Der Todeszeitpunkt: Wüsste ich Tag und Stunde…

30.05.22: Ich habe geträumt, ich war in einem Jugendhotel untergebracht für eine Veranstaltung. Irgendwann fuhr ich mit dem Auto zum Bahnhof, um etwas abzuholen. Dort musste ich aufpassen, da ein kleines Mädchen die Einfahrt überquerte. Die Eltern kamen mit Geschwistern hinterhergelaufen. Ich dachte, sie wollten mir Vorwürfe machen. Doch es stellte sich heraus, dass ich sie von früher kannte. Der junge Vater war der Bruder eines meiner Freunde gewesen. Wir gingen in die Bahnhofsgastronomie. Er und seine Freu zeigten mir ein Familienstammbuch, das er bei eBay ersteigert hatte. Es war sein eigenes, und sein Todesdatum war dort eingetragen. Lange hatte er nicht mehr. Die ganze Familie lebte seitdem mit dem Datum seines zukünftigen Todes. Wir sprachen darüber, was sich alles geändert hat, seit er Tag und Stunde kennt.

Zunächst wollte ich natürlich wissen, ob es sich um eine Fälschung handeln könnte. Doch das hatten sie gewissenhaft geprüft. Das Dokument war echt. Ich fragte, was sich seitdem verändert hat. Wichtig war für die Familie, vorzusorgen für die Zeit nach seinem Tod. Das hatten sie ganz gut im Griff. Dann wollte ich wissen, welchen Einfluss das Wissen von Tag und Stunde auf sein jetziges Leben habe. Es war erstaunlich wenig. Er war zwar etwas ernst für sein Alter, und auch seine junge Frau und die Kinder waren etwas ernster als normale Menschen. Doch im Großen und Ganzen lebten sie ihren Alltag ganz normal. Und ich fragte mich, ob sich vielleicht sehr wenig ändern würde, wenn wir Tag und Stunde kennen würden…

Wenn ich Tag und Stunde wüsste

Ich bin Eva, bin 63 Jahre alt und bin gesund. Bei eBay habe ich durch Zufall meine Todesstunde gekauft. Sagen wir, ich habe noch 8 Jahre, 5 Monate und 12 Tage. Also sagen wir, ich sterbe am 12. November 2030. Was mache ich mit diesem Wissen?

Es zu verschweigen, würde ich sowieso nicht aushalten. Bald also wüsste jeder, den es interessiert, dass ich mein Sterbedatum kenne. Die Menschen wurden mich genau das fragen, was ich den jungen Mann gefragt habe. Ich würde mich daran gewöhnen, ständig darüber zu sprechen. Es würde zu meinem Beruf hinzugefügt sein, dass ich Tag und Stunde kenne.

Was würde sich sonst noch ändern? Nicht viel, denke ich. Ich würde etwas ernster, etwas milder, etwas bewundernder allen Winzigkeiten gegenüber, die ich wahrnehme. Das Jucken in meiner Nase, das Ticken der Uhr, das Einschütten meines Smoothies am Morgen. Ich würde vielleicht noch mehr schreiben – oder nach einiger Zeit hätte ich mich an mein Wissen so gewöhnt, dass es kaum noch Einfluss auf mein Leben hätte. So war es bei der jungen Familie. Sie lebten in erstaunlicher Selbstverständlichkeit mit Tag und Stunde. Was soll’s?

Hätte ich Angst vor dem Tod? Angst vor dem Danach? Der junge Mann hatte nichts davon. Er war ein Automechaniker, der mit diesem Wissen lebt. Bescheiden, bodenständig, verantwortungsbewusst.

Würde ich mich grämen, wenn ich es wüsste? Hätte ich Angst vor Strafe für meine Sünden?

Wahrscheinlich würde ich ständig pendeln zwischen innerem Frieden und Entsetzen, Gelassenheit und Panik. Vielleicht würde ich sehr viel Stille brauchen und suchen, um in mich hineinzuhorchen. Vielleicht würde ich immer und überall auf die Stimme Gottes lauschen mit gespitzten Sinnen. Vielleicht wären diese acht Jahre ein einziges Gebet.

Auf jeden Fall würde ich arbeiten, vielleicht sogar noch mehr als jetzt. Ich würde Ausschau halten nach allen Gelegenheiten, bei denen ich gebraucht werde. Ich würde jeden Kontakt mit Menschen genießen, der Berührung bedeutet, Seelen-Berührung. Ich würde ständig ein wenig Trauer im Herzen tragen, weil ich all diese wunderbaren Menschen bald nicht mehr sehen, hören, fühlen kann. Allein bei dem Gedanken daran kommen mir Tränen. Menschen sind so wundervoll! So heilig! So hilflos!

Ach kennte ich doch Tag und Stunde

Lieber Gott, wenn Du nur einem einzigen Menschen Tag und Stunde zeigen willst, nimm mich. Ich bin stark genug, es zu tragen. Bitte lass mich vom heutigen Tag an so leben, als wüsste ich Tag und Stunde. Gib mir die Gabe, in jedem Eindruck, in jeder Wahrnehmung die Einzigartigkeit und Empfindlichkeit dieses herrlichen Planeten wahrzunehmen.

Ich will Liebe und Achtsamkeit in jeden Moment meines verbleibenden Lebens einweben, ohne Urteil, ohne Bewertung, ohne Wunsch und ohne Ablehnung. Ich will alles gleich lieben, was mir begegnet in dieser kleinen Zeit, die auf Erden mir gegeben ist.

Sicher werde ich mich noch häufig fragen, was „Danach“ kommt, doch ich spüre schon jetzt, wie diese Angst davor unwichtig wird im Wissen um Tag und Stunde. Das „Jetzt“ annehmen in Verantwortung und Demut ist viel wichtiger als die Vorstellung eines „Danach‘s“.

Vielleicht bin ich einfach nur tot, vielleicht lebe ich weiter, vielleicht löse ich mich auf im Seelenozean. Es erscheint mir unwichtig im Bewusstsein dessen, dass mein jetziges Leben auf dieser Erde endlich ist. Egal, ob ich Tag und Stunde kenne oder nicht, ich will leben wie ein alter Fuchs auf dünnem Eis. Jede Entscheidung, jeder Schritt, jede Richtung ist kostbar und unwiederholbar. Danke, dass ich leben darf. Was für ein unfassbares Geschenk.

Bild von ELG21 auf Pixabay 

Seit fast zwanzig Jahren auf der "freien Wildbahn" hat Eva Ihnenfeldt sowohl 2004 eine eingetragene Genossenschaft für Existenzgründer gegründet als auch 2011 eine Akademie für die Ausbildung von Social Media Unternehmenden. Lange Zeit war sie Dozentin und Trainerin für Marketing, Kommunikation und Social Media. Heute arbeitet sie als Coach für Menschen im beruflichen Wandel. Ihre Stärke ist es, IST-Situationen zu akzeptieren, Visionen zu erkennen und gemeinsam mit ihren Klienten Strategien zu entwickeln, die sich auch in der Praxis bewähren. Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: [email protected]

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