Home / Führung / Ist „Design Thinking“ nichts weiter als ein Mode-Hype um das gute, alte Brainstorming?

Ist „Design Thinking“ nichts weiter als ein Mode-Hype um das gute, alte Brainstorming? 0

Das Erste, was ich von „Design Thinking“ mitbekommen habe, war ein Vortrag von Gunter Dueck bei YouTube. Aha, dachte ich damals, da wird wieder eine neue Kuh durchs Dorf getrieben. In unserer gelangweilten Wohlstandswelt geben sich die Patentrezepte, wie man willige Geldbesitzer zum Kaufen von was auch immer bringt, die Klinke in die Hand. Business Modell Canvas, Lean StartUps, Inkubatoren, Acceleratoren… und doch gab es da etwas in mir, was neugierig geworden war auf die Hintergründe von Design Thinking. Also meldete ich mich an für das BarCamp vom 28. und 29. September 2017 und fuhr zwei Tage lang nach Düsseldorf in die „Räume für Kreativität und Innovation“ – zu allynet.

Sessionplanung – viele Teilnehmer waren bereit, Sessions zu leiten. Toll

Zunächst war ich etwas enttäuscht, da sich nur knapp 30 Menschen angemeldet hatten, doch kleine Veranstaltungen sind ja oft intensiver als große, und tatsächlich hatte ich die Gelegenheit, nach ein paar Anlaufschwierigkeiten viele praktische Erfahrungen mit Design Thinking machen zu können: Insgesamt vier Sessions mit vier Themengebieten habe ich durchlaufen, bei denen wir mit Methoden des Design Thinkings lernen konnten, „Prototypen“ zu entwickeln.

Was genau ist Design Thinking?

Sehr vereinfacht ist Design Thinking ein Werkzeugkoffer von Methoden, um sich als Experte aus der Ich-Perspektive zu verabschieden und in die Adressaten von Produkten, Prozessen und Dienstleistungen „hineinzukriechen“. Wie in einem Kindergarten für Erwachsene stehen lauter Spiele und Spielzeuge zur Verfügung, um im Team Lösungen zu entwickeln, die genial auf die Bedürfnisse und Sehnsüchte der Zielgruppe eingehen. Manchmal ist man auch selbst die „Zielgruppe“ und kann mit den vielen Tools das richtige herausgreifen, um sich in sich selbst hineinzuversetzen und Lösungen für sich selbst zu kreieren.

Das gute alte Brainstorming bekommt mit Design Thinking unzählige Töchter und Söhne, um Betriebsblindheit zu überwinden

Kleiner Ausschnitt einer Assoziationskette, um ein Problem zu definieren

und jedes Teammitglied mit den entsprechenden Stärken und Fähigkeiten einzubeziehen. Je heterogener das Team, desto besser die Ergebnisse. Manchmal steht die gemeinsame Entwicklung einer „Persona“ im Fokus, manchmal die Prozesskette bzw. der Lebenszyklus, manchmal die Kreativität bei der Gestaltung eines einzigartigen Produkts.

Ein Bisschen erinnert mich Design Thinking an Freejazz. Zuerst musst Du alte Denkmodelle, Glaubenssätze und Konditionierungen komplett zerstören, bevor Du offen bist, neu zu denken und frei zu komponieren. Und dann heißt es, ohne Tabus zu spielen, auszuprobieren, zu beobachten und zu testen.

Design Thinking BarCamp

Insgesamt habe ich in Teams vier Themen praktisch ausprobiert (Design Thinking geht nur im Team – es lebt von der Vielfalt und emotionalen Herausforderung, andere Überzeugungen zuzulassen). Zunächst haben wir in wenigen Minuten mal alle Phasen eines typischen Design Thinking Prozesses durchgespielt: Verstehen – Beobachten – Analysieren – Ideenentwicklung – Prototypen kreieren – Prototypen testen. Hierbei ging es um das berühmte Beispiel der idealen Geldbörse. Jeweils zu zweit haben wir gegenseitig unsere Portemonnaies untersucht, haben uns gegenseitig zu unseren Bedürfnissen in Bezug auf die Börsen interviewt, haben Ideen dazu aufgeschrieben, in Windeseile einen Prototypen kreiert und unserem Gegenüber vorgestellt. Tools waren Papier und Stifte – und natürlich die Geldbörsen selbst.

