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Tipps für ältere Arbeitslose: Auch Hochqualifizierte haben es schwer bei der Jobsuche 97

Stellen Sie sich vor, Sie sind 50 oder älter, sind Ingenieur oder Verwaltungsführungskraft, haben immer gut verdient und werden plötzlich arbeitslos. Zunächst arbeiten Sie sich sorgfältig in Ihre Situation ein – so wie Sie es schon immer beruflichen Projekten getan haben. Sie besuchen Bewerbungstrainings, erfüllen alle Vorgaben der Arbeitsagentur, vielleicht engagieren Sie auch einen Bewerbungscoach. Sie gestalten perfekte Bewerbungsunterlagen und bewerben sich pro Monat etwa 50 bis 100 Mal.

Manchmal erhalten Sie überhaupt keine Antwort, manchmal dauert diese Antwort Monate, sehr selten erhalten Sie einen Termin für ein Bewerbungsgespräch – mit unverbindlichen Begründungen bei der anschließenden Ablehnung.

Best_Ager_ManIhre Ansprüche sinken mit der Zeit, sowohl was die Stellenbeschreibungen angeht als auch das Gehalt. Die Zeit beginnt zu rasen, die Ansprüche auf ALG I sind irgendwann erschöpft. Ein Abrutsch in ALG II würde bedeuten, dass Sie fast Ihr gesamtes Vermögens verlieren würden, Sie müssten mit Ihrer Partnerin umziehen in eine kleine preiswerte Wohnung. Sie könnten Ihren Verbindlichkeiten (Haus, Auto, Ausbildung der Kinder) nicht mehr nachkommen. Beim Blick auf die Rente schleicht sich Panik ein. Bedeutet das nun, den Rest des Lebens in Armut zu verbringen?

Selbstverständlich wäre es wünschenswert, dass der Staat älteren Arbeitslosen effektive Hilfestellungen gibt bei der Suche nach einer neuen Festanstellung. Selbstverständlich wäre es wichtig, interessierten Arbeitgebern für die ersten Monate einen Zuschuss zum Gehalt zu zahlen, um gar nicht erst eine Langzeitarbeitslosigkeit aufkommen zu lassen. Selbstverständlich verstehen gerade hochqualifizierte ältere Arbeitslose nicht, warum sie auf dem Arbeitsmarkt kaum Chancen haben – trotz ihrer Erfahrungen und Führungsqualitäten. Doch hier kann nur politisch eingewirkt werden, Jammern und Verzweifeln helfen nicht, darum einige Tipps für ältere Arbeitslose, sowohl praktisch als auch strategisch und seelisch:

Praktische Tipps für ältere Arbeitslose

ALG I Anspruch: Ist man 50 Jahre alt oder älter, kann das Arbeitslosengeld I bis zu 15 Monaten bezogen werden. Ab 55 Jahre steigt der Anspruch auf maximal 18 Monate, bei sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ab 58, die arbeitslos werden, sind es maximal 24 Monate. Tipp: Eventuell kann es, wenn einer dieser Geburtstage direkt bevorsteht, günstig sein, erst nach dem Geburtstag den Antrag auf Arbeitslosengeld zu stellen. Ihre drohende Arbeitslosigkeit melden müssen Sie allerdings schon direkt, nachdem Sie davon erfahren haben

ALG I verlängern: Um den Anspruch auf Arbeitslosengeld I zu verlängern, kann es sinnvoll sein, sich selbstständig zu machen (Gewerbeschein oder freiberuflich) und sich bei lukrativen Aufträgen immer mal wieder kurzfristig aus der Arbeitslosigkeit abzumelden. So verlängert man die Ansprüche – eventuell sogar bis zum Anspruch auf Altersrente (frühestens mit 63). Auch sozialversicherungspflichtige Kurzzeit-Jobs sind eine denkbare Alternative.

