Stressbewältigung: Angriffe sind dumm, dreist und unhöflich

Am Wochenende war ich in Hannover bei einem wunderbaren Tages-Seminar für Trainer. Unser Referent Uwe van der Ploeg verstand es, die Teilnehmer zu stärken, die zum Teil täglich „an der Front stehen“ und hauptberuflich lehren. In Schulen, Universitäten und bei Bildungsträgern haben es Lehrkräfte nicht unbedingt leicht. Schüler, Teilnehmer und Studenten, die in sich selbst unsicher sind, neigen zum Teil dazu, beim Trainer nach Schwächen und Angriffspunkten zu suchen. Mit Autorität kommt man nicht unbedingt weiter, um sich zu schützen – und solche Angriffe können Stress erzeugen. Was kann man tun, um sich selbst als Lehrender vor Krankheit und chronischen Problemen zu schützen?

Stress ist ein Phänomen, bei dem der Körper auf seelische Belastungen reagiert. Tritt Stress akut auf, kann man eventuell blackboard-1299841_640darauf auch akut reagieren – doch wenn Stress zur chronischen Überlastung führt, können sich dadurch leicht Krankheiten entwickeln. Gerade Lehrer sind betroffen von chronischer Überlastung und werden besonders häufig krank.
Welt: Ein Drittel fühlt sich überlastet

Angriffe sind dumm, dreist und unhöflich

Menschen, die selbst nicht in Lehrsituationen stecken, machen sich nur sehr selten bewusst, wie es ist, wenn man sich einer bedrohlichen Umgebung bei der Vermittlung von Wissen befindet. Lehrende selbst reden nicht gerne über diesen Stress, weil sie von sich selbst glauben, sie müssten über die latent aggressive Stimmung in einem Kurs oder einer Klasse erhaben sein. Ein Lehrer, der zugibt, dass er sich durch offene oder versteckte Feindschaft seiner Schüler und Studenten bedroht fühlt, kommt sich oft vor wie ein „Weichei“ oder „Versager“. Meistens schwärmen Lehrer lieber von ihren tollen Fähigkeiten und ihrer Beliebtheit und verdrängen die negativen Seiten des Berufs. Hört man Lehrer von sich reden, meint man, man hätte mit lauter „Halbgöttern in Wissen“ zu tun. Über Selbstzweifel und Ängste redet man nicht. Die werden komplett verdrängt.

Mir selbst ist es auch schon einige Male passiert, dass sich bei einem Lehrauftrag oder einem Vortrag die Gruppe gegen mich wendete. Plötzlich war alles, was ich sagte und tat, falsch – und ich kam aus der Rolle nicht mehr heraus. Das waren Horrorerfahrungen, die ich nicht wieder erleben möchte. Auch bei uns in der Akademie hatten wir schon hervorragende Experten und Referenten, gegen die sich plötzlich einige in der Gruppe wendeten, und die böse angegriffen wurden. Ich werde nie vergessen, wie ein international anerkannter Suchmaschinenoptimierungs-Experte so erschüttert war durch diese Angriffe, dass er auf der Rückfahrt einen Autounfall hatte. Das hat mich so wütend gemacht!

Angriffe sind dumm, dreist und unhöflich

Wenn ich an diese Erfahrung und an meine eigenen Horror-Momente zurückdenke, stelle ich mit Erstaunen fest, dass aggressive Attacken ausschließlich und lückenlos immer von Menschen kamen, die sich in ihrer Situation unterlegen fühlten. Viele Lernende, die sich überfordert fühlen, reagieren mit Rückzug und stiller (Selbst-)Aggressivität, doch einige gehen dann zum Angriff über. Wehe wenn diese „Beißer“ in der Gruppe gleichzeitig Anführer sind (was gar nicht so selten vorkommt), dann kann sich das Ganze sehr gefährlich entwickeln für den Lehrenden.

Anti-Stress-Strategien im Umgang mit Angreifern

Wir Trainer bekamen von unserem Referenten verschiedene Strategien an die Hand, wie man mit Angreifern umgehen kann. Wichtig ist, dass man sich nie ärgert und sich nie aus der eigenen Mitte bewegt. Wir versuchten in einer Gruppen-Übung, den Referenten über verbale Angriffe aus der Ruhe zu bringen, und er reagierte immer unterschiedlich, um verschiedene Reaktionsweisen zu demonstrieren. Mal mit Ablenkung („Schönes Wetter“), mal mit gelassener Bejahung („Also da haben Sie recht“), mal mit ruhigen Nachfragen („Das müssen Sie mir näher erklären“).

