Sommerlektüre „Social Media Marketing Praxis 2012“: Kapitel 1

Eva Ihnenfeldt: Vor anderthalb Jahren habe ich ein Buch geschrieben über Social Media Marketing – ganz praktisch und für Selbstständige und Kleinstunternehmen konzipiert. Da ich bis heute noch kein vergleichbares Buch im Buchhandel gefunden habe, werde ich in den nächsten 40 Tagen eine aktualisierte Ausgabe hier veröffentlichen – und dann wirklich zeitnah als eBook (und als Lektüre für unsere Social Media Manager in der Weiterbildung). Das Buch ist als praktisches Arbeitsbuch aufgebaut – wer will, kann die Aufgaben nach und nach lösen und so im Selbststudium ein „Social Media Profi“ werden.

Einführung: Was bedeutet eigentlich “Social Media”? Was ist der Unterschied zwischen Web 2.0 und Social Media? Wo kommt diese ganze Entwicklung her und wie ist sie gesellschaftlich einzuordnen? Handelt es sich dabei um eine Modeerscheinung oder ist es weit mehr als das?

Früher….
Früher war hierzulande alles einfacher. Da gab es die Angestellten und die Unternehmer. Letztere waren eine Kaste für sich, häufig schon Kaufmannsfamilien seit Generationen, mit dem Onkel, der Anwalt war und dem Onkel, der Steuerberater war, mit Seilschaften, die rund um den Ort des Unternehmens kreisten: Bürgermeister, Arzt, Apotheker, Händler und andere einflussreiche Persönlichkeiten der Gemeinde.

Wie Geschäfte gemacht wurden, bestimmte dieses Netzwerk. Vereine waren ein Muss, und gerade in der Freizeit und im Ehrenamt wurde festgelegt, wer was wie und wann übernimmt. Kamen Neue in die Region mit unternehmerischen Absichten, mussten sie sich in diese Netzwerke einfinden – ohne dies konnte kein Vertrauen aufgebaut werden, keine Sympathie und kein Spaß am gemeinsamen Tun – und Vertrauen ist nun mal die Grundlage jeder Entscheidung.

Die Angestellten der Unternehmen setzten andere Prioritäten. Ihnen war – wenn auch häufig nur unbewusst – klar, dass ihr Arbeitgeber mit ihnen und ihren Leistungen Gewinne erzielt. So wurden bessere Arbeitsbedingungen erkämpft, wenn es mehr Arbeit als Arbeiter gab – und schlechtere Bedingungen hingenommen, wenn es mehr Arbeitssuchende als Stellen gab – und gibt.

Neben der Höhe des Gehalts und den formalen Arbeitsbedingungen spielen auch in dieser Geschäftsbeziehung vor allem Vertrauen, Sympathie und Freude die größte Rolle. Mitarbeiter, die sich anerkannt fühlen und mit Lust zur Arbeit gehen, leisten mehr – und verzichten sogar auf finanzielle Vorteile, weil der emotionale Aspekt bei fast jedem Menschen höher wiegt als der zählbare.

Unterschied Unternehmer und Mitarbeiter

Der Unterschied zwischen einem Unternehmer und einem Mitarbeiter liegt in der Zieldefinierung. Ein Unternehmer will sein Projekt wachsen sehen, will investieren, gewinnen, erneuern und verändern – er ist ein Erfinder und Abenteurer – der auch immer wieder Rückschläge erlebt.

Ein Angestellter will Sicherheit und die Geborgenheit einer “Familie” im Unternehmen. Er will klar wissen, was seine Aufgaben sind und will für seine Leistungen Wertschätzung erfahren. Ihm ist selten bewusst, wie sein Unternehmen wirtschaftlich aufgestellt ist, wie hoch die Margen sind und ob man gerade wächst, schrumpft oder stagniert – und so lange der Arbeitsplatz nicht gefährdet ist, interessiert das auch nur die Wenigsten.

Dann kam die Wende

Ja, und dann kam die Wende – eine Wende in vielerlei Hinsicht. Die Verteilung der Welt bröckelte durch den Fall der Mauer, die Aufteilung der gesellschaftlichen Rollen bröckelte durch Arbeitslosigkeit und Verunsicherung, Familien, Wertesysteme und Lebensbereiche wurden immer instabiler. Der Mensch wurde zum Nomaden, der sich immer wieder neu definieren und positionieren muss – der nicht mehr Vertrauen durch Stabilität erhält – sondern durch emotionale Willensentscheidungen!

Aus Angestellten werden Freelancer und Zeitarbeiter, das Gefüge vom “braven Knecht” und “gütigen Herrn” funktioniert immer seltener, die Schnelllebigkeit der Wirtschaft bringt mit sich, dass viele neue kleine Unternehmen entstehen, die flexibel, zeitnah, persönlich und kundenorientiert arbeiten. Traditionsgefüge im Business werden ersetzt durch Netzwerke, die sich bilden und wieder auflösen, die sich nach ihrem Ziel definieren und nicht nach dem Stand. Viele Einmensch-Unternehmen bieten vor allem Dienstleistungen an, und 70% dieser neuen Selbstständigen haben Kunden im Geschäftsbereich (B2B).

