Home / Hintergrund / Politik bei Instagram, YouTube, Facebook, Twitter… Für 300 Euro 3530 Kommentare, 25.750 Likes, 20.000 Seitenabrufe und 5100 Follower

Politik bei Instagram, YouTube, Facebook, Twitter… Für 300 Euro 3530 Kommentare, 25.750 Likes, 20.000 Seitenabrufe und 5100 Follower 0

Es ist so erschreckend simpel, sich mit ein paar Scheinchen in den sozialen Netzwerken Meinungsmacht einzukaufen. Anscheinend hat insbesondere Facebook mit seinem beliebten Instagram kein Interesse daran, die vielen Firmen auszusperren, bei denen man massenhaft für wenig Geld Aufmerksamkeit und Interaktionen einkaufen kann. Auf der einen Seite behauptet Mark Zuckerbern gern, Facebook würde nur an das Wohl der User denken, wenn Neuerungen eingeführt werden (wie heute das WhatsApp-Verbot für Newsletter – oder fehlende Sichtbarkeit von Likes bei Instagram), doch die Realität zeigt eine Realität hinter dieser PR:

Die sozialen Netzwerke wie Facebook, Google und Twitter verdienen ihr Geld mit Werbetreibenden, und so wird nicht nur bei Unternehmen, sondern gerade auch in der Politik geduldet, dass in riesigem Ausmaß Manipulation betrieben wird. Und keiner solle sich einbilden, er wäre unempfindlich gegen Propaganda.

Irrtum Nummer 1: „Ich bin nicht manipulierbar!“

Überprüft Euch einmal selbst: Zunächst seid Ihr entsetzt über die neue unbekannte SPD-Spitze und bewertet sie negativ. Dann empfangt Ihr einige Aussagen und Werteversprechen der beiden Spitzen – und es ändert sich Eure Bewertung (entweder zum Positiven oder noch negativer). Dann wieder lest Ihr etwas von der CDU-Vorsitzenden (mit einem Bild von ihr, dem Ihr instinktiv eine Sympathie-Bewertung hinzufügt) und erneut rüttelt sich Euer Gehirn die Einstufungen zurecht.

Gut – böse – bewundernswert – verachtenswert – spannend – langweilig – vernünftig – unzurechnungsfähig – authentisch – verlogen…. Ja, genau so funktioniert in unserer parlamentarischen Demokratie die Volksbeteiligung. Wie können nichts weiter als wählen oder in einer Partei aktiv arbeiten (sich „hochdienen“). Mit unserem „Daumen auf, Daumen runter“ stimmen wir über Macht und Ziele ab, ohne auch nur einen Hauch Ahnung von den Hintergründen der Konsequenzen zu haben – herrlich um zu manipulieren!

Lobbyisten und Politik

Tatsache ist, dass Politik und das digitale Oligopol weniger Giganten intensivst zusammenarbeiten. Wie man an diesem Versuch sieht, liegt dabei nicht der Fokus auf der Verhinderung von Falschinformationen und unredlicher Manipulation – sondern um den pragmatischen Mehrwert, den beide Seiten von den einzelnen Maßnahmen und Innovationen haben. Politiker und deren Drahtzieher wollen Wählerstimmen und ein leicht zu erziehendes Volk – die Konzerne wollen Geld und weitgehendste Handlungsautonomie bei ihren internationalen Monopolbestrebungen.

Was können wir tun?

