Home / Management / Diversity: Sind Führungskräfte über 50 wirklich so unerträglich?

Wie Zeitonline berichtet, gibt es immer mehr Initiiativen in Konzernen, erfahrene Führungskräfte im Management mit jungen Nachwuchskräften zusammen zu bringen. Ein Modell bei BASF in Ludwigshafen funktioniert über Jobsharing: Eine ältere Führungskraft und eine jüngere teilen sich eine Stelle im Management – sie arbeiten Hand in Hand. Bei Bosch in Stuttgart zeigen jüngere Mitarbeiter den älteren Kollegen, wie Social Media funktioniert. Im Gegenzug teilen erfahrene ManagerInnen den jüngeren Kollegen, wie man seine Karriere befördern kann. Das Mentoren-Prinzip läuft also in beide Richtungen. Voraussetzung für solche Diversity-Projekte ist natürlich, dass ältere Führungskräfte bereit sind, von jüngeren zu lernen und diese als gleichwertige Partner zu betrachten. Aber ist das wirklich so?

Wernn Akademiker und Führungskräfte über 50 arbeitslos werden

Ich unterrichte seit 2011 immer wieder Führungskräfte über 50 in Social-Media- und Online-Marketing Manager Weiterbildungen. Es sind oft unfassbar precocious-432664_640erfahrene und umfassend gebildete Menschen, die eine hohe Verantwortung in großen Unternehmen und Konzernen getragen haben – und nun eine neue Herausforderung suchen. Tatsächlich müssen diese hochdotierten Marketingexperten, Journalisten, Betriebswirte, Pressereferenten etc. in der Regel erfahren, dass sie wenig Chancen auf eine gleichwertige Position haben. Sie arbeiten im Anschluss häufg in der Lehre – und einige machen sich selbstständig.

Natürlich tut es weh und macht traurig, wenn man so unerwartet von einem Tag auf den anderen „zum alten Eisen gehört“. Schlimmer ist, wenn sich zu dieser Erfahrung noch existenzielle Sorgen gesellen: Die Kinder sind in der Ausbildung und brauchen Unterstützung, hohe Verbindlichkeiten belasten, der soziale Status in Nachbarschaft, Familie und Freundeskreis ist gefährdet. Auch Ehen zerbrechen manchmal daran, dass die Rollenverteilung und der Mehrwert nicht mehr stimmen. Gerade für das klasssiche Modell: Mann ist Ernährer, Frau kümmert sich um Familie und Haushalt, bedeutet der Rauswurf aus dem gewohnten Leben eine tiefe Krise.

Es gibt in diesen Weiterbildungen zum „Social Media Manager“ erstaunlich viele Menschen in meinem Alter, die sehr pragmatisch und optimistisch den neuen Lebensabschnitt vorbereiten. Gerade Frauen sind hier oft bewundernswert  nüchtern, reflektieren unsentimental ihren Marktwert und erarbeiten Strategien für die wirtschaftliche und berufserfüllende Zukunft. Auch Männer habe ich erlebt, die schon während der Weiterbildung die Gründung eines Unternehmens vorbereiten und sich sogar darauf freuen, sich in der Mitte ihres Lebens neu zu erfinden und auszuleben. Problematisch sind Diejenigen, die ihrer bisherigen Position hinterhertrauern und die Schuld bei dem Ex-Arbeitgeber, der Politik, der Gesellschaft und den Unternehmen, suchen, die jüngere Bewerber vorziehen. So als hätten Unternehmen die moralische Verpflichtung, sie einzustellen.

Ich muss gestehen, dass ich solche Führungskräfte auch nicht gern in meinem Unternehmen hätte. Sie verweigern sich Veränderungen, sie verurteilen den innovativen Spirit, sie rechtfertigen ihre fehlende digitale Kompetenz damit, dass diese sowieso völlig überbewertet würde. Sie bremsen die Jungen aus.  Wie soll man mit solchen Managern und Chefs sein Unternehmen in die Zukunft führen? Und tatschlich sind ja die meisten Chefs über 50! Die „Rentnerrepublik“ sitzt fest im Sattel und verhindert häufig die dringend benötigte Erneuerung.

Sind Führungskräfte über 50 wirklich so unerträglich?

Da ich selbst 56 bin, kann ich es wohl wagen, eine extrem kritische Position einzunehmen. Das, was viele denken und nur verschämt verklausulieren, kann ich offen ausprechen und richte mich hiermit an meine Generation der Babyboomer, und zwar an diejenigen, die sich in ihrer Komfortzone sicher fühlen:

Denkt Ihr wirklich, Erfahrung ist in unserer heutigen, technikgetriebenen Welt so ein hohes Gut? Denkt Ihr wirklich, ein Unternehmen, das in seiner Werbung auf eine „hundertjährige Tradition“ verweist, hat damit einen tollen Wettbewerbsvorteil definiert? Denkt Ihr wirklich, die Jungen hängen bewundernd an Euren Lippen, wenn Ihr Anekdoten aus Eurem langlebigen Berufsleben zum Besten gebt? Bildet Ihr Euch wirklich ein, dass Eure ewige Rückschau irgendjemandem irgendetwas bringt? Fühlt Ihr Euch tatsächlich als Mentor und Berater, wenn Ihr Euch keinen Zentimeter aus Eurem analogen, hierarchiegeprägten Leben bewegt?

