1957 hat Curt Richter ein Experiment mit Ratten durchgeführt, das auf uns nicht nur deshalb verstörend wirkt, weil er skrupellos Ratten ertrinken ließ – sondern auch, weil er zeigte, wie sehr die gezielte Hoffnung auf Rettung zahme Ratten dazu motiviert, immer weiter durchzuhalten. Ist es tatsächlich so, dass womöglich auch Menschen durch die Hoffnung und den Glauben an eine „höhere Macht“ bereit sind, weit über ihre natürlichen Kräfte zu gehen, weil sie auf Rettung hoffen? Wie genau lief das Experiment ab?
Forced Swim Test in der Version von Gemini bei Google
Das Ratten-Experiment von Curt Richter (1957) zeigte, dass zahme Ratten, die nach einer kurzen Schwimmphase gerettet und dann erneut ins Wasser gesetzt wurden, erheblich länger schwammen als Ratten, die nie gerettet wurden. Dies verdeutlichte die Kraft der Hoffnung: Ratten gaben nach etwa 15 Minuten auf und ertranken, aber diejenigen, die eine Verschnaufpause erhielten, schwammen aufgrund der erweckten Hoffnung auf Rettung bis zu 60 Stunden lang weiter.
Das Experiment wird oft als Illustration für die psychologische Wirkung von Hoffnung zitiert, die selbst Leben verlängern kann, wird aber auch kritisch gesehen, weil es die Tiere zum Tode verurteilte und das Verhalten eher auf die Hoffnung auf Rettung zurückführt als auf eine Eigenschaft der Hoffnung selbst.
Ablauf des Experiments
Vorbereitung: Der Verhaltensforscher Curt Richter setzte eine Reihe von Ratten in einen Wasserbehälter, aus dem sie nicht entkommen konnten.
Erster Versuch: Viele der Ratten gaben nach einer Viertelstunde auf und ertranken.
Rettungsphase: Richter fischte einige der fast ertrinkenden Ratten aus dem Wasser, setzte sie kurz auf einen sicheren Platz, ließ sie sich trocknen und stärken, und warf sie dann erneut ins Wasser.
Zweiter Versuch: Diese Ratten schwammen nun deutlich länger, teils bis zu 60 Stunden, bevor sie ebenfalls aufgaben und ertranken.
Interpretation und Bedeutung
Die Macht der Hoffnung:
Die Ratten, die eine Rettung erfahren hatten, entwickelten eine Hoffnung, die sie zu ungewöhnlichen Leistungen antrieb und sie dazu brachte, viel länger durchzuhalten.
Kontrast zu wilden Ratten:
Wild gefangene Ratten, die diese Erfahrung der Rettung nicht kannten, gaben dagegen auch nach der Unterbrechung schnell auf und ertranken binnen weniger Minuten.
Kritische Betrachtung:
Das Experiment ist aufgrund seiner Brutalität umstritten und wird teils kritisch hinterfragt. Es ist nicht die Hoffnung selbst, die längerfristig hilft, sondern die Erwartung, aus einer Situation gerettet zu werden, die überleben ermöglicht.
Erkenntnisse
Das Experiment ist ein bekanntes Beispiel dafür, wie das Gefühl der Hoffnung psychische Kräfte freisetzen kann, die das Durchhaltevermögen und die Lebenskraft beeinflussen. Es zeigt, dass Hoffnung als ein „Motor des Lebens“ verstanden werden kann, der auch unter extremen Bedingungen antreibt
Ich persönlich denke an Soldaten, die entgegen ihrer natürlichen Instinkte schrecklichste Grauen in ihrem Glauben an eine Ideologie, die „von oben“ kommt und sie als patriotische Helden für die gute Sache feiert, erleiden und begehen. Oder daran, dass Kinder aus manchen Kulturen im Leistungssport grausam abgerichtet werden, indem ihre Trainer sie mit den Mitteln der „Rettung kurz vor dem Zusammenbruch“ dressieren. War es vielleicht das, was Marx meinte, wenn er vom Opium fürs Volk“ sprach? Mit Gott für König und Vaterland?
Hoffnung oder Selbstvertrauen
Viele junge Menschen haben in ihrer Kindheit erfahren, dass ihre Eltern alles tun, um sie vor schlimmen Erfahrungen zu bewahren. Verständlich, denn Eltern lieben ihre Kinder und wünschen sich, dass diese glücklich sind. Doch vielleicht gibt es eine Rückseite der Medaille „liebevoll beschützen“. In dem Richter Experiment wurden auch wilde Ratten der Schwimmfolter unterzogen – doch bei ihnen wirkte die Unterbrechung durch „Rettung“ nicht. Sie waren nicht domestiziert wie die zahmen Ratten und erkannten auch nach der Erholungsphase, dass sie verloren sind. Sie gaben sehr viel früher auf als die gezähmten Ratten.
Resilienz ist die Konsequenz aus Erfahrungen, dass wir selbst unsere Rettung und unser Wegweiser sind. Resiliente Menschen sind zwar nicht treffsicherer in ihren Entscheidungen, doch es sind immerhin ihre eigenen Entscheidungen, die sie treffen. Lieber nach 15 Minuten ertrinken, als quälende 60 Stunden (!) immer und immer auf Rettung von oben hoffen. Furchtlos für sich selbst einzustehen, das ist meine Definition von Freiheit. Und diese Freiheit gewinnt der Mensch durch eigene Kraft. Und nicht für König, Gott und Vaterland…




