Serie zu „Künstliche Intelligenz“ Teil 4: Sprachassistenten und Chatbots

Kennen Sie den Turing-Test? Der Mathematiker Alan Turing hat 1950 ein Testverfahren konstruiert, um das „menschliche Denkvermögen“ von Maschinen zu messen. Menschen führen gleichzeitig mit einem anderen Menschen und mit einem Computerprogramm eine schriftliche Unterhaltung, natürlich ohne Sichtkontakt. Gemessen wird, wie viele der Versuchspersonen erkennen, welcher der Gesprächspartner ein Mensch – und welcher ein Computer ist. Bisher konnte in den vergangenen 60 Jahren noch kein einziger Chatbot den Test bestehen – doch Fortschritte gibt es durchaus.

Definition Chatbot

Der erste Chatbot der Geschichte war allem Anschein nach Eliza. Sie wurde von Joseph Weizenbaum zwischen 1964 und 1966 bildschirmfoto-2016-10-18-um-09-23-49programmiert und ist eine Chatbot-Psychotherapeutin. Eliza versteht sich darauf,  schriftlich gestellte Fragen mit einer Verstärkung aus dem Bereich des „Aktiven Zuhörens“ zu beantworten. Am Besten beginnt man den Dialog mit Fragen wie „Ach ich bin so unglücklich, was soll ich bloß tun?“. Sie wird dann mit einer Antwort reagieren, die zur Vertiefung des Problems anregt. Etwa „Warum genau bist Du unglücklich?“ Zwar müssen die eigenen Angaben relativ kurz sein, aber für eine schnelle Analyse eines Problems kann die Unterhaltung mit Eliza (die den Turing-Test damals erstaunlich gut bewältigte – selbst wenn die Probanden wussten, dass sie ihre Sorgen einer Maschine anvertrauten!) hilfreich sein. Auch wenn Weizenbaum sie eher als Parodie auf Psychotherapeuten-Stereotypen programmiert hatte – er war regelrecht schockiert darüber, wie sehr die Menschen Eliza vertrauten.
Den Eliza Chatbot aus den Sechziger Jahren auf Deutsch testen

Ein Chatbot ist also ein Computerprogramm, das eingegebene Fragen in Einzelteile zerlegt, Regeln erkennt und verarbeitet – und dann eine nach den erkannten Mustern entstandene Antwort ausgibt. Je mehr Daten ein Chatbot erhält, desto mehr Muster können erkannt werden – und desto besser werden die Antworten. Chatbots haben also erst einmal nicht mit Künstlicher Intelligenz zu tun. Sie fallen unter den Begriff „Volltextverarbeitung“. Erst wenn ein Chatbot selbst – und ohne menschliche Anweisung – Probleme lösen kann, Kreativität entwickeln, sich selbst verbessern – erst dann verfügt er über Fähigkeiten der Künstlichen Intelligenz.

Verbreitung von Chatbots

Heute schon gibt es unzählige Unternehmen, die über einfache Chatbots Support anbieten. Sicher kennen Sie das: Sie besuchen eine Website und ein Chat springt an mit der Frage „Kann ich Ihnen helfen?“ Das ist praktisch, wenn man durch wenige Tastatureingaben konkret zu der richtigen Stelle auf der Seite gebracht wird – oder wenn man die richtigen Informationen erhält, die langes Suchen erübrigen. Spannend wird es, wenn wir nicht mehr tippen müssen, sondern durch Spracheingaben schnell und unkompliziert mit dem Chatbot „plaudern“ können. Das passiert fast immer über das Smartphone, und so erleben Chatbots gerade eine Hochblüte: Google, Amazon, Microsoft, Apple, Facebook und Co bemühen sich, ihre Chatbot-Systeme im Wettbewerb um die Kunden zu perfektionieren. Die Kunden sollen sich verstanden und geführt wissen wie einst bei der Psychotherapeutin Eliza – die zwar so wenig kann, aber unsere Herzen erreicht mit ihren Textphrasen.

