Vor Corona war es leichter. Bei Nine Eleven misstraute ich zwar dem offiziellen Narrativ, das hat aber niemanden groß gestört. Seit meiner Pubertät war ich eben die „linke Spinnerin“, die von Basisdemokratie und Recht auf Glück für alle fühlenden Wesen träumt. Links (misstraue allen Obrigkeiten) gemischt mit katholisch christlich. Voll der Jesus-People-Hippie-Freak. Man nahm es nachsichtig hin.
Heute gibt es im Job, in sozialen Systemen aller Art und selbst in der eigenen Familie für mich sehr wenig Möglichkeiten, über die offiziellen Vorgaben der gerade bestehenden Werte-Narrative zu diskutieren.
Entweder ich halte mich an das Kommunikationen-Regulativ: Keine Politik, kein soziologischer Diskurs, keine Auseinandersetzung zur gesellschaftlichen Entwicklung, keine Nähe zu dem, was in den Medien als „rechts“ tituliert wird (wie friedensorientiert sein, Familien mit hauptberuflichen Müttern cool finden, Umweltverschmutzung bedrohlicher finden als den berechneten Klimawandel) oder ich bin bereit, mich von Menschen, die ich liebe, zu trennen – und mir neue Leute und Gruppen zu suchen, die so denken wie ich. Diesen Preis habe ich schon einmal bezahlt. Dieser Preis ist mir zu hoch.
Ich selbst bin zwar auch heute noch die, die ungern „aus ihrem Herzen eine Mördergrube macht“ – aber dafür habe ich ja meine SteadyNews. Das muss reichen. Ich möchte mich nicht abspalten, weil ich politisch immer noch so verschroben bin wie mit 17.
Meine Mutter hat mir als Kind fast jeden Abend erzählt, wie die Deutschen federleicht im Nationalsozialismus gleichgeschaltet wurden durch Radioprogramme, Kinder- und Jugendziehung in Kindergärten und Schulen, durch verpflichtende Freizeitgemeinschaften, die radikale Auflösung regierungskritischer Gruppen und die engmaschige Kontrolle durch Blockwarte.
Ich habe keine Lust, zum Feindbild zu werden in einer Zeit, in der ein großer Teil der westlichen Welt nach „Kriegstüchtigkeit“ lechzt. Es ist ok. Vielleicht hatten wir zu lange Frieden, vielleicht muss mal wieder Mr. Hyde das Ruder übernehmen, vielleicht gibt es diesmal zu viel aufgestaute Wohlstandslangeweile oder so.
Ich will so kommunizieren, dass es zu keinen Streitigkeiten kommen kann.
Folgende Strategie in Zweiergesprächen hat sich bei mir bewährt, ohne dass der Gedankenaustausch oberflächlich, langweilig oder sogar destruktiv wird.
1. Ich rede über mich selbst und über ein Thema, dass mich an meinem Gegenüber interessiert: Wie war meine Rolle in der Schulzeit; wovor habe ich Angst; was macht mich optimistisch… Muss nur warten, bis mein Gegenüber anspringt und anfängt, über sich zu reden. Dann wird es spannend.
2. Ich höre einfach zu, übe mich in der Kunst, mein Gegenüber reden zu lassen, ohne einzugreifen, ohne Ratschläge zu geben, ohne zu bestätigen „das kenne ich auch“. Nicke, lausche, gebe ab und zu Signale, dass ich weiterhin aufmerksam zuhöre. Das nennt man „Aktives Zuhören“.
3. Bei Unterhaltungen im Kreis einer Gemeinschaft (wie bei Familienzusammenkünften) mache ich eine kleine Atemmeditation, wenn ich mich bei Smalltalk langweile. Im Viereck atmen: Bis 7 einatmen, bis 7 stehen lassen, bis 7 ausatmen, bis 7 stehen lassen. Falls gemeinsam über nicht anwesende Menschen oder Gruppen geschimpft oder gehöhnt wird (zurzeit am liebsten über Bürgergeldempfänger, Migranten, Handynutzer, Putin oder Trump), muss ich tiefer greifen, da ich dann körperliche Symptome spüre: Kehlkopfenge, Brust- und/oder Bauchschmerzen.
Hier meine Entspannungstechnik in solchen Situationen – oder auch sonst, wenn ich Schmerzen habe, auf die ich nicht aktiv Einfluss nehmen kann:
Entspannungstechnik bei passiv zu ertragenden Schmerzen
- Augen auf einen schönen Gegenstand fixieren.
- Mich an eine gute Situation in meinem Leben erinnern und mir diese Situation so lebendig wie möglich vorstellen: farbig, leuchtend, strahlend (kann einfach eine Kopfvorstellung sein, wenn man kein visueller Typ ist).
- In diesem Prozess mich selbst beobachten: Meine Haltung, meine Gesichtsmuskulatur, meinen allgemeinen Spannungs- und Entspannungszustand.
- Ich versuche, etwas aus der Erinnerung an die gute Situation zu hören – vielleicht sogar zu riechen und zu schmecken.
- Bei diesem sinnlichen Empfindungszustand spüre in mich hinein.
- Sobald ich meine Körperteile, meinen Kopf und meinen Rumpfbereich nach und nach wahrnehme, lege ich meine Hände schützend auf den Bauch.
- Ich spüre, wie sich das gute Gefühl in mir weiter ausbreitet.
- Nun kehre ich zurück in die Gegenwart und genieße die Liebe zu den Menschen, die gemeinsam mit mir im Raum sind. Dann schwindet mein Widerstand und ich kann annehmen, was ausgedrückt wird – ohne es zu bewerten.
Wie meine Oma
Meine Oma beherrschte die Kunst, sich aus allem herauszuhalten. Als Kind einer Zeit, in der die „Da unten“ zwei Weltkriege und dazwischen eine Weltwirtschaftskrise mit weiterer quälender, tödlicher Hungersnot erfahren haben, hat sie die Strategie ergriffen, zu allem zu schweigen.
Oma schwieg zum Tausendjährigen Reich, schwieg zu den Konsequenzen aus den Bombenangriffen, zu Hunger und Kälte, kommentierte nicht die Todesmeldungen unzähliger junger Männer, die irgendwo auf der Welt ihr Leben in Gewalt und dem Wahnsinn des Krieges verloren hatten.
Oma war eine von denen, die heimlich mit Decke über dem Kopf Radio London hörten – und ansonsten schwiegen. Bis zu ihrem Tod als verschrumpelte, abgemagerte, demente alte Frau nahm sie hin, was nicht zu ändern war.
Gern erinnere ich mich an ihre immer wieder frische Erkenntnis, die sie in der Zeit ihrer Verstandesauflösung alle paar Minuten staunend aussprach:
„Man wird so alt wie ’ne Kuh und lernt immer noch dazu“
Oma, Du bist mein Vorbild. Auch wenn wir uns zu Deinen Lebzeiten eigentlich nie wirklich kennenlernen konnten (außer später im Altenheim) – Danke.