Für mich war es tatsächlich ein Schlüsselerlebnis zu verstehen, dass Angriffe grundsätzlich immer dumm, dreist und unhöflich sind. Wenn ich es mit meinen Erfahrungen abgleiche, ist das absolut richtig! Es gibt keinen Grund, sich als Angegriffener bei einem Angriff mit dem Wahrheitskern des Inhalts zu beschäftigen, da dieser eine ebenso unwichtige Rolle spielt wie bei den Pegida-Demonstranten, die am Tag der Deutschen Einheit Politiker beschimpfen. Natürlich kann man sich fragen (wenn man will), warum sie sich so unterlegen, minderwertig, überfordert fühlen – doch die Angriffe selbst sind dumm, dreist, unhöflich. Ist so. Und gut.

Ich finde es wichtig, dass Lehrende die Kümmernisse und Sorgen ihrer Schützlingen erkennen, wenn diese etwas nicht verstehen oder wenn sie sich grundsätzlich für dumm und minderwertig halten. Da ist es wichtig, zu stärken, aufzubauen und aus dem „hässlichen Entlein“ den „wunderschönen Schwan“ herauszuarbeiten, der in jedem Menschen steckt. Grundsätzlich in jedem Menschen.

Angriffe sind dumm, dreist und unhöflich

Doch wenn Menschen versuchen, sich über Angriffe zu erhöhen, habe ich kein Mitleid und kenne kein Pardon. Dann heißt es nur, sich nicht aus der Ruhe bringen lassen und gucken, wie man am wirkungsvollsten reagiert. Wenn sich die Gruppe hinter ihren aggressiven Angreifer stellt und das spannend und/ oder unterhaltsam findet – oder wenn sie sich nicht trauen, sich zu positionieren, tja, dann haben sie es eben nicht besser verdient. Dann wird der Lehrende eben vom Verständnis zum Abgebrühtsein wechseln. Wenn die Gruppe zum Trainer hält, dann kann dieser sich den Angreifer in einem persönlichen Vieraugen-Gespräch vornehmen, um die Dinge zurecht zu rücken. Als Letztes bleibt dann der Weg über den Träger, der natürlich unbedingt hinter den Lehrkörpern stehen sollte.

Wäre schön, wenn Eltern mehr Verständnis für den Stress hätten, dem Lehrer so ausgesetzt sind. Wäre auch schön, wenn Lehrer sich häufiger trauen würden, von ihren Ängsten und Selbstzweifeln zu erzählen, anstatt immer rosarote Bilder in Familie, Nachbarschaft – und unter Kollegen – zu verbreiten.

So lange wir in einer Welt lebten, die über Benotungen, Lob und Strafe funktionierte, konnten Lehrkörper im Frontalunterricht Angst verbreiten und Schreckensregime errichten – doch in einer Welt, in der wir partnerschaftlich gemeinsam das Beste erreichen wollen, brauchen wir neue Umgangsformen zwischen Trainern und Teilnehmern – dann wird der Lehrende zum Moderator und Coach – und der Teilnehmer zum selbstbestimmten „Schatzgräber“. Eine gute Entwicklung – der krankmachende Stress muss auf beiden Seiten überwunden werden.

 

 

 

 

 

 

 

Seit fast zwanzig Jahren auf der "freien Wildbahn" hat Eva Ihnenfeldt sowohl 2004 eine eingetragene Genossenschaft für Existenzgründer gegründet als auch 2011 eine Akademie für die Ausbildung von Social Media Unternehmenden. Lange Zeit war sie Dozentin und Trainerin für Marketing, Kommunikation und Social Media. Heute arbeitet sie als Coach für Menschen im beruflichen Wandel. Ihre Stärke ist es, IST-Situationen zu akzeptieren, Visionen zu erkennen und gemeinsam mit ihren Klienten Strategien zu entwickeln, die sich auch in der Praxis bewähren. Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: [email protected]

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