3 Prophezeiungen für die Zeit nach der Zeit… #Postprivacy

Eva Ihnenfeldt: Wird sie kommen, die „Postprivacy“? Die Zeit nach der Privatzeit? Eine Zeit, in der wir alle gläsern sind, in der es keine Verbrechen mehr gibt, keine entlaufenen Jugendlichen, keine heimlichen Geliebten, keine Geheimnisse und keine Verstecke? Eine Zeit, in der wir alle mit einer implantierten Google-Brille herumlaufen oder ein implantierter Chip unser Handy ersetzt? Ja, ich fürchte schon, es lässt sich kaum aufhalten – aber was bedeutet nun wirklich die gläserne Welt für uns alle?

Sicher kennen Sie Science Fiction Filme oder Romane, die sich mit dem Thema der absoluten transparenten Auslieferung auseinandersetzen. Orwells 1984 als Klassiker vorneweg, Brazil aus dem Jahr 1985 vom Monty Phyton Genius Terry Gilliam (der Film sollte ursprünglich „1984 and 1/2“ heißen), aber auch Total Recall und viele weitere Bücher und Filme greifen das Thema auf.

Und immer häufiger lesen, sehen und hören wir, wie die Technik der Gedankensteuerung voranschreitet – man kann tatsächlich schon Computergames mit Gedanken steuern! Wir kommen also diesem Science Fiction Grusel immer näher, staunen über gesammelte Daten und deren Auswertungen (Wussten Sie, dass man Homosexuelle mit Hilfe von Facebook ziemlich eindeutig identifizieren kann, auch wenn sie ihre sexuelle Orientierung bewusst verschweigen?), staunen über das Google Glass Project – und befürchten in der Konsequenz vor allem personalisierte Werbung????

1. Prophezeiung

Ich prophezeie, dass wir in zwanzig Jahren (da werde ich ja wahrscheinlich noch dabei sein) alle mit einem integrierten vernetzten Gerät ausgestattet sind, dass nicht nur das Handy und das Internet ersetzt, sondern auch mittels Gedankenübertragung sendet und empfängt. Ich prophezeie mal, dass wir jeden Menschen, dem wir dann begegnen, nicht nur in die Augen sehen, sondern auch sein komplettes Profil vor uns haben – und noch viele andere Informationen abrufen können, die in Sekundenschnelle vor unseren Augen – oder auch direkt in unser Gehirn projiziert werden.

Vor zwei Jahren hätte ich das noch nicht gewagt, doch Google Glass kommt schon in den nächsten Monaten auf den Markt! Sicher werden wir dieses umständliche Brillengestell nur vorübergehend brauchen, Kontaktlinsen sind der nächste Schritt – und der implantierte Chip dann eben der dritte folgerichtige.

2. Prophezeiung

Ich prophezeie, dass wir in zwanzig Jahren kein Geld, keine Ausweise und keine Schlüssel mehr haben werden – und auch nicht mehr brauchen. Die jetzige „Finanzkrise“ ist wie eine Vorwehe der Geburt des elektronischen Tauschwerts ohne Zwischenstation. Unser Chip erhält alle Informationen über uns, über unser Tun, unseren Wert, unsere Ansprüche.

Je nach Wohlstand der Länder bzw. Regionen haben die Bürger mehr oder weniger „Grundsicherungsansprüche“ und Zusatzboni. Man zahlt mit seiner Anwesenheit, auch Fingerabdrücke sind überflüssig. Schon heute gibt es Kameras, die mittels Gesichtserkennung blitzschnell wiedergeben könne, wer man ist und was alles über die betreffende Person an Informationen existiert. Ich weiß nicht, ob die meisten Menschen sorglos oder in Armut leben werden – aber dass man keine Zeit mehr mit Zahlungen und Bargeld verbringt, dessen bin ich mir sicher. Wir schaffen das Geld ab und ersetzen es durch individuelle „Werte“. Und Schlüssel brauchen wir dann ebenso wenig wie Ausweispapiere – wir sind eben absolut gläsern!

3. Prophezeiung

Ich prophezeie, dass wir durch die grenzenlose Transparenz eine neue Bewusstseinsstufe erlangen werden. Es ist nicht mehr aufzuhalten – wir kommen in ein globales „Big Brother Haus“, die Kamera ist immer an. Das wird die Menschen kolossal verändern. In jeder Minute ist man sich bewusst über die möglichen Konsequenzen seinen Denkens und Tuns. Sexualstraftäter sterben aus, Diebe sterben aus, Mörder werden nur noch Mörder, wenn sie im Affekt nicht anders können als morden.

Regime, Organisationen und alle, die den Zugang dazu haben, können in Sekundenschnelle die kompletten psychografischen Daten der Bürger abrufen, deren Einstellungen, Überzeugungen, Netzwerke und Pläne. Die Menschen lernen schon als Kleinkind, sich „angemessen“ zu verhalten, sie verlernen, Geheimnisse zu haben und sich irgendwo verstecken zu wollen. Vielleicht gibt es Untergrundbewegungen von Hackern, die alternative Server nutzen um Widerstand zu leisten (was dann natürlich auch äußerst bewusste Handlungen sind) – doch im Großen und Ganzen ist der Mensch ein öffentlicher durchsichtiger Mensch – immer und überall.