Falls Sie sich für Wochen oder Monate aus der Arbeitslosigkeit abmelden, können Sie selbstverständlich das komplette Gehalt/ Honorar, dass Sie in dieser Zeit erwirtschaftet haben, behalten. Doch Vorsicht bei selbstständigen Tätigkeiten: Auch Ihr Krankenkassenanspruch ruht in dieser Zeit und Sie müssen sich selbst versichern. Erkundigen Sie sich bei Ihrer GKV, mit welchen Beiträgen Sie bei welchen selbstständigen Einnahmen (Gewinnen – nicht Umsatz!) rechnen müssen.

Quelle: Geldtipps

Digitale Weiterbildungen nutzen: Seien Sie offen für Social Media und soziale Netzwerke. Gerade Digitale Weiterbildungim Alter hat man häufig eine Reihe wertvoller Kontakte und Beziehungen aufgebaut. Zwar ist es zweischneidig, diese Kontakte aktiv um Hilfe zu bitten (wir sind ja keine Bettler!) doch gerade im Internet kann man Netzwerke hervorragend einsetzen für das berufliche Eigen-Marketing. Versuchen Sie, eine Weiterbildung in Social Media/ Online-Marketing finanziert zu bekommen über den Bildungsgutschein der Arbeitsagentur. Diese Weiterbildungen sind Gold wert! Keine Angst vor den Jüngeren, die vielleicht schon ganz selbstverständlich dort unterwegs sind. So schwierig ist das Web nicht und Sie werden überrascht feststellen, dass Sie sehr viel Nutzen davon haben und gezielt nach Jobs, Unternehmen, Netzwerken und Aufgaben suchen können. Zeigen Sie Ihre Kompetenzen und lassen Sie Fragende an Ihrem Wissen teilhaben!

Strategische Tipps für ältere Arbeitslose

Digitales Wissen: Die ganze Welt wird digital. Je besser Sie aufgestellt sind bei digitalen Themen rund um Ihre Kernkompetenzen, desto mehr steigen Ihre Wettbewerbschancen. Ob Industrie 4.0, Personalthemen, Marketing, Vertrieb oder Social Intranets für die internen Kommunikationsprozesse in Unternehmen, wenn Sie hier mit innovativem Wissen punkten können, sind Sie Ihren jüngeren Mitbewerbern sicher überlegen.

Berufliches Eigenmarketing: Eigenmarketing über Xing, LinkedIn, Facebook, YouTube und Co. Tatsächlich bietet das Social Web viele Möglichkeiten, sich zu zeigen und potentielle Arbeitgeber neugierig zu machen. Wichtig ist allerdings, dass Sie auffallen und Interesse wecken. Mögen es Interviews bei YouTube sein, mögen es ein interessantes Facebook-Profil sein, möge es ein eigener Blog sein, in dem Sie Nischenführer für ein bestimmtes Thema werden. Interagieren Sie mit anderen Influencern und Experten im Web – Experten-Blogger findet man meistens bei Twitter, dort kommt man am besten in Kontakt und kann sich vielleicht auch persönlich auf einer der zahlreichen Veranstaltungen und Kongresse (BarCamps) rund um Digital Business treffen und austauschen.

Arbeitgeber Empathie: Versetzen Sie sich in Ihren zukünftigen Arbeitgeber – warum sollte dieser sich genau für Sie entscheiden? Suchen Sie sich ein „Traumunternehmen“ im Web und identifizieren Sie die Entscheider. Am besten ist es, wenn Sie (z.B. über Xing) Foto, Interessen – und noch ein wenig mehr über die Persönlichkeit des/der Entscheiders/ der Entscheiderin erfahren. Basteln Sie sich aus diesen Stichpunkten eine Persona und versuchen Sie sich vorzustellen, was diese Person sich am meisten wünscht.