In China ist der Messenger WeChat das Eingangstor zu mobilen Webdiensten. Das macht zusätzliche Apps auf dem Smartphone fast schon überflüssig. Man gibt bei WeChat ein, was man gerade sucht – und kann über den ChatBot so ziemlich alles finden, was man braucht. Auch in den USA und Indien sind Chatbots bereits heute sehr weit verbreitet.

Kommt zu den Textbausteinen der Chatbots noch die Fähigkeit hinzu, den Charakter und das Verhalten des individuellen Nutzers (bzw. Smartphone-Besitzers) in die Antworten einzubeziehen, werden Chatbots zu Gesprächspartnern, die wie Eliza den menschlichen Kontakt ersetzen könnten. Im April 2016 stellte Facebook ein Programm vor, mit dem der Facebook-Messenger für eigene Chatbot-Programme genutzt werden kann. Seitdem programmieren viele Entwickler für Marken und Anbieter Facebook-Messenger-Chatbots. Chatbots werden mehr und mehr zu Selbstverständlichkeiten im Kundensupport.

Sprachassistenten

Im Vergleich zu Chatbots haben Sprachassistenten den Vorteil, dass das mühselige Eintippen und Lesen entfällt. Sprachassistenten reagieren auf Zuruf und sind nicht unbedingt an ein mobiles Endgerät gebunden. Ein Computer mit einem Sprachassistenten in der Wohnung kann viele Anweisungen ausführen, die dem Nutzer in seinem Heim das Leben erleichtern: Medien abspielen, Beleuchtung, Heizung etc. regeln, Dinge bestellen, Nachrichten und Wettervorhersagen wiedergeben, Verbindungen mit anderen Menschen herstellen…

Ein Nebeneffekt der Sprachassistenten ist, dass Menschen immer häufiger auch ihre Probleme den Geräten anvertrauen. Dann ist es natürlich enttäuschend, wenn „Ok Google“, „Siri“ „Alexa“ oder „Cortana“ mit voraussehbaren, immer gleichen Floskeln reagieren – und wenn die Antworten nichts mit dem individuellen Nutzer zu tun haben. Im Wettbewerb um das gewinnende Sprachanwendungs-System bemühen sich also die großen Konzerne, ihre Sprachassistenten mit Künstlicher Intelligenz anzureichern: Mit Kreativität, eigenen Problemlösungen, eigenständigen Lernfortschritten.

Die Datensammelei der Giganten ist also nicht nur dazu da, um Werbung treffsicherer zu gestalten, sondern auch, um unsere Charaktere und unsere Verhaltensmuster zu ergründen – und daraus intelligente Anwendungen zu kreieren. Natürlich werden diese Anwendungen auch dafür genutzt, um uns als Konsumenten, Bürger, Mitarbeiter, Schüler etc. zu manipulieren, doch ich frage mich, was Eliza dazu sagt. „Eliza, ich habe Angst, von Chatbots und horchenden Sprachassistenten manipuliert zu werden!“ Ihre Antwort: „Was half denn früher gegen diese Beklemmungen?“ – Ach Eliza, Du Ahnungslose, aber danke für Dein Verständnis…

Künstliche Intelligenz: Serie in den SteadyNews

  1. Einführung
  2. Deep Learning
  3. Das autonome Auto und das „Internet der Dinge“
  4. KI-Sprach-Assistenten und Bots
  5. Googles KI-Abteilung Deep Mind
  6. KI und Arbeitswelten
  7. Kritik von Yvonne Hofstetter

 

Seit fast zwanzig Jahren auf der "freien Wildbahn" hat Eva Ihnenfeldt sowohl 2004 eine eingetragene Genossenschaft für Existenzgründer gegründet als auch 2011 eine Akademie für die Ausbildung von Social Media Unternehmenden. Lange Zeit war sie Dozentin und Trainerin für Marketing, Kommunikation und Social Media. Heute arbeitet sie als Coach für Menschen im beruflichen Wandel. Ihre Stärke ist es, IST-Situationen zu akzeptieren, Visionen zu erkennen und gemeinsam mit ihren Klienten Strategien zu entwickeln, die sich auch in der Praxis bewähren. Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: [email protected]

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