Würden Sie für 10€ das Leben einer Maus opfern? Experimente um Markt und Moral

Katzen würden Mäuse essen...

Eva Ihnenfeldt: Ist es leichter, Leid von fühlenden Wesen in Kauf zu nehmen, wenn man es mit Fremden zu tun hat? Und ist es noch leichter mit Gleichgültigkeit über Gewalt  hinweg zugehen, wenn man durch Wetten und Verhandlungen von diesem Leid profitiert? In einem Verhaltensexperiment des Bonner Ökonomen Prof. Dr. Armin Falk wird deutlich, wie relativ unser Mitgefühl ist – am Beispiel einer süßen kleinen Labormaus…

Stellen Sie sich vor, man schlägt Ihnen folgenden Handel vor: In einem Forschungslabor sollen sämtliche überzähligen

Katzen würden Mäuse essen...

Katzen würden Mäuse essen…

Mäuse eingeschläfert werden. Falls Sie das so hinnehmen, erhalten Sie 10 Euro. Falls Sie jedoch auf das Geld verzichten, nehmen die Forscher eine Labormaus auf, lassen sie leben und pflegen sie unter bestmöglichen Bedingungen. Würden Sie auf die 10 Euro verzichten, um das Leben der Maus zu retten?

Stellen Sie sich nun vor, Sie sind Verkäufer bzw. Käufer in einer gleichberechtigten Marktsituation. Der Käufer hat 20 Euro, der Verkäufer ist verantwortlich für das Leben einer Labormaus. Wenn sich beide Parteien über die Aufteilung der 20 Euro einigen, wird die Maus eingeschläfert – wenn der Handel nicht zustande kommt, lebt die Maus wie oben weiter und wird gepflegt. Wie würden Sie hier als Verkäufer reagieren? Wären Sie bereit das Leben der Maus zu opfern?

In einem dritten Experiment wird wieder wie in Beispiel 2 gehandelt. Doch diesmal gibt es neun (Mausleben) Verkäufer und sieben Käufer mit 20 Euro. Ob Sie wohl in einem so lebhaften Geschehen eher bereit wären, das Leben der Maus zu verteidigen? Oder den Tod hinzunehmen?

Tatsächlich steigt von Fall zu Fall die Bereitschaft der (unterschiedlichen) Testpersonen, für Geld das Leben einer Maus zu opfern. Im Beispiel 1 waren 45,9 Prozent bereit, die Maus für 10 Euro sterben zu lassen. Im zweiten Experiment stieg die Rate auf 72,2 Prozent – im dritten Beispiel sogar auf 75,9 Prozent.

Was sagt uns dieses Experiment von „Markt und Moral“?

Man kennt es von Verkehrsunfällen: Je mehr Menschen im Tatot sind desto unwahrscheinlicher ist es, dass jemand hilft. Auch Soldaten sind freier von ihrem Gewissen, wenn sie vom sicheren Ort aus als Drohnenpilot tödliche Waffen steuern, ohne selbst sinnlich eingebunden zu sein. Und wenn wir Lebensmittel, Textilien, Konsumgüter, Benzin, Energie kaufen wissen wir zwar vom Verstand her, wie häufig miserable Arbeitsbedingungen und sogar Menschenleben an unser Verhalten geknüpft sind – doch ohne direkten Bezug bleibt uns dieses Wissen fremd und verändert nicht unser Handeln.

So sind die Fakten, und wo ist die Moral?

Ich selbst bin genau so wie gerade beschrieben. Ich esse ohne Scheu Fleisch aus Massentierhaltung, ich kaufe Textilien aus Massenproduktion, ich konsumiere Unterhaltungselektronik – und seit Kurzem tanke ich sogar Benzin, das von Feldern stammt, auf denen sonst Korn wachsen könnte.

Das Positive daran ist dass ich tatsächlich verinnerlicht habe, dass ich kein Recht habe über das Verhalten anderer Menschen zu richten – dafür sitze ich zu sehr im Glashaus, kein Grund mit Steinen zu werfen. Wenn meine Nachbarn sich über unperfekte Hundehalter empören geh ich weg.

Ich weiß auch, dass Moral und erwünschte Verhaltensweisen von Volk zu Volk sehr variieren. Bei den Einen geht es um Ehre und WIR-Identität, bei den Anderen um Sippe und Familie, bei den Dritten um die Verklärung von Leid und bei den Vierten um die Verehrung von Geld und Erfolg. Manche Kulturen faszinieren uns, von anderen wenden wir uns erschrocken ab – je nach Ähnlichkeit zu unseren Wertesystemen.