Leben in Echtzeit

Kein Himmel gleicht dem Himmel der Vergangenheit – Himmel gibt es nur in „Echtzeit“

Wir leben immer mehr in “Echtzeit” – und Echtzeit ist auch eines der Schlüsselbegriffe im Web 2.0. Wir orientieren uns innerhalb unserer Gegenwart, denn was gestern noch galt, ist heute schon fragwürdig – und morgen eine Anekdote der Geschichte. Diese Verdichtung hin zur Gegenwart, zum Leben in der Echtzeit, verunsichert zutiefst.

Wenn wir uns nicht mehr verlassen können auf das, was uns in der Kindheit beigebracht wurde, auf Schulwissen, feststehende Werte, auf Erfahrungen von Eltern, Lehrern, Autoritäten – was bleibt dann? Wie sollen wir denn uns zurechtfinden in einer globalen Welt, die voller Reize und Möglichkeiten steckt? Leben wir langsam wie auf einer riesigen Kirmes, wo alles schreit und läutet und lockt, wo die Kriminellen kaum zu unterscheiden sind von den Freunden und ehrlichen Kaufleuten?

Da erfand der liebe Gott das Internet

Auf den ersten Blick mag es so erscheinen, dass das Internet die Sache nur verschlimmert. Noch mehr Reize, noch mehr Informationen, noch mehr Zweifel an Glaubwürdigkeit und noch mehr Auslieferung. Menschen sorgen sich um ihre persönlichen Daten, um ihre mangelnde Privatsphäre, um Datensicherheit und die Konsequenzen der öffentlichen Transparenz.

Doch das Internet bietet auf der anderen Seite unzählige Möglichkeiten der Orientierung in dieser Nomaden-Welt. Ich kann mir die weit entfernte Firma, bei der ich mich um eine Stelle bewerben möchte, zunächst im Web angucken. Ich kann Kontakt aufnehmen über Xing und Facebook, ich kann den Standort mit Google Maps prüfen und die Wohnlage erkunden.

Ich kann vor Kaufentscheidungen Bewertungen lesen, Freunde nach Erfahrungen fragen und über soziale Netzwerke Testberichte und Preisvergleiche studieren. Wenn ich krank werde, kann ich die Diagnose meines Arztes googlen und in Foren diskutieren, kann Wirkstoffe von Arzneien erforschen und Fachkliniken suchen.

Ich kann Liebespartner suchen, Nachrichten lesen, Wissen erwerben (und vergessen!), Zusammenhänge ergründen und Netzwerke aufbauen. Ich kann Freundschaften schließen und Veranstaltungen finden, die ich besuche. ich kann meine Interessen vertiefen und mir einen Namen machen mit dem, was ich weiß und was ich bereit bin zu teilen.

Und was ist Web 2.0?

Nun, die gewinnorientierten Unternehmen haben traditionell gewirtschaftet nach dem Prinzip: Umsonst gibt es hier gar nichts – wer was will, muss auch was bezahlen”. Dann kamen Linux und Google und machte einfach alles anders. Google baute sein erfolgreiches Geschäftsmodell nicht auf Gewinnmaximierung durch aggressive Werbeeinblendungen auf – sondern darauf, den Usern die bestmögliche Suchmaschine (also das bestmögliche Produkt) anzubieten. Google als Suchmaschine war nicht beeinflussbar durch zahlende Kunden – Google trennte scharf zwischen Redaktion und Werbung – zwischen organischen Ergebnissen und gekauften Anzeigen. Google arbeitete wie die “vierte Macht im Staate”, wie eine unabhängige Zeitung und nannte es “Don’t be evil”

Aufgabe 1: Suche in „Google News“ nach aktuellen Berichten über das Unternehmen Google. Kann man der Philosophie „Don’t be evil“ vertrauen? Sich die organischen Suchergebnisse tatsächlich nicht durch zahlende Kunden beeinflusst?

Aufgabe 2: Die Weitergabe persönlicher Daten hat zwei Abnehmer: Die Wirtschaft und die Behörden. Versuche  bei Google zu recherchieren, wo wir heute stehen: Welche Daten werden von wem gesammelt, analysiert und verwendet. Unterscheiden sich hier die Geschäftspraktiken von Google, Facebook und Twitter? Was kosten Daten aus sozialen Netzwerken? Lasse Dich von Suchergebnissen der letzten drei Monate inspirieren und sammle die interessantesten Beiträge und Links zunächst in word.

One thought on “Sommerlektüre „Social Media Marketing Praxis 2012“: Kapitel 1

  • Reply Holger Rohde 23. Juli 2012 at 22:27

    Welch ein tolles Projekt! Freue mich schon auf die weiteren Aufgaben.

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