Wohin mit den vielen Armen? Was können wir tun?

Wenn ich höre, dass Politiker den arbeitenden Steuerzahlern versprechen, dass sie nun Mittel einsetzen werden, um die Langzeitarbeitslosen zur Arbeit zu zwingen, denke ich „Ihr habt keine Ahnung, wovon Ihr sprecht“. Seit über fünf Jahren arbeite ich mit Menschen, die über lange Jahre vom Jobcenter finanziert werden, und ich hab in dieser Zeit gelernt, was Studien bestätigen: Der überwiegende Teil ist nur sehr eingeschränkt arbeitsfähig. Ich möchte Euch in diesem Beitrag erklären, warum das so ist, was da im Weiteren auf uns zukommt und woran unsere Zeit brutal erinnert…

„Wusste schon in der Schule, dass ich nichts tauge“

Bild von Elias auf Pixabay

Eine meiner Klientinnen sagte einmal im Coaching zu mir: „Ist Dir eigentlich schon mal aufgefallen, dass Du der Coach für gemobbte Kinder bist?“ Ich war ganz verdutzt, dachte nach – und es stimmte! Das ist fünf Jahre her, es war Coronazeit – und damals hatte ich sehr viele Klienten vom Jobcenter, alle waren in Deutschland geboren oder bereits in ihrer Kindheit eingereist – und alle erzählten in der Biografieaufarbeitung davon, wie sie in der Schule schlimme Zeiten erlebt hatten.

Die einen (meist Mädchen) wurden in der Schule verhöhnt, verfolgt, und geschlagen von anderen Kindern, andere (meist Jungen) wurden von den Lehrern verachtet, bestraft, litten an ihren schlechten Noten und schwänzten häufig die Schule. Einige hatten immerhin den Hauptschulabschluss geschafft, andere wurden irgendwann aus der Schule entlassen, weil sie schon so alt waren. Sie sind keinesfalls dumm, wie ich feststellen durfte – sie waren einfach mit den Strukturen im System „Schule“ überfordert.

Familienprobleme, Heimaufhalte (die häufig als Erholung und Rettung erlebt wurden) und mangelnde bildungsbezogene Führung durch Bezugspersonen rundeten das Bild ab. Kam es zu Ausbildungsmöglichkeiten, wurden diese oft abgebrochen, weil meine Leute dem Druck nicht gewachsen waren – zum Beispiel, wenn ein Vorgesetzter sie beschimpfte. Sie konnten ganz einfach ihre Leistungen nicht steigern! Sie konnten nicht strategisch denken und Lösungen für Probleme entwickeln, das konnten sie ganz einfach nicht!

Im Gegensatz zu den deutschgeprägten Klienten habe ich bei meinen Klienten, die erst als Jugendliche oder Erwachsene nach Deutschland kamen, erlebt, dass deren Probleme und Traumata noch weitaus heftiger sind.

Kinderarbeit auf dem Dorf, Gewalt, sklavenähnliche Schuftereien in der Landwirtschaft, der Fabrik (die in der Regel das Bestmögliche war) und in anderen Arbeitsangeboten für Ungelernte, kaum Schule, später Wanderarbeit im Ausland. Schlimme Erfahrungen aufgrund von Krieg und/oder bösartiger Exekutive. Trennung vom Familienclan, nun die Einsamkeit in einem Land, dessen Sprache und Kultur sie nicht verstehen. Viele haben nur ihren religiösen Glauben, der ihnen Halt und Trost ist.

Vielleicht sagt Ihr, sie erzählen solche Horrorgeschichten nur, weil sie zu faul sind zum Arbeiten, doch was Ihr „faul“ nennt, nenne ich eine innere Flucht. Wenn ich es im Coaching schaffe, dass jemand bereit ist, eine Arbeitsgelegenheit (1-Euro-Job) anzunehmen, blüht er nach kürzester Zeit auf, ist stolz darauf, eine Aufgabe zu haben, Kollegen zu haben, Struktur zu haben. Dann kann erstaunlich oft eine seelische Stabilisierung erfolgen, und sie können den nächsten Schritt gehen auf dem Weg in die berufliche Integration.