Mein eigenes Gewissen ist formbar und richtet sich nach meinen Lebensumständen. Ich kann es meinen persönlichen Zielen entsprechend anpassen und je nach Situation variieren, ohne daran zu zerbrechen. Wäre ich Pathologin die mit Mäusen arbeitet fände ich das ganze Experiment wohl absurd. Wäre ich Schlangenbesitzerin würde ich die Maus gern für zwei Euro kaufen um meine Haustiere zu füttern.

Wäre ich Präsident der USA, würde ich Drohneneinsätze leidenschaftlich verteidigen, wäre ich Produzent von Unterhaltungselektronik würde ich versuchen, mich auf dem chinesischen Markt zu etablieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Wäre ich mit einem sicheren monatlichen Einkommen gesegnet würde ich moralisch fragwürdige Praktiken empört brandmarken, wäre ich angewiesen auf die Wohltaten einer sozialen Gesellschaft, würde ich meine „Ernährer“ die mein Leben finanzieren hassen, da mich diese Rolle demütigen würde. Und einkommensstarke Steuerzahler empören sich über die, die Sozialleistungen erhalten und anscheinend Schuld sind am hohen Steuersatz.

Was nun? Hinnehmen, Achseln zucken, weiter meckern?

Ich wünsche mir, dass durch Bewusstsein und Bildung die Fähigkeit der Menschen zunimmt, Distanz zu ihrer eigenen Moral und ihrem eigenen Urteil zu entwickeln. Ich wünsche mir, dass wir verstehen, dass es keine absolute Wahrheit gibt, kein feststehendes „Gut“ und „Böse“. Ich wünsche mir, dass die Arbeiter in Billiglohnländern selbst für bessere Arbeitsbedingungen streiten und die Frauen in islamischen Ländern für ihre Rechte als freier würdiger Mensch.

Ich wünsche mir, dass unsere Forscher Möglichkeiten finden, wie wir uns weiter nach vorn entwickeln ohne dem Planeten Schaden zuzufügen. Ich wünsche mir, dass ich in jeder meiner Zelle den Wunsch verspüre, dass es jedem fühlenden Wesen auf der Welt gut gehen möge.

Es gibt noch viel zu tun bei mir persönlich, innerhalb meines Einflussbereichs. Ich könnte Vegetarier werden aus Mitgefühl zu Tieren, ich könnte Fair Trade Konsumartikel kaufen und mich so ruhig und gemessen aus dem Kreis der Täter verabschieden. Ich könnte mein Auto abschaffen und ich könnte monatlich einen festen Betrag spenden – zum Beispiel an eine Schule in einem Entwicklungsland, das mit diesem Geld den Schulbesuch eines Schülers ermöglicht.

Doch schon beim Schreiben dieser Zeilen beschleicht mich ein ungutes Gefühl, ich weiß nicht einmal warum. Wie haltet Ihr es? Lebt Ihr moralisch einwandfrei? Quält Euch ein schlechtes Gewissen, wenn Ihr bei H&M einkauft und Schweinebraten esst? Würdet Ihr Euch wünschen, dass die Konsumenten in Deutschland vereint Kaufboykott betreiben bei Artikeln, die anderen Wesen durch Produktion und Handel Schaden zufügen? Und wo fängt Schaden an? Beim 12 Stunden Tag? Bei fehlender Sozialleistung? Beim Töten überhaupt? Was meint Ihr?

Universität Bonn: Märkte untergraben die Moral

 

 

 

Seit fast zwanzig Jahren auf der "freien Wildbahn" hat Eva Ihnenfeldt sowohl 2004 eine eingetragene Genossenschaft für Existenzgründer gegründet als auch 2011 eine Akademie für die Ausbildung von Social Media Unternehmenden. Lange Zeit war sie Dozentin und Trainerin für Marketing, Kommunikation und Social Media. Heute arbeitet sie als Coach für Menschen im beruflichen Wandel. Ihre Stärke ist es, IST-Situationen zu akzeptieren, Visionen zu erkennen und gemeinsam mit ihren Klienten Strategien zu entwickeln, die sich auch in der Praxis bewähren. Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: [email protected]

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8 thoughts on “Würden Sie für 10€ das Leben einer Maus opfern? Experimente um Markt und Moral