Ich glaube, dass bei allem Schrecken das auch eine gute Seite hat und eine unglaubliche Chance ist. Wir haben diesen Planeten durch unbewusstes Handeln dermaßen bis an den Rand der Erschöpfung getrieben, es wird Zeit, bewusst und verantwortungsvoll zu fühlen, denken, sprechen, handeln. Bertold Brecht hat in einem Lieblingsgedicht von mir den wunderbaren Satz geprägt:

„Ihr aber, wenn es so weit sein wird
Dass der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
Gedenkt unsrer
Mit Nachsicht.“

Ich bin wahrscheinlich ein unbelehrbarer Optimist, aber ich sehe in dieser Zeit nach der Zeit kein totalitäres Drama, sondern ich sehe eine sanfte Zeit vor mir, in der Empathie und Freundlichkeit die Menschen zu Helfern werden lassen, weil die Grenzen zwischen den Individuen schwinden müssen und weil die Bewusstheit steigt. Meditation wird zur Grundqualifikation, da wir ja so viel mit unseren Gedanken steuern (z.B. unsere Autos).

Ich wage zu prophezeien, das alles gut wird – aber eins weiß ich aus der Geschichte: Hitler brauchte auch ohne Internet nur wenige Monate, um alle Widerständler auszurotten – da braucht es keine Technik, da braucht es nur Gier, Neid und brave Nachbarn. Ich wünsche es mir zumindest mit jeder Faser, dass es gut wird: Die Zeit nach der Privatsphäre wird kommen – lasst sie uns zu einer guten Zeit machen getreu der Weisheit:
„Das beste Geheimnis ist eine offene Tür“

Seit fast zwanzig Jahren auf der "freien Wildbahn" hat Eva Ihnenfeldt sowohl 2004 eine eingetragene Genossenschaft für Existenzgründer gegründet als auch 2011 eine Akademie für die Ausbildung von Social Media Unternehmenden. Lange Zeit war sie Dozentin und Trainerin für Marketing, Kommunikation und Social Media. Heute arbeitet sie als Coach für Menschen im beruflichen Wandel. Ihre Stärke ist es, IST-Situationen zu akzeptieren, Visionen zu erkennen und gemeinsam mit ihren Klienten Strategien zu entwickeln, die sich auch in der Praxis bewähren. Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: [email protected]

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7 thoughts on “3 Prophezeiungen für die Zeit nach der Zeit… #Postprivacy

  • Reply Sabine Latz 2. Juli 2012 at 00:07

    Ihre Prophezeiung macht mir Angst, liebe Frau Ihnenfeld.

    Umso mehr, als Sie wahrscheinlich Recht haben….doch stimme ich mit Ihnen nicht ganz überein, dass da eine sanfte, friedliche Zeit auf uns zukommt. Auch der machtstrebende Mensch und Rattenfänger wird nicht aussterben…

    Als Anhänger des guten Individualismus muss ich mich aber auch schwer tun mit so einer Aussage. Vielleicht erledigt sich das ja mit unserer Generation. In mehr als 20 Jahren sind die jetzigen Digital Natives an den Schalthebeln – und die empfinden es sicherlich nicht allzu schlimm, gläsern zu sein – machen sich die meisten doch jetzt schon mit Begeisterung „nackich“ und genießen die Vorzüge, zielgenau umworben zu werden, da ihre Vorlieben und Neigungen bereits jetzt offensichtlich sind. Können Sie ja jetzt schon kaum glauben, dass es mal eine Zeit OHNE Handys und SMS gab, die ja auch aktuell gerade mal ihren 20jährigen Geburtstag feiern.

    Ich verstehe die Menschen, die sich Sorgen machen, weil sie vermeintlich nicht mehr mithalten können, ihre eigenen Kinder/Enkelkinder nicht mehr verstehen oder um Arbeitsplätze fürchten.

    Auch ich arbeite daran, diese Kluft zu verkleinern und die Angst zu nehmen.

    Und ich bin auch ein unverbesserlicher Optimist wie Sie, liebe Frau Ihnenfeld, dass sich eher eine Annäherung denn Spaltung dahingehend entwickelt…lassen die politischen Umwälzungen in den letzten Monaten dank Internet, Twitter & Co die Vorteile einer gläsernen Welt erahnen.

    Es grüßt Sie
    Sabine Latz

    Ich mache mir nur ein wenig Sorgen – und arbeite aufklärend daran, diese kleiner werden zu lasssen – über die jetzt schon vorhandene Kluft zwischen den Generationen, die manch sprachlose ELtern/Großeltern zurückläßt, da sie ihre eigenen Kinder und Enkelkinder nicht mehr verstehen.

