Eva Ihnenfeldt: Corona – Leben im Lockdown

Man sagt ja, echte Wandlungsprozesse verlaufen in Phasen. Man sagt ja, wir Menschen wandeln uns nur dann, wenn das Vertraute überhaupt nicht mehr funktioniert. Ehe, Arbeit, Heimat, Krankheit, Sucht… Erst wenn die „Komfortzone“ unerträglich wird, greift mensch zum Wanderstab und wagt den Neuanfang. Der Lockdown war und ich für mich so ein Prozess in verschiedenen Phasen. Gern will ich versuchen, diese Phasen zu beschreiben:

Phase 1: Die „Man weiß ja nie“ Phase

Danke meiner Aufgabe als Social-Media-Trainerin hatte ich schon im Januar 2020 Warnungen erhalten, die mich berührten. Eine Teilnehmerin, hochdekorierte internationale Vertrieblerin, riet mir, mich auf einen Lockdown vorzubereiten und darauf, dass dieser Schlagzeilen-Virus aus Wuhan tatsächlich gefährlich ist. So zog Eva schon im Januar los und kaufte Toilettenpapier. Und Dosen und Nudeln und einen zweiten Gefrierschrank… Innerlich blieb ich unberührt von den Nachrichten. Fühlte sich eher an wie Netflix gucken…

Phase 2: Erster Lockdown

Es gibt ein Foto, wo mein damaliger Geliebter und ich auf einer Bank am Hammerteich die berühmte Rede unserer Bundeskanzlerin guckten. Es war ja so romantisch! Podcasts für die Oma sollten wir machen, zu Hause bleiben und vor Allem: chillen! Es war wundervoll, so Urlaub zu zweit. Wir waren glücklich und verliebt. März und April waren Honeymoon Pur.

Phase 3: Der böse Sommer

Als der 1. Lockdown „alt“ wurde, kam innerlich so etwas wie Enttäuschung. Ich unterrichtete im Homeoffice ohne meine vertraute Begeisterung und Leidenschaft, irgendwie war was weg. Es fühlte sich an, als hätten wir an das Ende der Welt geglaubt wie die Zeugen Jehovas – und nun wurde das Endzeit-Drama zum ewig neu aufgewärmten Eintopf. In unserer „Das kann doch nicht alles gewesen sein“ Stimmung beschlossen mein Geliebter und ich, nun ernst zu machen und zusammenzuziehen. Irgendwie mussten wir was tun. Wir wollten doch ein neues Leben beginnen!

Phase 4: Die Zerstörung

Nur zwei Wochen, nachdem wir feierlich bei meinen Kindern erklärt haben, dass wir nun „ernst“ machen, floh mein Zukünftiger regelrecht aus der Entscheidung. Das war zunächst unendlich hart für mich. Doch rückblickend bin ich ihm dankbar. Hätten wir „ernst“ gemacht, wäre es eine langsam sich zuspitzende Katastrophe geworden. Ich bin viel zu eigensinnig und dominant für eine Ehe. Oder wie meine jüngste Tochter mal formulierte „Du bist ein guter Mensch – aber man kann Dich nur in Häppchen genießen“. Nachdem ich wochenlang unter dem Entzug gelitten hatte, war die Ohnmacht so groß, dass ich handeln musste. Ich hatte einen Social-Media-Kurs, der mich als Dozentin regelrecht fertig gemacht hat und schmiss von einem Tag auf den Anderen meinen Job. Mir war alles egal. Nur weg, nur weg, nur weg.

Phase 5: Grabesruhe

Nun endlich hatte ich Zeit, abzuschließen mit  all dem, was ich als sicheres Fundament betrachtet hatte. Ich setzte mich in meine innere Einöde, akzeptierte den Ruin, war bereit, auch die schlimmsten Konsequenzen zu tragen. Ich hatte buchstäblich akzeptiert, dass ab sofort alles nur noch bergab ging. Es war ok. Meine Liquidität reichte noch ein Weilchen – alles Weitere würde man später sehen. Die Krähen riefen schon nach meiner Leiche, es war ok…

Phase 6: Wanderstab

Die Grabesruhe dauerte nicht lange. Eine Eva ist nicht der Typ für Depressionen, ich bin eine Überlebenskämpferin – und das mit 60 Jahren Erfahrung… Da ich immer so offen alles im Netz verteile und auch mein berufliches Scheitern in einem Post beschrieb, kam Hilfe durch einen Kommentar bei Facebook. Ein kostenloses berufliches Coaching über ein NRW-Programm – was es nicht alles gibt!
Meine wunderbare Coachin brachte mich sehr schnell auf den rechten Weg zurück und zeigte mir was ich schon lange weiß: „Es geht immer weiter!“ Ich bewarb mich bei einem spannenden Startup-Sozialunternehmen und wurde freier Jobcoach für Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen.

