Home / Management / Sind Facebook, Instagram und Twitter Gift für Menschen mit Depressionen?

Was macht es mit einem Menschen, der gerade eine depressive Phase durchlebt, wenn er dank Smartphone, Tablet und Laptop täglich die sozialen Netzwerke besuchen kann? Wie wirkt es auf ihn, durch den Newsfeed bei Facebook zu scrollen oder die eigene Facebook-Vergangenheit zu erkunden? Was schreibt er, liked er, kommentiert er – und welche Gefühle lösen die vielen Eindrücke bei ihm aus? Heute früh habe ich bei zeit.de die sehr berührende Schilderung einer Autorin und Medien-Künstlerin gelesen, die aufrichtig die Wirkungen in einem eigenen Depressions-Schub schildert und das Phänomen analysiert.

DepressionJeder Deutsche erkrankt mit einer Wahrscheinlichkeit von 16 bis 20 Prozent einmal in seinem Leben an einer größeren Depression (Nach Angaben des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung). Bis 2020 sollen Depressionen die zweithäufigste Krankheit der Welt sein. Kati Krause, Autorin, Magazinmacherin und Medienberaterin, ist dank ihres professionellen Umgangs mit sozialen Netzwerken eine ideale Quelle, um sich damit auseinanderzusetzen, wie Facebook, Instagram und Co Menschen mit stark vermindertem Selbstwertgefühl belasten kann. Sie schildert, wie sie selbst den Entschluss fassen musste, in ihrer Depression Facebook und andere Apps zu löschen – und dass Therapeuten dies ihren Patienten ebenfalls empfehlen: Schluss mit den sozialen Netzwerken – Depressionen und Social Media sind inkompatibel und verstärken den Leidensdruck – können eventuell sogar depressive Schübe auslösen.

Was gerade Facebook so besonders problematisch macht, ist der ständige Vergleich mit anderen „Freunden“. Man erhält in dem eigenen Verlierer-Gefühl den Eindruck, allen anderen geht es großartig, sie haben ihr Leben im Griff, genießen es und erleben viele tolle Dinge. Man selbst hingegen weiß kaum noch etwas zu posten und hat ständig die Sorge, die eigenen Bilder, Posts und Kommentare könnten entlarvend sein. Man könnte als Looser, Versager, Wertloser und Nichtliebenswerter erkannt und bloßgestellt werden – was für ein grausamer Druck!

Die Aufmerksamkeitsspanne in Depressionen ist sehr gering. Kati Krause schildert, dass sie in einer solchen Phase kaum in der Lage ist, konzentriert einen Film zu schauen oder längere Zeit ein Buch zu lesen. Da liegt der ständige Griff zum Smartphone nahe. Andauernd aktualisiert sie ihre Timeline und durchsucht die Timelines ihrer Facebook-Freunde. Das Ganze wird abgeglichen mit ihren Fotos bei Instagram und Aktivitäten auf anderen sozialen Netzwerken. Auch bei sehr geringer Aufmerksamkeitsspanne ist es dem niedergeschlagenen Menschen möglich, immer und immer wieder suchtähnlich diese Mini-Eindrücke aus anderen Leben einzusaugen. Doch was macht das mit ihm?

Kati Krause schildert Neid als ein schlimmes Gefühl, das sich dabei einstellen kann. Andere sind schön, fröhlich, geliebt, erfolgreich, geborgen, mutig… erhalten für Bilder viele Likes und Bewunderung in den Kommentaren. Man selbst fühlt sich durch diese Stippvisiten noch kleiner, einsamer, verlorener. Ein Teufelskreis.

Logt sich ein depressiver Mensch in soziale Netzwerke ein, erfolgt zunächst ein Glücksgefühl – das Gefühl von Verbundenheit mit anderen Menschen. Doch sehr schnell schon wandelt sich diese positive Hormonausschüttung in ihr Gegenteil. Leere, das Gefühl von Minderwertigkeit und Ausgestoßensein aus der Welt der Glücklichen, folgt und verschlimmert den Schub.

