diskurs-Partner, die eine ähnliche Grundeinstellung haben. Ein guter politischer Diskurs zeichnet sich aus durch aufrichtiges Zuhören und die Bereitschaft, von bisherigen Standpunkten abzurücken. Politik ist keine Naturwissenschaft. Politik ist geprägt von persönlichen Interessen und Moral, was für eine Hochleistung, hierbei einsichtig und selbstkritisch zu werden und zu bleiben!

Ist Politik ein schmutziges Geschäft?

Man stelle sich vor, man würde mit hundert anderen Menschen nach einem Schiffsunfall auf eine unbewohnte Insel geschwemmt. Nun müsse man gemeinsam mit den hundert anderen Menschen eine zukunftsfähige Gesellschaft organisieren. Gäbe es eine schönere und erfüllender Aufgabe? Wie müsse das Zusammenleben gestaltet sein, damit Frieden und Wohlstand für alle gesichert werden? Wie sorgt man für Bildung und Ausbildung der Kinder? Wie werden Streitigkeiten geregelt? Wie schützt man die Alten und Schwachen?

Politik ist das Wunderschönste auf der Welt, und gerade heute haben wir die Chance, die politischen Regelungen und Steuerungen dank der weltweiten Vernetzung neu zu denken und Alternativen zu den jetzigen Systemen kreativ zu entwickeln. Politik kann natürlich für schmutzige Interessen missbraucht werden – und auf unserer Insel kann auch ein Gewalttäter ein brutales Regime aufbauen – doch dafür sind immer alle verantwortlich. Also nur zu: Mit ein bisschen Spaß und ein bisschen Mut lässt sich so Einiges gestalten – konkrete Tipps dazu in der dritten und letzten Folge zur politischen Medienkompetenz. Ist Einflussnahme wirklich möglich?

Über Eva Ihnenfeldt

Als Expertin für Social Media Marketing berät und begleitet Eva Ihnenfeldt Unternehmen und Organisationen bei der Entwicklung von Social Media Strategien - und übernimmt als Dozentin Lehraufträge für Hochschulen, Kammern und andere Bildungsträger. Eva Ihnenfeldt - Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: e.ihnenfeldt@gmail.com

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