Das Prekariat: Unsicherheit und soziale Verwundbarkeit

Arte hat am Mitte Januar 2022 eine aufrüttelnde Dokumentation gezeigt mit dem Titel „Abschied von der Mittelschicht – Die prekäre Gesellschaft“ (als YouTube Video unten im Beitrag verlinkt). Junge und alte Menschen aus verschiedenen Ländern Europas werden in ihrem Alltag im Prekariat begleitet. Das Problem und die damit verbundene Gefahr ist riesig: Ein Drittel der Erwerbstätigen in Europa arbeitet in prekären Beschäftigungsverhältnissen. Heißt: Diese Menschen haben keine soziale Sicherheit. Sie sind beschäftigt über Zeitarbeitsagenturen, haben befristete Arbeitsverträge, haben durch Geringfügigkeit oder Teilzeit zu wenig Einkommen, um davon leben zu können, sind Soloselbstständige oder so genannte „Aufstocker“, haben keinen Anspruch auf ausreichende Sozialleistungen bei Arbeitslosigkeit, Erwerbsunfähigkeit und im Alter.

Globalisierung, Digitalisierung, Finanzsysteme

Nicht nur Menschen im Niedriglohnsektor sind betroffen, sondern auch das akademische Prekariat breitet sich immer weiter aus. „Universitäten sind Systeme höchster Prekarisierung geworden“ (ORF – wissenschaftliches Prekariat) – durch die Globalisierung und Digitalisierung schwinden traditionelle Arbeitswelt-Strukturen, in denen der Mensch mit gesicherter Zukunftsperspektive eine Familie gründen kann, ein eigenes Heim und soziales Umfeld aufbauen, ein geregeltes Leben führen, für die Zukunft der Nachkommen sorgen und abgesichert alt und pflegebedürftig werden kann.

Das moderne Prekariat unterscheidet sich von vertrauten Arbeitsbedingungen im Spannungsfeld der Besitzenden und Besitzlosen dadurch, dass die Menschen sich nicht als Gruppe erleben. Was hat der selbstständige Paketbote mit dem befristet Beschäftigten in der Universität zu tun? Was verbindet die Mutter im Minijob mit dem Schichtarbeiter aus der Zeitarbeitsfirma?

Arbeitsrechte und menschenwürdige Lebensverhältnisse schwinden, wo es keinen Zusammenschluss der Betroffenen gibt. (Hans-Böckler-Stiftung: Prekariat)

Die profitorientierte Gesellschaft im postindustriellen Zeitalter kümmert sich nicht um den sozialen Abstieg der prekär Beschäftigten, die durch Arbeitsplatzverlust, Beziehungstrennung, Krankheit oder den unbarmherzigen Wettbewerb um bezahlte Arbeitsaufträge in die Abhängigkeit des staatlichen Versorgungssystems geraten – die zu Bettlern bzw. sozial verachteten Alimentierten werden. Das Heer der prekär Beschäftigten ist unsichtbar.

Die Spaltung der Gesellschaften in den Industrieländern ist eng verwoben mit dieser Entwicklung. Soziale Unsicherheit führt zu politischer Wut, die sich in den etablierten Parteien nicht wiederfindet. Denn welche Partei will sich schon auf eine Stufe stellen mit dem „Lumpenproletariat“!

Radikale Parteien von rechts haben wenig Probleme mit der Zurschaustellung des Leides der Prekären, der Arbeitslosen und verarmten Rentnern – denn die Probleme dieser sind auf den ersten Blick passend zu den Programmen der reaktionären Nationalisten: Schuld an dem Leid der Unterschicht sind Globalisierung, Einwanderung, digitale Revolution.

Leider neigt der unterdrückte Mensch dazu, die Schuld bei denen zu suchen, denen es noch schlechter geht – und nicht bei den Profiteuren, die man durchaus auch bewundert für ihren Reichtum, ihren Status, ihren Erfolg und ihre Macht.