Meine Notizen zur Session „Ideales Unterrichtskonzept“

In der zweiten Session hatte ich das große Glück, den IT-Berater Mehmet Karakus dabei zu haben, der uns professionell und einfühlsam durch den Prozess führte. Mein Wunsch war es gewesen, den idealen Unterrichts-Prototypen zu finden für die Erwachsenenbildung. In nur einer Stunde haben wir zu viert auf Zettel geschrieben, was wir mit „idealem Unterricht“ verbinden. Dann haben wir unsere vielen vielen Postit’s sortiert wie Domino-Ketten: Mit einem Zettel beginnen, dann passende Assoziationen dazu anheften – bis die ganze Wand voll war. Danach haben wir die Zettelwand geclustert. Der dritte Schritt war im Team zu entscheiden, ob wir uns auf Prozess, Technologie oder Persona fokussieren wollen – wir entschieden uns für die „Persona“.

Nun entwarfen wir gemeinsam den personifizierten Teilnehmer einer Erwachsenenbildungs-Maßnahme. Es war ein 52jähriger Vertriebler aus einem Konzern, der einen Workshop besuchen soll. Wir fragten uns, welchen „Schmerz“ unser Willi hat, wenn er an den Workshop denkt, welche Wünsche, Sehnsüchte und Ängste er damit verbindet. Je intensiver wir in unseren Vertriebler Willi mit den zwei pubertierenden Kindern hineingekrochen sind, desto mehr schlossen wir ihn ins Herz und konnten uns genau vorstellen, wie so ein Workshop aufgebaut sein muss, um Willi glücklich zu machen.

Zur Prototyp-Entwicklung kamen wir zwar nicht mehr, aber für eine Stunde haben wir erstaunlich viele Erkenntnisse gehabt – und vor Allem hatten wir viel Spaß, und wir haben uns gut kennen gelernt. Hätten wir mehr Zeit gehabt, hätten wir mit Hilfe des Canvas Modells verschiedene Prototypen entwickelt – und am Schluss mit „I Linke“ und „I Wish“ die Prototypen nebeneinander gestellt, getestet, bewertet, verworfen, weiterentwickelt. Mal ehrlich, ist das nicht total cool?

Wir entwickeln einen Prototypen zum Thema „Wasser“

Bei der dritten Session hatten wir sogar zwei Stunden Zeit. Wir sollten zum Thema „Wasser“ irgendetwas designen, es war

Design Thinking Trainer Mehmet Karakus bei der Arbeit an der riesigen Wandtafel

überhaupt nichts weiter vorgegeben. Also eine Mammutaufgabe. Wir schrieben wieder zunächst unzählige Postits mit Assoziationen zum Thema „Wasser“ und Mehmet bat uns, dabei immer den Kreislauf des Wassers im Auge zu behalten. Wo entsteht Wasser? Was bedeutete Wasser grundlegend? Wie schließt sich der Kreis und welche Details und Nebenschauplätze sind uns wichtig. Welche Assoziationen verknüpfen wir mit „Wasser“?

So bauten wir zunächst einen vertikalen Strang vom „Ursprung“ Wasser bis zur feinen Verästelung der Nutzung. Es ergab einen Baum mit vielen Ästen, Zweigen, Blättern – von der Umweltproblematik bis zur Konsumnutzung, von der heilenden Wirkung über die Umweltverschmutzung, über die Naturerfahrung bis zur Wasserkrafttechnologie. Im nächsten Schritt malte Mehmet einen Kreis an die Tafel und wir ordneten unsere Zettel, bis ein Kreislauf entstand: Der Lebenszyklus des Wassers. Wir stellten fest, dass wir mehrere Life Circle entworfen hatten und schufen also Parallel-Zyklen des Wassers. Nun wurde wieder geclustert und wir konnten vier Hauptthemen identifizieren: Entwicklungshilfe, Technologie, Konsumprodukt Wasser, Naturerlebnis Wasser. Mit Hilfe von Klebepunkten und Votierung entschieden wir uns für „Konsumprodukt Wasser“ und stiegen in die nächste Phase ein: Recherche.