Natürlich gibt es Weisheiten für die Karriere, die immer gelten:

  • Immer nach oben schauen, aber dabei niemals knien
  • Beharrlichkeit ist wichtiger als Ideenreichtum
  • In der Ruhe liegt die Kraft – erst mal durchatmen und abwarten

usw.

und natürlich bedeutet „Leben“, dass man eine Desillusionierung nach der anderen erfährt und sich dadurch  immer mehr von alten Konditionierungen befreit (oder verbittert 😉 ). Was gibt es Schöneres als einen älteren Menschen, der Gelassenheit, Güte und Weisheit ausstrahlt und jeden Menschen genau so annehmen kann, wie dieser ist. Wie wunderbar ist so eine Führungskraft, wenn man sich vertrauensvoll anlehnen kann, weil hier kein Kalkül zu befürchten ist – sondern echte Empathie und innere Freiheit. Wenn man als junger Mensch spürt, das es mehr gibt als Karriere, Macht und Geld.

Wie sehr macht es Mut, wenn die Führungskraft über 50 sich für die digitale Revolution interessiert? Wenn sich der oder die Vorgesetzte ständig über technische Neuerungen informiert und auf Augenhöhe diskutieren kann! Wie gut tut es, wenn digitale Kommunikationskanäle eine Selbstverständlichkeit sind und sich paaren mit den Tugenden des Alters: Toleranz, Mitgefühl, Bescheidenheit und das Wissen um Endlichkeit. Ach, wer hätte nicht gern einen Bud Spencer als Chef, der so intelligent, selbstbewusst und stark ist, dass er sich gern von Jüngeren belehren lässt!

Wunschbild und bittere Realität

boss-432667_640Doch wenn man sich anguckt, wie viele Anhänger der Menschenfeinde und Nationalisten 50+ sind, frage ich mich, ob es tatsächlich so ist, dass die meisten Menschen über 50 unerträglich werden. Dass die „Rentnerrepublik“ der Wohlstandsländer die größte Gefahr ist für die Fortentwicklung der hochentwickelten Kulturen. Viel gefährlicher als Terroristen, arbeitslose Jugendliche oder Flüchtlinge, da sie in ihrem Besitzstandswahn und in ihrer Besserwisserei ständig wie Bremsklötze wirken auf den ganzen Planeten. Warum gibt es so wenige Ältere, die digitale Kompetenz haben? Warum wird fortwährend geschimpft und gedroht, obwohl diese Chefsessel-Besatzer überhaupt keine Ahnung haben von den interaktiven weltweiten Echtzeitvernetzungen und den daraus resultierenden Chancen? Wie können sie es wagen, etwas zu verurteilen, das sie überhaupt nicht nutzen! Ist das nicht so etwas wie „Rassismus gegenüber allem Digitalen“?

Gottseidank lebe ich in einer Nische, in der ich mir meine Netzwerke und Umgebungen aussuchen kann. Ich kenne Menschen in meinem Alter und älter, die so viel digitale Kompetenz haben, dass ich vor Bewunderung erstarre. Menschen, die den Jungen gönnen könne, das Ruder zu übernehmen, und die diese dabei nach Kräften unterstützen. Menschen, die zuhören können und die erst reden, wenn sie was wissen (oder noch besser, erst wenn sie gefragt werden). Aber gerade die öffentlich-rechtlichen „Senioren-Medien“ sind weiterhin Bekräftiger dieses gefährlichen Rassismus und warnen gern mit Pathos und Halbwissen vor den Gefahren der digitalen Revolution.

Diversity bedeutet für mich, dass Alte, Junge, Andersartige, Kreative und Querköpfe friedlich und in gegenseitigem Respekt miteinander arbeiten. Dass niemand denkt, er/ sie wäre etwas Besseres. Dass Chefs ihren Job machen so wie jeder Andere im Unternehmen – und alle gemeinsam nach den besten Lösungen fahnden in einer rasend schnellen Welt. Aber so lange sich Menschen über 50 der digitalen Kompetenz und dem agilen Kurswandel verweigern und trotzdem in ihren Chefsesseln verbleiben, sehe ich kohlrabenschwarz. Dann gibt es einen Brexit nach dem anderen, und wir landen in irgendeiner chaotischen Steinzeit, verursacht durch die Besitzstandswahrer und Jugend-Neider 50+. Naja, dann haben wir es eben nicht besser vedient. Soll mir auch recht sein…

Bildquelle: pixabay_geralt

 

 

 

 

 

 

 

Über Eva Ihnenfeldt

Seit fast zwanzig Jahren auf der "freien Wildbahn" hat Eva Ihnenfeldt sowohl 2004 eine eingetragene Genossenschaft für Existenzgründer gegründet als auch 2011 eine Akademie für die Ausbildung von Social Media Unternehmenden. Lange Zeit war sie Dozentin und Trainerin für Marketing, Kommunikation und Social Media. Heute arbeitet sie als Coach für Menschen im beruflichen Wandel. Ihre Stärke ist es, IST-Situationen zu akzeptieren, Visionen zu erkennen und gemeinsam mit ihren Klienten Strategien zu entwickeln, die sich auch in der Praxis bewähren. Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: e.ihnenfeldt@gmail.com

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