    • Reply Eva Ihnenfeldt 2. Juli 2012 at 09:20

      Hallo liebe Frau Latz, ich sing mir ja selber Mut zu im tiefen unheimlichen Wald der totalen Kamera 😉 Vielleicht sollten wir mal wirklich unsere Kinder und Enkel befragen, ob sie sich ein solches Szenario ohne Bauchschmerzen vorstellen können? Und dann schreiben wir die Antworten hier auf (natürlich ohne Namensnennung). Ich probiere es aus – und wenn Sie auch ein paar Meinungen von Menschen ergattern können, wäre ich sehr dankbar, wenn Sie diese mir schicken – dann fassen wir sie in einem neuen Beitrag zusammen – einverstanden? Ganz liebe Grüße und ein dankbar solidarisches „Bis bald“! Mein Mailadresse: [email protected]

  • Reply Sabine Latz 2. Juli 2012 at 20:50

    Hallo liebe Frau Ihnenfeldt,

    ich habe mir ihren Video-Talk mit LA angeschaut – wirklich sehr interessant.

    Zu unserem o.g. Thema: ich habe heute kurz mal meine jüngste Tochter (17), Jahrgangsstufe 12, macht nächste Jahr Abitur) dazu befragt…ihre etwas abweisende Antwort war dass sie (und damit meint sie auch ihre Freundinnen mit) zurzeit nur 1 Jahr vorausdenken, -planen könnte, im Leben nicht 5 Jahre!!! Sie ist aktuell etwas schulmüde und muss ihren Akku erst einmal wieder aufladen 😀

    Ich werde dieses Thema in ihrer Schule ansprechen – und vielleicht auch bei anderen jungen Leuten – mal sehen, wie da die Reaktionen sind und Sie hören auf jeden Fall da weiterhin von mir…

    Schönen Abend und bis bald,
    liebe Grüße zurück
    Sabine Latz

  • Reply Udo Pasch 3. Juli 2012 at 10:48

    Hallo liebe Eva,

    das ist mal wieder ein Artikel den ich sehr mag. Im Prinzip wirst Du Recht behalten. Deine Aussagen zu den Zeitabläufen möchte ich aber etwas relativieren.

    Wenn sich die Entwicklungen zu den Finanzkrisen weiter negativ entwicklen, wird es erst mal anders kommen. Und zwar mit sehr dramatischen Auswirkungen!
    In der Zeit wird auch die vermeintlich heile Welt der heutigen und ggf. kommenden Generation in sich zusammenbrechen.
    Vielleicht spürt diese Generation das schon. Daher auch die Aussagen (ich kenne sie analog aus meinem Umfeld), dass sie maximal ein Jahr vorausdenken. Und auch wir spüren es doch – nur verdrängen wir es mit unserem Wissen über die Vergangenheit.

    Und nach dieser Zeit wird „alles“ ganz anders sein, als wir es uns heute vorstellen können/wollen. Ich hoffe für die nachfolgenden Generationen nur, das sie das Feuer nicht wieder mit Steinen anzünden.

    Liebe Grüße
    Udo

    • Reply Eva Ihnenfeldt 13. Juli 2012 at 13:14

      Hallo lieber Udo, so lange nichts voneinander gehört und gesehen – geht es Dir gut? Ja, die Finanzkrise – was die wohl noch nach sich zieht… In einem Jahr lesen wir meinen Beitrag – und Deinen Kommentar – und dann wissen wir, wer recht hatte 🙂

  • Reply Nina Grenningloh 3. Juli 2012 at 21:14

    Hallo liebe Eva,

    ich teile Deine Zuversicht, dass wir die technologischen Neuerungen zu unserem positiven Fortschritt nutzen werden. Natuerlich wird es immer Menschen geben, die versuchen, sich an den Neuerungen zu bereichern.

    Aber ich glaube auch, dass uns die neuen Technologien nie dagewesene neue Moeglichkeiten geben, die Welt zu verbessern. Unsere Gesellschaft wird sich radikal neu erfinden muessen, aber das hat sie schon immer getan, wenn grosse Fortschritte gemacht wurden, wie z.B. der Beginn der industriellen Zeitalters.

    Der geniale Ideen DJ Jason Silva hat ein tolles Video gedreht, dass zeigt, wie wahnsinnig stark unsere Ideen schon immer gewesen sind und weiterhin sein werden. Jason propagiert eine „radical openness“ und unsere technologischen Fortschritte erlauben uns schon heute, grenzenlos miteinander zu kommunizieren und zu kooperieren – so etwas war noch nie vorher moeglich. Es wird unsere Generation weiter bringen als je zuvor. Und hier ist Jason Silva’s Video, fuer die, die neugierig sind: http://vimeo.com/38260970

    Beste Gruesse aus Los Angeles,
    Nina

    • Reply Eva Ihnenfeldt 5. Juli 2012 at 19:48

      Das ist wirklich ein tolles Video, ob wir das schaffen ???????????

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