Ihr Alleinstellungsmerkmal: Welche Problemlösung bieten Sie für welchen Problem? Warum gewinnt das Unternehmen an Wert, wenn Sie ins Team kommen? Bitte denken Sie nicht zu uniform in Richtung Qualifikation, Erfahrung, Ausbildung – denken Sie an Ihr „Alleinstellungsmerkmal“, an das, was Sie von allen anderen Menschen unterscheidet und Sie so besonders wertvoll und unaustauschbar macht. Wenn Sie dieses Alleinstellungsmerkmal gefunden haben wird es Ihnen viel leichter machen, es zu kommunizieren.

Zum Beispiel: „Ich bin ein gelassener Mensch, den nichts aus der Ruhe bringen kann. Gerade jüngere Menschen vertrauen mir und freuen sich, von mir Struktur und Sicherheit vermittelt zu bekommen. Ich strahle Ruhe aus und  bringe gute Arbeitsatmosphäre in jedes Team, da diese Sicherheit sich auf alle anderen Teammitglieder überträgt“.

Seelische Tipps für ältere Arbeitslose

Studioaufnahme Eva Ihnenfeldt bei Bärbel Liebmann-Uebbing

Vielleicht haben Sie nun alle strategischen Tipps gelesen und können sich ein bitteres Lächeln nicht verkneifen. Wenn man monatelang vergeblich Bewerbung um Bewerbung abgeschickt hat, klingt es eventuell wie Hohn, von unternehmerischem beruflichen Eigenmarketing zu sprechen. Ist die Seele nicht glücklich, kann auch der Verstand nicht strategisch wirken, am wichtigsten ist es nun mal, dass wir morgens gern aufstehen, dass wir uns gebraucht fühlen, stolz auf uns sind und viele kleine Glücksmomente erfahren.

Ich selbst (nun stolze 60 Jahre alt) habe schon viele dramatische Lebensphasen durchlebt und kann nur von meiner eigenen Methode berichten, wie ich mit lähmenden, deprimierenden Situationen umgehe. Also einfach mal ein paar Tipps für die Seele von einem psychologischen Laien:

Schritt 1 – Worst Case: Das was ich immer zuerst mache, wenn es mal wieder dramatisch wird, ist mir auszumalen, was mir schlimmstenfalls passieren könnte. Bei Arbeitslosigkeit wären das: Sozialer Absturz, finanzielle Armut, Demütigungen durch Behörden, Verlust der Familie, Verlust von Freunden, Ächtung in der Nachbarschaft, Überschuldung bis hin zur Insolvenz. Sobald ich das alles nüchtern und objektiv aufgeschrieben habe, passiert schon einmal eine Erleichterung. So ähnlich wie vor einer Geburt: Die Wehen werden fürchterlich, doch was Andere geschafft haben, schaffe ich auch. Und danach gibt es eine Geburt, und ich werde neu sein.

Schritt 2 – Vorbilder suchen: Als Nächstes suche ich mir Vorbilder. Es gibt ein herrliches Buch „Die Kunst des stilvollen Verarmens – Wie man ohne Geld reich wird“ von Alexander von Schönburg. Der Adlige beschreibt in diesem Buch (das er in Zeiten der eigenen Arbeitslosigkeit geschrieben hat) wie die oft exzentrischen Adligen manchmal mit ihrer eigenen Verarmung umgehen, indem sie Würde und Selbstbewusstheit auf fast groteske Art einsetzen. Das Buch gibt viele Tipps für ein gutes Leben ohne Geld, man kann schmunzeln und die Phantasie wird angeregt. Andere Vorbilder finden sich je nach Neigung, ob Heilige, politisch und/ oder Engagierte, Künstler oder Bedürfnislose – sucht man erst einmal nach Vorbildern ohne sozialen Status und Geld, tut sich eine ganz neue Welt auf.