Phase 7: Neues Leben, neue Zukunft, neues Glück

Seit November bin ich nun aktiv in meiner neuen Herausforderung. Ab Mai kann ich an Wochenenden eine Weiterbildung zur systemischen Sozialtherapeutin absolvieren bei dem Träger, für den ich arbeite. Ich bin so glücklich, fühle mich jung und stark und gebraucht! Meine Coachees sind genau die Menschen, denen ich mich verpflichtet fühle. Alles Überlebenskämpfer, alles Menschen, die wissen, was Leid und Verzweiflung bedeuten. Alles Menschen, die nicht zu den Profiteuren einer Gesellschaft zählen. Ich bin unendlich stolz auf sie – und ich kann tatsächlich helfen! Unfassbar, aber ich scheine richtig gut zu sein! Heute, zu meinem 62. Geburtstag am 3. März, bin ich ein glücklicher Mensch mit Sinn und Zukunftsperspektive. Ich hoffe, ich kann arbeiten, bis ich tot mit dem Kopf auf die Tischplatte knalle als alte Frau. Das ist mein sehnlichster Wunsch.

Und die Liebe? Ach ich tauge einfach nicht für Ehe und familiären Vertrags-Alltag. Ich bin ein Vagabund, und mein Traum von der Liebes-WG im Alter, die meine Kinder entlastet, weil zwei alte Leute gegenseitig auf sich aufpassen, war sowieso Quatsch. Meistens haben die Kinder dann irgendwann Beide am Hals. Und eine Absicherung gegen Altersarmut wäre es sowieso nicht, weil ich nie nie nie vom Geld eines Mannes leben könnte. Dann lieber staatliches Sozialgeld, falls ich irgendwann nicht mehr kann.
Ich habe meine Angst vor der Altersarmut auch durch meine Coaching-Klienten verloren. Wenn die so meisterlich und klug und bescheiden mit unendlich wenig Geld auskommen können, kann ich das auch. Da soll ich mich mal nicht so anstellen. Und es ist klimafreundlich, ein Minimalist zu sein!

Phase 8?

Keine Ahnung wie es weitergeht mit diesem Corona. Angst vor einer Infektion hatte ich nie, halte mich jedoch fast hundertprozentig an die Regeln. Ich nehme sie hin wie rote Ampeln. Da bleibe ich sogar nachts meist stehen, weil ich Regeln als Schutz empfinde und die Polizei und den Staat  respektiere. Ich mag Corona, weil ich denke, es wird dringend Zeit für eine grundlegende Transformation des Menschen. So lange haben wir uns nur noch über Geld und Äußerlichkeiten definiert – ganz klar, so schaufeln wir uns unser eigenes Grab. Ich wünsche mir eine geistig/spirituelle Transformation, die uns vorbereitet auf das digitale Zeitalter mit allen wissenschaftlichen Prozessen, die damit verbunden sind. Künstliche Intelligenz, Quantencomputer, der transparente Mensch… Und ich bin sehr dankbar, dass ich das noch erleben darf. Mal sehen, wie lange mir noch bleibt… Egal, ich habe eine Aufgabe, und das ist die Hauptsache.

Bild von Willfried Wende auf Pixabay 

PS: Dieser Beitrag entstand innerhalb der Blogparade „Corona – Leben im Lockdown?!“ vom Unternehmerhandbuch und deren Gründerin Heike Lorenz. Die Blogparade läuft noch bis zum 15. April 2021. Falls noch Jemand mitmachen möchte? Sehr gern!

Hier der Link zur Blogparade, die Teilnahme ist ganz einfach

Seit fast zwanzig Jahren auf der "freien Wildbahn" hat Eva Ihnenfeldt sowohl 2004 eine eingetragene Genossenschaft für Existenzgründer gegründet als auch 2011 eine Akademie für die Ausbildung von Social Media Unternehmenden. Lange Zeit war sie Dozentin und Trainerin für Marketing, Kommunikation und Social Media. Heute arbeitet sie als Coach für Menschen im beruflichen Wandel. Ihre Stärke ist es, IST-Situationen zu akzeptieren, Visionen zu erkennen und gemeinsam mit ihren Klienten Strategien zu entwickeln, die sich auch in der Praxis bewähren. Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: [email protected]

steadynews.de

2 thoughts on “Eva Ihnenfeldt: Corona – Leben im Lockdown

  • Reply Heike Lorenz 4. März 2021 at 18:13

    Liebe Eva,
    wie schön zu lesen, was Du für Dich an Energie aus den ganzen Widrigkeiten ziehen konntest!
    Genau so kenne und schätze ich dich 🙂
    Auf in den Kampf – aufgeben ist einfach keine Option.
    Danke, dass Du mich (mal wieder) daran erinnerst!

    Ganz liebe Grüße aus Köln
    Heike

    • Reply Eva Ihnenfeldt 5. März 2021 at 17:51

      Ach hätte ich jetzt gern das Umarm-Emoji gehabt liebe Heike. Ja, ich wandle mich total durch diesen Corona-Wal. Hast Du schon das Wellermann-TikTok-Video gesehen? Wunderschön. Ich schreibe gleich drüber – es symbolisiert gut, was gerade viele (junge und alte) Menschen empfinden. Irgendwann hauen wir ab mit unserer Heuer :)) https://www.youtube.com/watch?v=838oXLoN8D4

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.