Himmel und Hölle: Erschaffen wir sie uns selbst?

Als meine Tante starb, zu Hause in ihrem Schlafzimmer, hatte sie solch panische Angst, dass – laut Aussage ihres Ehemannes – die Topfblumen im Zimmer eingegangen sind. Als er mir das erzählte, hat sich etwas in mir verändert. Schon immer habe ich geglaubt, dass wir Menschen mit dem, woran wir glauben, unsere Götter erschaffen. Kann es sein, dass wir uns auch unseren eigenen Himmel und unsere eigene Hölle erschaffen durch das, woran wir glauben? Und wenn es so ist, wäre es nicht – ganz egoistisch betrachtet – sinnvoll, uns von Hass, Gier und Hochmut zu verabschieden – und stattdessen Nächstenliebe zu lernen?

Möge es allen fühlenden Wesen gutgehen?

Doch wie ist es möglich, jedem Menschen von Herzen zu wünschen, dass es ihm gut gehen möge? Wäre das der Weg zum Glauben an die Möglichkeit eines Himmels, der auch uns einmal die Pforten öffnet? Denn das ist in der Zwischenzeit wohl auch in der naturwissenschaftlichen Psychologie angekommen: Das, was ich anderen wünsche, ist das, was wie ein Bumerang zu mir zurückkommt.

Die 6 Herztugenden

Bild von Alexa auf Pixabay

Die Sache, die so einfach, aber schwer zu machen ist…

Das Problem bei der Entscheidung für die sechs Herztugenden ist, dass wir in Gerechtigkeitsphantasien gefangen sind. Die Allermeisten von uns empfinden die Schmerzen und Traurigkeiten, die wir erleben mussten, als etwas, das uns von außen zugefügt wurde. Sich überhaupt für die Kunst der Nächstenliebe öffnen zu können, setzt voraus, dass wir von dem zerstörerischen Glauben an „Gerechtigkeit“ und „Ungerechtigkeit“ Abschied nehmen und akzeptieren, dass unser Leben so etwas ist wie eine Aufgabe und Ausbildung.

Wir sind keine Opfer. Wir sind die, die sich in unserer jetzigen Inkarnation an etwas gewagt haben, was uns vielleicht bis an die Grenze des Erträglichen getrieben hat. Natürlich gibt es auch herrliche Leben zwischen Geburt und Tod – doch ich frage mich, ob rein glückliche Leben nicht vertane Zeit waren. Wir können unsere Ahnen erlösen, wir können unsere Eltern erlösen – ich zumindest habe gelernt, versöhnt und sogar stolz auf meine Eltern und meine Ahnenlinie zu sein – auch wenn meine Kindheit kein Zuckerschlecken war.
Die 1. Herztugend: Anerkennung 

Was bedeutet es, wenn man das Bedürfnis hat, gut zu sein für seine Mitmenschen? Wenn man sich von Herzen wünscht, dass jeder Mensch, der einem begegnet, etwas für sich mitnehmen kann, das aufbaut, segnet, stärkt. Ein kameradschaftliches Lächeln senden bei Augenkontakt; eine Bestätigung geben, die Mut macht; eine Umarmung wagen bei Traurigkeit. Es geht nicht darum, zu helfen und zu retten – helfen nimmt die Eigenverantwortung, retten erwartet Dankbarkeit – es geht darum, sich einzufühlen in das leidende oder verwirrte Herz, anstatt sich zu schützen vor den berührenden Emotionen. Nachdem man versöhnt ist mit dem eigenen Schicksal, wächst eine zweite Fähigkeit:
Die 2. Herztugend: Mitgefühl

Bitterkeit entsteht durch Hass, Neid und den Wunsch nach Vergeltung. Bitterkeit ist eine künstlerische Ausdrucksform aus dem Glauben an die Hölle. Phantasien, die sich mit Lust daran weiden, was dem Verabscheuten passieren könnte, sind das gesponnene Garn aus der Hölle, das womöglich auf einen selbst zurückkommt in der Stunde des Todes. Versöhnt Euch mit denen, die Ihr beneidet, die Ihr verurteilt, die es anscheinend so viel besser oder leichter haben als Ihr selbst. Gönnen können erwächst dann, wenn nach der Anerkennung des eigenen Schicksals das Mitgefühl ausreift. Es ist so schön, durch die Stadt zu gehen in völliger Versöhnung, Freundschaft, Güte…
3. Herztugend: Vergebung

Ist man mit dem eigenen Los im Einklang, fühlt man die Menschen um sich herum, gönnt man der ganzen Welt ihre Freiheit – dann kommt von ganz allein ein neues, erstaunliches Gefühl, zu dem man sich selbst nicht zwingen kann und das man nicht über irgendwelche Praktiken erlernen kann. Dieses Gefühl macht unglaublich glücklich:
4. Herztugend: Demut

Hat man das große glückspendende Gefühl der Demut erreicht, lebt man fast wie ein Vögelchen, so als könne man fliegen. Selbst wenn alles verloren geht, wenn man allein zurückgelassen wird, wenn man krank wird und völlig einsam zurechtkommen muss, schenkt Demut die tiefsitzende Dankbarkeit, die Bonhoeffer so schön aus dem Nazi-Foltergefängnis heraus besingt:  „Von guten Mächten wunderbar geborgen“. Dann hat man die fünfte Herztugend verstanden:
5. Herztugend: Verstehen

Nun fehlt nur noch eins, und dieses letzte wächst dann in Freuden gern heran, wenn man Anerkennung, Mitgefühl, Vergebung, Demut und Verstehen so selbstverständlich in sich eingebettet hat wie eine Mutter ihr Baby… Und das ist dann der letzte Schritt, um ein erfülltes Leben führen zu können. Diese sechste Herztugend führt dazu, dass man ohne Angst das tut, was man gerade tun möchte. Das ist die Tür zur Freiheit: Freiheit bedeutet, furchtlos für sich selbst einzustehen.
Und so lautet die 6. Herztugend: Mut

Wer das schafft, der braucht keine Angst vor der Hölle zu haben. Wer Allem und Jedem den Himmel gönnt, wer in sich die jubelnde Dankbarkeit gefunden hat, der erlebt das größte aller Geschenke: Die Freiheit.

Eine Bestatterin sagte mir einmal, die meisten Menschen sähen schlimm aus nach dem Sterben. Ich hoffe, dass das übertrieben war und dass die allermeisten Menschen so glücklich und lieblich in ihr „Danach“ gingen wie meine Eltern. Sie waren versöhnt, demütig und beschützt. Das ist der Himmel – egal, was man glaubt.

2 thoughts on “Himmel und Hölle: Erschaffen wir sie uns selbst?

  • Reply Sybille Gonserowski-Spintge 23. September 2025 at 12:27

    wieder einmal bringt Eva Ihnefeldt alles so wunderbar , für jeden verständlich und nachvollziehbar auf den Punkt.
    Vielen Dank

    • Reply Eva Ihnenfeldt 24. September 2025 at 12:36

      Daaanke schön liebe Sybille. Ist tut immer so gut, mal ein siolches Feedback zu erhalten!

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