  • Reply Marlene Hildebrand 4. Juni 2013 at 10:19

    Es gibt ein Buch namens „Fast nackt“, da hat der Autor versucht „ökologisch einwandfrei“ zu leben und ist zum Entschluss gekommen, dass das nicht zu 100% geht. Das wissen wir zwar schon, dennoch war sein Fazit: Alle sollten schauen, welche Bereiche ihnen besonders wichtig sind, und eben diese Beiträge leisten.
    Für mich heißt das: Hinterlasse die Welt immer etwas besser, als du sie vorgefunden hast – egal wo du bist.
    Selbst bei C&A gibt es Bio-Baumwollsocken, in jedem Supermarkt findet man Fairtrade-Kaffee, Selbst wenn man nur einmal die Woche vegetarisch ist, hat man für den Anfang schon viel erreicht. Die Frage ist doch auch: Wie viel bin ich mir selbst wert?
    Bin ich mir wert, mich mit guten, schönen, wertvollen Dingen & Lebensmitteln zu umgeben (wenn möglich), oder ist es mir egal, wenn ich billiges Fastfood in mich reinprügel, meine Kik-T-Shirts kaufe und eigentlich die meiste Zeit mit einem schlechten Gewissen rumrenne? Am Ende des Tages muss sich jeder selbst im Spiegel betrachten… Also, step by step, es geht immer etwas besser für alle! 🙂

    • Reply Eva Ihnenfeldt 10. Juni 2013 at 13:13

      Danke liebe Marlene, Du bist da wirklich für uns alle ein Vorbild – denn bei Dir weiß man, dass es Dir wirklich um Mitgefühl geht – Du bist authentisch und glaubwürdig – danke dafür 🙂

  • Reply SteadyNews vom 28. Mai bis 4. Juni 2013 - Business-Academy-Ruhr 7. Juni 2013 at 16:41

    […] zeigt, dass Firmen mehr und mehr auch in der internen Kommunikation auf Social Media setzen.. – Würden Sie für 10€ das Leben einer Maus opfern? Experimente um Markt und Moral Eva Ihnenfeldt: Ist es leichter, Leid von fühlenden Wesen in Kauf zu nehmen, wenn man es mit […]

  • Reply Jeden Dienstag News für Existenzgründer, Selbständige, Unternehmen und Berater - Business-Academy-Ruhr 12. Juni 2013 at 10:38

    […] Würden Sie für 10€ das Leben einer Maus opfern? Experimente um Markt und Moral Eva Ihnenfeldt: Ist es leichter, Leid von fühlenden Wesen in Kauf zu nehmen, wenn man es mit Fremden zu tun hat? Und ist es noch leichter mit Gleichgültigkeit über Gewalt  hinweg zugehen, wenn man von diesem Leid profitiert… […]

  • Reply Britta Pietschmann 20. Juni 2013 at 11:58

    Ein interessantes Experiment! Ich finde, dass jeder sich etwas mehr mit solchen Fragen auseinander setzten sollte. Schon kleine Änderungen der Lebensgewohnheiten können sich positiv auswirken, wenn viele mitmachen.

    • Reply Eva Ihnenfeldt 20. Juni 2013 at 12:03

      Ja Bewusstheit ist der Schlüssel zum aufrechten entspannten Dasein 🙂

  • Reply Persiflage 23. Juni 2013 at 20:55

    das Experiment finde ich persönlich widerlich, ich runzel immer wieder die Stirn bei dem Gedanken,was die menschen für absurde Ideen haben. ich finde es demütigend dem leben gegenüber, geld,kultur wie auch Religion hat der mensch wohl erfunden,damit er nicht den nächsten erschlägt. leben in Geld aufzuwiegen scheint aber der ein menschliches naturell darzustellen.in sofern schäme ich mich wieder ein mal ein mensch zu sein.
    zum Thema Studien: diese zumindest: wenn jmd mit einer waage zur sonne fliegt und hat nach 1 Milliarde km keine meßbare materiemenge gefunden, lässt sich dann ein erklärungsmodell ableiten, der raum ist leer? wenn die menschen ihre zentrale Position mal aufgeben würden und sich abseits platzieren würden( wo sie hingehören) gäbe es einen anderen Blickwinkel, Geld ist kein Messinstrument und ohne mäuse würden wir nicht existieren. wacht auf verdammte dieser erde

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