Leider ist es nur selten möglich, dass jemand später als Rentner ohne erneute Sozialhilfe-Alimentierung überleben kann, da bei erfolgreicher Integration in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung die Einzahlungen in die Rentenkasse nicht mehr ausreichend sind für ein friedliches, vom Sozialamt unabhängiges Rentnerdasein – aber das muss man ja nicht so betonen, wenn sie glücklich sind, endlich ein Brutto-/Nettogehalt zu haben, das sie frei macht vom Staat.

Es ist unglaublich befreiend, von der eigenen Arbeit leben zu können – doch nur wenigen gelingt das auf Dauer. Viele, die über mehrere Jahre arbeitslos waren, sind krank. Schilddrüse, Verdauungstrakt, Bewegungsapparat, neurologische Erkrankungen, Adipositas, Diabetes, Herz-Kreislauf … Und natürlich seelische Erkrankungen wie Depressionen, Angstkrankheiten, Schlafstörungen, ADHS, kognitive Einschränkungen … Woher um Gottes Willen sollen die Arbeitgeber kommen, die solche Arbeitnehmer mittragen können?

Viele meiner Leute möchten so gerne arbeiten – sie haben total romantische Vorstellungen davon, in einem Team zu arbeiten, das gemeinsam durch dick und dünn geht. Ja, es gibt solche Arbeitsplätze, doch in der Regel sind die Erwartungen an Arbeitskräfte zu hoch für Menschen, die es nicht gewohnt sind, jeden Tag acht bis zehn Stunden zu arbeiten – und lange Anfahrtswege zu bewältigen.

Außerdem ist es etwas anderes, wenn ein Angestellter nach mehreren Jahren Festanstellung chronisch erkrankt und häufiger fehlen muss – oder ob jemand schon in der Probezeit AU’s einreicht, weil er krank ist. Das geht selten gut aus.

Es ist leicht, Menschen zu verurteilen, die seelisch und körperlich krank sind aufgrund der Welt, in der sie leben, doch es wäre möglich, sie zu integrieren, wenn so ein Weg vorhanden wäre. Hätten wir den sozial würdigen Grundsatz „Wer nimmt, der gibt“ könnten wir jedem alimentierten Menschen seine Würde zurückgeben. Arbeit ist Würde. Irgendetwas kann jeder tun, auch wenn es nicht wirtschaftlich profitabel ist. Und es müsste nicht teurer sein als unser jetziges Sozialverwaltungssystem!

Uns müsste nur klar sein, dass Langzeitarbeitslose nicht die gleiche Leistungsfähigkeit aufbringen können wie arbeitsfähige Menschen! Außer natürlich die alimentierten Familien, in denen ohne Kenntnis der Ämter an der Steuer vorbei gearbeitet wird. Da kümmert sich häufig die Mutter um die Erziehung der Kinder, den Haushalt und die sozialen Aufgaben, während der Mann das Geld bringt. Hätten wir ein System mit dem Prinzip „Wer nimmt, der gibt“, wäre das nicht mehr möglich, was gegenüber den arbeitenden Steuerzahlern fair wäre und zur Harmonisierung der Gesellschaft beitragen würde.

Das Heer der Wohnungslosen und Bettler

Flaschensammler: Nicht nur arme Rentner, auch immer mehr Wohnungslose ziehen durch die Städte und sammeln Flaschen. Meinen Recherchen nach kann man mit Fleiß und Beharrlichkeit bis zu zehn Euro am Tag damit verdienen – immerhin

Bettler: In Deutschland ist es den Regierenden kaum möglich, das Betteln zu verbieten (so wie in den Niederlanden), da es bei uns keine ausreichenden Lebensräume gibt für wohnungslose Menschen, die psychiatrisch krank sind und mehrheitlich abhängig von Substanzen wie Alkohol oder Drogen. Man spricht in Deutschland schon von „Bordsteinpsychiatrie“ in der Sozialarbeit.

In den Niederlanden scheinen das Prinzip „Housing first“ und eine funktionierende Grundversorgung mit Betreuung, Essen und Tagesaufenthaltsräumen besser zu funktionieren als in Deutschland. Darum kann das Betteln dort wirkungsvoll verboten werden. Hier in Deutschland steigt in den Großstädten die Zahl der Wohnungslosen dramatisch an. Bei den Wohnungslosen gibt es dann noch die steigende Zahl der wirklich Obdachlosen, die keine Möglichkeit haben, bei Familienmitgliedern, Freunden oder in irgendeiner Bleibe wie einem Auto oder einem Bauwagen unterzukommen.