Meine Meinung

Ich persönlich bin froh darüber, dass wir nicht mehr in Privat- und Arbeitsverhältnissen leben „von der Wiege bis zur Bahre“. Wir leben in einer rasend schnellen Zeit, in der wir Menschen uns auch persönlich immer wieder neu erfinden können, immer wieder neue Erfahrungen machen und unsere Ressourcen und Lebensentwürfe erweitern können.

Doch was ist der nächste Schritt in einer Neubewertung der Menschenrechte – so wie in der Zeit der industriellen Revolution, in der Sozialversicherungssysteme und Rechtssysteme für die Arbeiterklasse  immer weiter entwickelt wurden? Wir brauchen tragfähige Sicherungssysteme für all die, die prekär beschäftigt sind.

Neben dem Mindestlohn und der Aufnahme in die Sozialversicherungssysteme könnte das tatsächlich ein ausreichendes Bürgergeld sein, das bei Arbeitslosigkeit, gesundheitlicher Einschränkung, mangelnder Auftragslage, Alter und Lebenserschütterung rechtmäßig jedem Menschen zusteht und das nicht länger mit „Bettelei“ oder „Sozialschmarotzertum“ assoziiert wird. 

Wer soll das bezahlen?

Diese Frage wird viel diskutiert. Betrachtet man die Summen, die an Subventionen seit Corona gezahlt werden (z.B. wegen Kurzarbeit ) erkennt man, wie sich die Bewertung von öffentlichen Subventionierungen verändert. Überhaupt scheint das finanzielle Verständnis, dass man „Geld nicht einfach drucken kann“, überholt zu sein.

So oder so wird die digitale Entwicklung zu einer globalen, gesellschaftlichen Veränderung führen, die uns alle betrifft. Menschliche Arbeit wird zunehmend von Maschinen übernommen, Arbeit wird da gebucht, wo sie am günstigsten und produktivsten ist, Arbeitsverhältnisse werden immer prekärer, unsicherer, undurchschaubarer, ohne die persönliche Anbindung in ein soziales betriebliches System.

Es gibt viel zu tun, und ich bin sicher, wir werden auch diesen Schritt schaffen. In Ländern wie Spanien, in denen die Hälfte der jungen Menschen arbeitslos ist bzw. nur ab und zu schlecht bezahlte Aushilfsjobs bekommt, sehen wir Beispiele von selbstorganisierten Kooperativen, die erfolgreich ihren Weg gehen.

Niemand ist sicher

Und Eines sollten wir alle beachten: Die Zahl der Beschäftigten, die psychisch erkranken, wächst erschreckend schnell; nicht nur in sozialen Berufen und prekären Branchen – auch bei den Beschäftigten im öffentlichen Dienst und den Wissensarbeitern. Niemand sollte sich sicher fühlen, dass nicht auch er oder sie irgendwann zu denen gehört, die sich nicht mehr aus eigener Kraft finanzieren können. Vor Allem Mütter sind gefährdet, entweder weil sie wenig verdienen – oder weil die Doppelbelastung zwischen Arbeit und Familie sie seelisch zerreißt. Also bitte kein Hochmut gegenüber denen, die in staatliche Alimentierung oder die Schuldenfalle geraten. Niemand ist sicher. Es sind viele viele – und es werden immer mehr….

Arte-Dokumentation – verfügbar bis 17. April 2022

Seit fast zwanzig Jahren auf der "freien Wildbahn" hat Eva Ihnenfeldt sowohl 2004 eine eingetragene Genossenschaft für Existenzgründer gegründet als auch 2011 eine Akademie für die Ausbildung von Social Media Unternehmenden. Lange Zeit war sie Dozentin und Trainerin für Marketing, Kommunikation und Social Media. Heute arbeitet sie als Coach für Menschen im beruflichen Wandel. Ihre Stärke ist es, IST-Situationen zu akzeptieren, Visionen zu erkennen und gemeinsam mit ihren Klienten Strategien zu entwickeln, die sich auch in der Praxis bewähren. Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: [email protected]

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