Dazu schrieben wir alle unabhängig voneinander W-Fragen auf, die wir mit dem Konsumgut Wasser verbanden. Dann erhielt jeder von uns ein bis zwei Fragen, die er/ sie rasch mit Googles Hilfe recherchierte. Wir schrieben wieder unzählige Postit’s zu den Rechercheergebnissen und ordneten sie an der Wand zu den jeweiligen W-Fragen an. Aus den Ergebnissen formulierten wir verschiedene Probleme und hefteten diese an. Wieder wurde gevoted und wir entschieden uns für folgendes Kernproblem:  „Wasser ist gut, um Übergewicht zu bekämpfen. Doch wie kann ich mich dazu bringen, mehr Wasser zu trinken?“

Meine Notizen zur Session „Prototyp aus dem Themengebiet „Wasser“

„How might we…“ war nun der Wegweiser, um Antworten auf dieses Problem zu finden. Wir falteten DIN-A-4-Blätter so, dass acht Felder entstanden. Jeder erhielt ein Blatt und schrieb oben links in das Feld eine Phrase nach Wahl zu dem Thema. Alle 15 Sekunden reichten wir die Blätter weiter, lasen, was der Vorgänger geschrieben hatten und schreiben ins nächste Feld, welche weiterführende Assoziation wir haben zu dem Gelesenen. Und wieder nach 15 Sekunden weiterreichen.

Nach acht Durchgängen waren alle Blätter voll. Wir hefteten sie an die Wand und einer von uns las alles vor. Nun fokussierten wir uns auf die spannendsten Aussagen. Da kam so etwas wie „Selbsthilfegruppe“ „Motivationstyp“ „Wasser ist sexy“, „Leckeres Wasser essen“ und der „Bauchglucker-Tanz“… Aus diesen Feldern entwarfen wir schließlich den „WaterWatcher-Club“, bei dem man sich trifft und gemeinsam Wasser genießt: Wasser mit Zusätzen, Wasser mit verschiedenen Genüssen, Wasser in einer Umgebung, die an eine Unterwasserwelt erinnert und die von Wasserwänden mit Fischen umgeben ist. Die Club-Mitglieder erkennen sich in ihrer „Motivationstyp“ Struktur anhand von Farben. So kommt man sich näher und kann auch seinen Liebespartner finden…

Hast Du einen Schmerz – oder hast Du ein Anliegen?

Die letzte Session war ebenfalls sehr lehrreich . und zwar weil sie nicht funktionierte. Wir stellten nach einer Stunde fest, dass die Themengeberin anscheinend gar kein Problem hatte. Sie hatte das Thema vorgeschlagen, einen Beratungsprozess mit Unterstützung von Design Thinking Tools zu überprüfen und eventuell zu optimieren. Mehmet schickte sie kurz aus dem Raum und zeigte uns, wie man einen Menschen sehr genau beobachtet und rasch auf Zettelchen notieren kann, wie der Protagonist die verschiedenen Prozessphasen aufzeichnet, beschreibt und gefühlsmäßig erlebt.

Wir testeten also aufmerksam unsere Themengeberin, indem wir genau beobachteten, wie sie sich mit Mimik, Gestik, Tonfall, Bewegungen verhielt, wenn sie uns ihren Beratungsprozessen erläuterte, wir stellten Fragen, wir schrieben auf – und wir sahen, dass es anscheinend keinen „Schmerz“ gab. Hatte unsere Protagonistin zwar ein Anliegen, doch keinen wirklichen Grund, etwas zu ändern? Ich war beeindruckt, wie wir ohne Absprache die gleichen Beobachtungen machten. Hier war wohl kein „Pain“, hier gab es nichts zu entwickeln. Oder war sie vielleicht Profi darin, ein „Pokerface“ zu behalten, um sich vor Angriffen zu schützen? Als Mehmet sie auf diese Möglichkeit ansprach, reagierte sie laut eigener Aussage ein wenig verletzt – hatten wir also doch einen Ansatzpunkt gefunden, um ihr zu helfen?

Leider war die Stunde viel zu kurz, um tiefer zu graben und eine echte Aufgabe zu finden und anzugehen. Mehmet erklärte uns, dass Change-Prozesse und Produktentwicklungen nur dann erfolgreich durchgeführt werden können, wenn es einen wirklichen Grund dafür gibt. Ein „Anliegen“ reicht nicht, man braucht einen „Schmerz“, um Veränderungen zu bewirken. Sonst fehlt die Motivation, den Innovationsprozess diszipliniert durchzuziehen.