In der Dortmunder City ist es bereits so schlimm, dass es kaum noch möglich ist, in einer Gastronomie bei schönem Wetter draußen zu sitzen. Das Personal ist überfordert, die vielen Bettler zu verscheuchen, welche die Gäste ansprechen und Geld wollen. Ein Kellner sagte mir gestern, am Schlimmsten wäre es an den Wochenenden, sie wüssten nicht mehr, was sie tun sollten.

In der einen Stunde, in der ich dort saß mit einem Kollegen, wurden wir vier oder fünf Mal angesprochen. Ein Bettler blieb sogar einfach wortlos vor mir stehen, als ich ihn abwies. ‚Wow‘, dachte ich. ‚Das ist neu für mich. Er gibt mir wortlos zu verstehen, dass er erst geht, wenn ich ihm Geld gebe.‘ Das war mir neu. Angst vor dem Personal hatten er und seine Kollegen nicht.

Ich vermute, diese Situation wird sich weiter zuspitzen. Die Wohnungsnot nimmt zu, die psychischen Erkrankungen nehmen zu, die Substanzabhängigkeit nimmt zu. Der Hunger nimmt zu. Gestern sah ich, wie ein erkennbar Obdachloser aus dem Müll einen Tetra Pak Saft zog, ihn aufschraubte, daran roch, und dann die Reste trank. Ich habe auch schon gesehen, wie jemand sichtbar erfreut einen weggeworfenen Hamburger aus dem Müll zog und aß.

Fahre ich abends mit dem Zug heim, sind dort immer ein, zwei Flaschensammler mit vollen Plastiktüten, die von ihrem Sammlerort Dortmund zurück nach Witten fahren.

Es wird nicht besser, es wird schlimmer. Diese brutalen Zeiten werden weiter zunehmen. Fahrt in die großen Städte, schaut Euch um, lasst Euch überzeugen – wir sind nicht mehr weit weg von Hungersnot und Kältetod.

Bild von Christo Anestev auf Pixabay

Gestern Abend sah ich im Konzerthaus den Stummfilm „The Kid“ von und mit Charlie Chaplin, der auf seine künstlerisch berührende Art als Darsteller eines der unzähligen US-amerikanischen Arbeitslosen in den Zeiten der Großen Depression versuchte, mit seinen Filmen die Herzen der Wohlstandsbürger zu rühren. Ein Zwischentitel blieb hängen bei mir:

„Nächstenliebe – für die einen Pflicht, für die anderen Freude“.

Da habe ich mich geschämt und mir gewünscht, der Text geht endlich wieder weg.    

Fakten (zusammengestellt von der KI Perplexity)

Psychische Erkrankungen bei Langzeitarbeitslosen

  • Langzeitarbeitslose in Deutschland leiden häufig unter psychischen Erkrankungen: Über 50-60 % weisen Diagnosen wie Depressionen, Angststörungen oder Substanzmissbrauch auf – doppelt so hoch wie bei Erwerbstätigen.
  • Die Dauer der Arbeitslosigkeit verstärkt dies; bei über zwei Jahren Arbeitslosigkeit steigt das Sterberisiko um das 3,4-Fache.
  • Armut und fehlende soziale Anerkennung erhöhen das Risiko weiter: Männer im ärmsten Einkommensfünftel sterben 30-59-jährig 150% häufiger als Besserverdienende, Arbeitslosigkeit verdoppelt das Risiko.

Zusätzliche Belastungen bei Migranten

  • Migranten unter Langzeitarbeitslosen tragen oft zusätzliche Traumata aus Krieg, Folter oder Flucht (z. B. 40-70% PTSD-Prävalenz bei Asylbewerbern)
  • Dies verschärft psychische Störungen und erschwert Integration sowie Arbeitsaufnahme.

Empfohlene Quellenlinks

Hier sind drei zuverlässige, aktuelle Quellen für die Fakten in der Zusammenfassung:

Eva Ihnenfeldt: Superhelden-Coaching – Deine Traumwelt, Deine Kraft Was wäre, wenn wir frei und selbstbestimmt unsere eigenen Interpretationswelten bauen? Abseits von Religionen und Ideologien als Regisseure unserer Realität? Das ist mein Job: Gemeinsam mit meinen Klienten gestalten wir Visionen und Realität neu. [email protected]

steadynews.de

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