Für mich ist die jetzige naive Ausnutzung unseres Vertrauens nur eine Übergangsphase. Wir lernen gerade, uns unempfindlich gegenüber Propaganda zu machen. Macht hat nur solange Einfluss auf uns, bis wir emotional unberührbar gegenüber ihren Versuchen werden. So wie im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ es nur des rechten Zeitpunkts und der rechten Stimme bedurfte, bis alle erwachten und erkannten „Der Kaiser ist ja splitternackt!“

heiselonline vom 7.12.19: 95% der Fake-News, Bots und Trolls bei Facebook, YouTube, Twitter und Co bleiben online
Selbst Meldungen bleiben ohne Konsequenzen – und ganz sicher nicht, weil die Bot-Formen zu schlau sind für Facebook, Google und Twitter…

Nudging (Anschubsen von erwünschtem Verhalten)

Politik wendet immer professioneller Nudging an, um erzieherisch tätig zu werden. Durch das Internet und die sozialen Netzwerke gibt es auf der einen Seite immer mehr Möglichkeiten, diese positiv ausgerichteten Konditionierungen zu verbreiten – auf der anderen Seite sinkt der Einfluss der Leitmedien, da die Menschen sich im Internet ihre eigenen Quellen suchen können.
brand eins: Interview mit dem Verhaltensökonom Gerhard Fehr

Nudging kann sehr gut sein, wenn zum Beispiel über Belohnungsanreize gesundheitlich schädliches Verhalten minimiert wird, wenn unsere ökologische Opferbereitschaft verstärkt wird – oder wenn der gesellschaftliche Frieden durch emotionale Verstärkungen von Feindschaft und Vertrauen umgewandelt wird.

Kurz und gut, ohne Nudging und gesteuertes Meinungsklima würde womöglich Chaos ausbrechen, da es keine verlässliche „Schweigespirale“ mehr gäbe – jeder könnte glauben und aussprechen, was er will. Das könnte zu Hass, ungezügelten Eigennutz und soziale Kälte führen. Minderheiten könnten zum Spielball des Volksempfindens werden. Ist Politik womöglich in ihrer Kernaufgabe eine Nudging-Institution?

Digitale Überwachung und die Filterblase

Unser Verhalten und unser Charakter wird dank der fast lückenlosen Überwachung unserer Internet-Verhaltens und unserer Smartphone-Kommunikationen transparent. Dank modernster Technologien können Botschaften so angepasst werden, dass sie zu unserer Persönlichkeit passen. Spätestens seit Cambridge Analytica wissen wir das. Vor allem in autokratischen Systemen und in Gesellschaften mit niedrigem Bildungsniveau werden Social Media Manipulationen bei Wahlen und sozialen Konflikten ganz selbstverständlich angewandt, um „Volkserziehung“ im eigenen Sinne zu betreiben.

Bin ich zu optimistisch wenn ich daran glaube, dass wir Menschen dadurch lernen, unabhängiger von Propaganda zu werden und unsere eigene digitale Kompetenz zu entwickeln? Wenn wir Likes, Views, Kommentaren etc. nicht mehr trauen und unempfindlich werden für Botschaften, die nicht durch unseren persönlichen Filterblasen-Trust-Test gegangen sind? Ich persönlich habe das Glück, dank meiner intensiven Vernetzung immer mehr Meinungsautoritäten identifiziert zu haben, denen ich bei ihren Bewertungen traue und deren Informationen ich selektiert folge. Der Rest prallt an mir ab und wird ignoriert.

Bewegt Euch im Web – erlangt digitale Kompetenz!

Ich wünsche mir auf jeden Fall, dass ich recht habe. Alles Andere wäre dystopisch und unerträglich. Abgerichtete Meerschweinchen, die durchs Labyrinth der Meinungen laufen und sich immer dahin bewegen, wo sie gelockt werden mit Belohnungen, Bestätigungen und guten Gefühlen. Also schön viel im Internet forschen und sich klug vernetzen. Wissen ist Macht – und digitale Kompetenz die einige Möglichkeit, der Propaganda etwas entgegenzusetzen. Verweigerung ist Dummheit – mehr nicht…

 

 

Über Eva Ihnenfeldt

Als Expertin für Social Media Marketing berät und begleitet Eva Ihnenfeldt Unternehmen und Organisationen bei der Entwicklung von Social Media Strategien - und übernimmt als Dozentin Lehraufträge für Hochschulen, Kammern und andere Bildungsträger. Eva Ihnenfeldt - Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: e.ihnenfeldt@gmail.com

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