Design Thinking und Disziplin

Überhaupt ist Disziplin eines der wichtigsten Grundlagen beim Design Thinking. Immer wieder droht die Gruppe ins Diskutieren abzuschweifen, und es ist extrem wichtig, dass der Trainer/ Moderator das konsequent verhindert. Diskussionen sind nicht nur ein Zeitfresser – das Hauptproblem ist, dass durch Diskussionen Bewertungen in die Phasen des Design Thinking Prozesses eindringen. Doch die Funktion von verstehen, definieren, analysieren und brainstormen ist, sich urteilsfrei dem eigentlichen Problem zu nähern. Bewertungen zerstören alles.

Auch ist es so, dass beim Design Thinking häufig wieder zurückgegangen werden muss in frühere Phasen. Man braucht viel Geduld und Frustrationstoleranz, um Fehlschlüsse und Sackgassen einzugestehen. Spätestens beim testen (hier kann man auch mal auf der Straße Leute befragen, ob sie so einen Prototypen attraktiv finden) stellt man immer wieder fest, dass etwas Wichtiges nicht bedacht wurde. Dann heißt es, zurück an den Anfang und sorgfältig Alternativen und Unsauberkeiten untersuchen.

Hilfe, ich will kein Design Thinking!

Kurz und gut, ich verstehe nun sehr gut, warum so viele Mitarbeiter aus Konzernen stöhnen, wenn sie hören, sie sollten mit Design Thinking arbeiten. Die Designer lassen sich nicht gern in ihr Expertentum pfuschen, die Marketing-Leute wollen voran gallopieren, und die Entwickler wollen entwickeln und endlich wieder an den geliebten Computer. Und die Kaufleute fragen sich die ganze Zeit, was dieser „Kindergarten“ eigentlich das Unternehmen kostet. Ob sich das wirklich lohnt?

Gunter Dueck meint ja, dass Design Thinking daran scheitert, dass viele Menschen einfach nicht kreativ sind. Ich meine, dass Design Thinking meistens daran scheitert, dass es so wenig begabte Trainer und Moderatoren gibt. Man braucht viel Autorität und Durchsetzungsvermögen, um ein Team zu einem Team zu machen, und man braucht viel Bescheidenheit und Zurückhaltung, um Misstrauen aufzulösen und die Teamteilnehmer zu befreien; man braucht ein gutes Standing, um Hierarchien aufzulösen und das Vertrauen aller zu gewinnen. Das Spannungsfeld zwischen „zu locker“ und „zu streng“ ist in jeder Sekunde da und muss bewältigt werden.

Kindergärten für Erwachsene sind eine wunderbare Spielwiese für Empathie, Innovation und Kreativität. Joseph Beuys prägte die Weisheit „Jeder Mensch ist ein Künstler“ – ich möchte ergänzen „Jeder Mensch steckt voller Kreativität“. Sicher wird Design Thinking vom Hypethema ins Tal der Tränen rutschen – doch ich wünsche mir von Herzen, dass es diese Enttäuschungsphase überwindet und zu einer Selbstverständlichkeit wird. So viele Tools, so viele Spielräume. Lasst uns viele gute Trainer ausbilden, dann wird es auch viele neue Erkenntnisse und Produkte geben.

Gut, dass es Räume und Orte wie allynet gibt, wo sich Menschen und Unternehmen für diese neue Denkweise einsetzen. Vielen Dank an die Organisatoren – möge sich ihr Engagement und ihre Herzlichkeit ausbreiten wie ein heilender Virus.
Mitglied werden beim Meetup „Design Thinking Düsseldorf“

In zweieinhalb Minuten: Was Gunter Dueck von Design Thinking hält:

 

 

Über Eva Ihnenfeldt

Eva Ihnenfeldt leitet gemeinsam mit Dennis Arntjen das Unternehmensnetzwerk Kmu-digital.net - das Netzwerk von Unternehmen im digitalen Wandel. Als Expertin für Social Media Marketing berät und begleitet Eva Ihnenfeldt Unternehmen und Organisationen bei der Entwicklung von Social Media Strategien - und übernimmt als Dozentin Lehraufträge für Hochschulen, Kammern und andere Bildungsträger. Eva Ihnenfeldt - Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: e.ihnenfeldt@gmail.com

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Theme developed by TouchSize - Premium WordPress Themes and Websites