Schritt 3 – Träume und Visionen: Wie wäre es, tatsächlich einen ganz neuen Lebensentwurf zu verfassen? Sich selbst neu zu erfinden und einfach einmal aufzuzeichnen, was man bisher nie leben konnte – aber gern leben würde? In anderen Ländern, die nicht über so ein hervorragendes Sozialversicherungssystem verfügen wie Deutschland, müssen Menschen, die arbeitslos werden, dies tun, weil sie sonst auch ihre Wohnung und das existenzielle Minimum verlieren würden. In Griechenland und vielen anderen europäischen Ländern gibt es kein Hartz IV, und auch in den USA sind Menschen in Not auf sich selbst gestellt und leben oft genug auf der Straße, wenn sie nicht eine Überlebensidee entwickeln.

Ich stelle mir vor, was ich tun würde, wenn es keine soziale Sicherung gäbe. Wenn ich wirklich nur von dem leben müsste, was ich Monat für Monat selbst erwirtschafte. Es ist ja nur ein Spiel, aber inspiriert durch diese (schreckliche) Vorstellung wird meine Kreativität angeregt und ich bin bereit mich auch auf Ideen einzulassen, die ich ansonsten auf den ersten Blick wegfegen würde. Tatsächlich kenne ich Menschen, die sich genau so aus ihrem Schicksal herausgearbeitet haben, und ich bin voller Hochachtung dafür.

Schritt 4 – Den Anfang wagen: Im letzten Schritt geht es darum, den Neustart zu planen. Egal ob ich eine Selbsthilfegruppe gründe für ältere Arbeitslose, ob ich das Netz mit meinem selbstbewussten Eigenmarketing überschwemme und viele neue Menschen kennenlerne, ob ich mich selbstständig mache mit einer verrückten Idee oder ob ich einfach sage: „OK, ich geh dann mal in den frühen Ruhestand und lebe arm, aber befreit von Fremdbestimmung und Zwängen“, ich bin nun handlungsfähig und habe wieder Spaß an meinem Leben. Und Menschen, die Spaß haben, die Stärke ausstrahlen und Tatkraft, sind attraktiv für den Arbeitsmarkt – wer weiß, vielleicht bettelt schon bald ein Arbeitgeber darum, dass Sie zu ihm kommen und ihm dabei helfen, das Unternehmen zu stärken. Wer stark ist, dem kann auch so etwas passieren 😉

Weitere Informationen für ältere Arbeitslose: Job 40+

Bildquelle 1: Morguefile

Bildquelle2: Morguefile

Über Eva Ihnenfeldt

Als Expertin für Social Media Marketing berät und begleitet Eva Ihnenfeldt Unternehmen und Organisationen bei der Entwicklung von Social Media Strategien - und übernimmt als Dozentin Lehraufträge für Hochschulen, Kammern und andere Bildungsträger. Eva Ihnenfeldt - Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: e.ihnenfeldt@gmail.com

2 thoughts on “Tipps für ältere Arbeitslose: Auch Hochqualifizierte haben es schwer bei der Jobsuche

  1. Danke für den Tipp zum beruflichen Eigenmarketing! Die Hinweise braucht mein Onkel, der schon alle Hoffnungen aufgegeben hat. Es mangelt ihm natürlich an Medienkompetenz, was eigentlich zum Grund seiner Kündigung geworden ist. Aber er ist immer bereit, was zu lernen. Kein Meister fällt vom Himmel.

  2. Vielen Dank lieber Finn, habe mich sehr über Deine liebe Worte gefreut. Mein Tipp: Dein Onkel soll sich nach einer Weiterbildung bei der Agentur für Arbeit erkundigen. Das verlängert den Anspruch auf ALG I und er kann dort (wenn er es einigermaßen gut argumentieren kann) eine Weiterbildung in Medienkompetenz machen. Social Media Manager, Online Marketing Manager – oder etwas Ähnliches. Wenn mangelnde Medienkompetent der Kündigungsgrund war, bekommt er es bestimmt durch! Sechs Monate mal wieder „Student“ sein und mit netten Leuten lernen und sich gegenseitig unterstützen. Und ganz liebe Grüße an ihn von mir 🙂

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