Besonders schlimm hat die Autorin auch empfunden, ihre eigene Facebook-Biografie zu durchforsten. Sie wurde zum Einen neidisch auf die eigene Vergangenheit, als es ihr gut ging und sie viele aufregende Dinge erlebte und postete, als sie noch fröhlich, beliebt und erfolgreich war. Zum Anderen erschreckte sie die Erkenntnis, wie oft ihr Lachen gespielt war und das Elend dahinter verbarg. Insgesamt führt die Vergangenheitsschau beim depressiven Menschen oft zu einem starken Selbstmitleid, das ebenfalls die Niedergeschlagenheit und Einsamkeit schmerzhaft verstärkt. Was für eine Gefahr!

Kati Krause bei zeit.de: „Wie ich lernte, dass soziale Medien Gift sind für depressive Menschen“

Ich muss gestehen, dass  mich die Schilderungen und Analysen von Kati Krause ein bisschen wütend gemacht haben. Mit welcher Oberflächlichkeit und Skrupellosigkeit werfen wir eigentlich unsere Bilder, Posts, Kommentare und Likes in die Welt, ohne Verantwortung dafür zu übernehmen, was das mit anderen Menschen macht? Was denken wir uns dabei, wenn wir im Social Web so gern damit prahlen, was wir für ein tolles, aufregenden Leben haben? Was sind die Motive hinter diesen ganzen Bekundungen unseres ach so großartigen Lebens? Sind wir mit diesem Verhalten nicht ähnlich verkommen wie diese Barbie-Cheerleader-Mädchen und Sports-Kanonen-Jungen in amerikanischen Filmen?

Wenn wir uns im Offline-Leben so verhalten würden wie bei Facebook, wären wir wahrscheinlich sehr schnell (und zu recht) komplett allein. Niemand mag es, ständig mit einem Nachbarn, einem Familienmitglied oder einem Bekannten zu tun zu haben, der nur von den eigenen Highlights schwärmt. Das ist nicht nur langweilig, das wird auch sofort als verlogen erkannt und macht die ganze Person unglaubwürdig.

Andererseits ist es unmöglich, in sozialen Netzwerken so ehrlich zu agieren wie im persönlichen Kontakt mit Menschen. Man weiß nie, wer aus den eigenen Gefühlen einen Strick dreht, welche Beleidigungen, Demütigungen und Urteile daraus folgen könnten, wenn man vom Familienstreit unter dem Weihnachtsbaum erzählt oder von der Angst vor Einsamkeit und Altern. Nicht nur die Reaktionen selbst sind Waffen – sie können sich auch noch ausbreiten wie Masern!

Zumindest können wir uns in Zukunft ein bisschen bewusst machen, was das ständige Geprotze bei Facebook und Co mit Menschen anrichten kann, die gerade in einer Krise stecken. Und ehrlich gesagt sind auch die Motive, die hinter dem „Ach, was bin ich fröhlich, geliebt, reich, erfolgreich…“ Posts stecken, ziemlich primitiv und uneffektiv. Vielleicht sollten wir lieber dazu übergehen, die sozialen Netzwerke zu nutzen, um uns weiterzubilden und in freundschaftlichen Auseinandersetzungen nach der Wahrheit und einem besseren gesellschaftlichen Modell zu forschen. Das bringt nämlich wirklich etwas und hilft dabei, uns weiterzuentwickeln. Und nichts anderes ist im Leben wirklich erstrebenswert. Alles Andere ist langweiliger Tand. 🙂

Bildquelle: pixabay_unsplash

Über Eva Ihnenfeldt

Als Expertin für Social Media Marketing berät und begleitet Eva Ihnenfeldt Unternehmen und Organisationen bei der Entwicklung von Social Media Strategien - und übernimmt als Dozentin Lehraufträge für Hochschulen, Kammern und andere Bildungsträger. Eva Ihnenfeldt - Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: e.ihnenfeldt@gmail.com

2 thoughts on “Sind Facebook, Instagram und Twitter Gift für Menschen mit Depressionen?

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