Deutschlands Ausbildungssystem ist weltweit als besonders anspruchsvoll bekannt. Ist das einer der Gründe, dass seit Jahrzehnten der prozentuale Anteil von Auszubildenden im Vergleich zu Studierenden sinkt? Und warum brechen fast ein Drittel von denen, die eine Ausbildung starten, vor der Abschlussprüfung ab? Im Jahr 2024 konnten nur knapp mehr als die Hälfte aller Unternehmen, die Ausbildungsplätze anboten, alle Stellen besetzen. Die Wirtschaftswoche hat im August 2025 ausführlich erläutert, was die Gründe und Folgen dieses Auszubildenden-Schwundes sind. (wiwo vom 21.08.2025)
Ursachen des Mangels am Ausbildungsmarkt
Hier einige Stichpunkte zu den Ursachen des Ungleichgewichts auf dem Ausbildungsmarkt:
– Die Anforderungen in vielen Ausbildungsberufen – in erster Linie durch die digitale Entwicklung – steigen laufend. Die Berufsschulen haben Probleme, die ständig wachsende Spezifizierung und Umorientierung in ihren Lehrplänen umzusetzen. Es kann bis zu drei Jahre dauern, bis neue Ausbildungsordnungen vollständig in den Schulen umgesetzt sind.
– Da die Lehrpläne auf Bundesebene von verschiedenen Verbänden und Interessengruppen festgelegt werden, ist der vorbereitende Zeitaufwand hoch.
– Ausbildungs-Interessierte befürchten in vielen Berufssparten, dass der priorisierte Beruf einer Automatisierung weichen wird – oder die Arbeitsplätze ins Ausland verlegt wird (siehe Bäckereihandwerk).
– Da in Deutschland bereits heute die Hälfte der Menschen über 40 Jahre alt ist, sinkt der Anteil an Jugendlichen, die eine Ausbildung machen könnten.
– Im Jahr 1950 kamen auf 100 Studierende 755 Auszubildende – heute kommen auf 100 Studierende nur noch 43 Auszubildende.
– Die Heterogenität der Auszubildenden in Berufsschulen ist gewaltig gestiegen, was einen einheitlichen Unterricht erschwert. Schüler mit Abitur und Studienerfahrung lernen gemeinsam mit Jugendlichen, die einen mittleren Schulabschluss vorweisen können – und mit Menschen, die aus anderen Ländern nach Deutschland eingewandert sind. Die Wissens- und Verstehens-Unterschiede sind dementsprechend erheblich.
– Die Ausbildungsvergütung in tarifgebunden Unternehmen ist zwar auf durchschnittlich 900 Euro monatlich gestiegen, doch in nicht tarifgebundenen Firmen kann die Vergütung auch bei nur 500 Euro monatlich liegen. Auszubildende sind dementsprechend auf elterliche Unterstützung angewiesen und wohnen häufig noch zu Hause.
– In vielen Gebieten Deutschlands sind die Berufsschulen weit entfernt vom Wohn- und Arbeitsort der Auszubildenden. Nicht selten brauchen die Auszubildenden jeweils mehr als 60 Minuten für Hin- und Rückfahrt.
– Der öffentliche Nahverkehr ist nicht ausreichend, um Auszubildende zu den Betrieben zu bringen, wenn es gerade im ländlichen Raum oder in Industriegebieten keine ausreichende Anbindung an Bus und Bahn gibt. Immer weniger junge Menschen können mit dem PKW anreisen, da der Erwerb des Führerscheins und die anschließenden Kosten für ein Auto zu hoch sind.
– 41,5 Prozent der Auszubildenden wissen bis zum Ende der Ausbildung nicht, ob sie vom Betrieb übernommen werden. Besonders betroffen sind Hotelfachkräfte und Kaufleute im Einzelhandel (ZDF – Weniger Azubis mit Übernahme-Zusage)
Ist Deutschlands Ausbildungssystem gescheitert?

Der Artikel aus der Wirtschaftswoche ist sehr lesenswert. Da ausländische Einwanderer nur selten mit ihrer langjährigen beruflichen Erfahrung aus den Heimatländern hier in Deutschland als Fachkraft arbeiten dürfen (und das nicht nur im Handwerk) sind Migranten und Migrantinnen häufig in Helferjobs tätig. Eine qualifizierende Ausbildung in ihrem praktizierten Beruf anzuschließen, scheitert oft an sprachlichen Barrieren – aber auch daran, dass die Ausbildungsvergütung niedriger ist als Bürgergeld.
Nicht nur, dass es frustrierend ist, ohne nennenswerte finanzielle Besserstellung zu arbeiten und weiterhin auf Alimentierung angewiesen zu sein – die schweren Prüfungen auf Deutsch mit oft hohen Durchfallquoten schrecken ab.
So übernehmen die eingewanderten Eltern häufig Helferjobs und fördern ihre Kinder, damit diese einen guten Schulabschluss erwerben und beruflich erfolgreicher durchstarten können. Vielleicht brauchen wir etwas Geduld, bis die zweite Generation in ihr berufliches Leben startet – auch bei den früheren Gastarbeitern war es so, dass die Kinder Ausbildung und Karriere gemacht haben, während die Eltern als einfache Arbeiter und Arbeiterinnen alles getan haben, um diese Zukunft zu ermöglichen.
Quelle Wirtschaftswoche – Deutschland sucht Azubis – und scheitert dann an ihrer Ausbildung