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Dr. Johannes Lierfeld im Interview mit Dr. Reginald Grünenberg 0

Interview von Dr. phil. Johannes Lierfeld, Köln: Dr. Reginald Grünenberg hat über Kants Philosophie promoviert und mit seiner Doktorarbeit einen tiefen Graben in die verkrusteten Diskurse über Kant gerissen. Seiner Meinung nach wurde kaum jemand so konsequent mißverstanden wie der klassische Philosoph Immanuel Kant. Um mit diesen Mißverständnissen aufzuräumen und die zukunftsträchtigen Potenziale von Kants Lehre freizulegen, entwickelte Grünenberg seine fundamentale Darlegung „Laws of Singularity“. Im Interview erklärt „Reggie“ die Beweg- und Hintergründe seiner so provokativen wie hellsichtigen Schrift:

  1. Wie bist du als ausgewiesener Kant-Experte darauf gekommen, 200 Jahre alte Thesen auf künftige künstliche Intelligenz anzuwenden?

Dr. Reginald Grünenberg

Reginald Grünenberg: Es klingt vielleicht verrückt, aber ich bin schon immer, seit ich 1984 im Abitur in Starnberg meine mündliche Prüfung über die ‚Metaphysik der Sitten‘ abgelegt hatte, davon ausgegangen, dass Kants Philosophie für Menschen nur als Grenz- oder Sonderfälle gilt. Etwa so, wie die klassische Mechanik innerhalb der Relativitätstheorie und der Quantenmechanik nur Grenzfälle beschreibt – die uns natürlich als Standard und Normalität erscheinen. Ich habe es sehr ernst genommen, wenn er von „intelligenten“ oder „vernunftbegabten Wesen“ schrieb – und ich glaubte zu wissen, dass damit nicht unbedingt wir Menschen gemeint sind. Später, als ich die drei Kritiken von ihm studierte, wurde das noch offensichtlicher für mich. Das ist auch einer der Gründe, warum ich mit den Kantinterpretationen der letzten 200 Jahre praktisch nichts anfangen kann. Sie glauben alle, dass es in der ‚Kritik der reinen Vernunft‘ um rein menschliche Wissensgewinnung geht. Das ist vollkommen falsch. Das habe ich mit den ‚Laws of Singularity‘ endlich bewiesen. Die Idee dazu hatte ich im Frühjahr 2016.

  1. Warum sprichst du von Singularitäten anstatt der ansonsten allgemein im Singular gehaltenen Singularität?

Reginald Grünenberg: Ich finde es unplausibel, dass die Schwelle zur Singularität nur ein einziges Mal überschritten wird. Wenn wir erst einmal das Prinzip verstanden und technisch umgesetzt haben, dann wird es mehr als eine einzelne Superintelligenz geben. Die werden dann auch sehr unterschiedlich sein, denn sie werden jeweils einen eigenen ‚Charakter‘ haben.

  1. Wie können wir als Menschheit zukunftssichere Strategien entwickeln, um ebenfalls von der „reinen Vernunft“ zu profitieren bzw. diese anwenden zu können?

Reginald Grünenberg: Das tun wir schon längst, und zwar in ganz erheblichem Ausmaß. Es wird ehrlich gesagt gar nicht mehr so viel zu tun geben für zukünftige Singularitäten. Es gibt noch ein paar große mathematische Rätsel zu lösen, etwa die ‚Riemannsche Vermutung‘, ein paar neue Antriebstechnologien zu entwickeln und das physikalische Weltbild zu vervollständigen, also eine Weltformel zu finden, Relativitätstheorie und Quantenmechanik zu vereinigen und drei astrophysikalische Erscheinungen schlüssig zu erklären: Big Bang, dunkle Materie und dunkle Energie. Ach ja, die Sprache der Tiere zu verstehen wäre auch noch ein großer Durchbruch.

  1. Dein Text zeigt, dass klassische Philosophie zukunftsträchtig interpretiert und angewendet werden kann. Brauchen wir eine neue Lehre, um gewissermaßen die Synthese von klassischen Lehren und postmodernem Wissen meistern zu können?

Reginald Grünenberg: Ich glaube nicht, dass man das verallgemeinern kann. Die meisten Philosophen hatten und haben auch heute noch schlicht zu wenig Ahnung von der Natur, den Naturwissenschaften und Wissenschaftlichkeit als solcher. Kant ist ein echter Sonderfall. Mit seinem Werk, so radikal neu ich das auch lese, kann man sicher nicht das unwissende und sinnlose Gefasel von Hegel, Nietzsche oder Heidegger reparieren, drei besonders auffällige Dilettanten in diesem weiten Feld. Die akademische Philosophie als Ganze gibt keinen Anlass zur Hoffnung, dass von dort etwas Innovatives kommt. Ich beschäftige mich gerade intensiv mit diesem Thema, weil ich an einer großen ‚Apology of Kant‘ arbeite, in der ich zeige, wie man mit Kant überhaupt erst erklären kann, wie nicht-euklidische Geometrie, Relativitätstheorie und Quantenmechanik überhaupt erst ‚denkbar‘ wurden. Aber ich finde kaum brauchbare Anknüpfungspunkte und muss in allen Punkten ganz von vorne anfangen.

  1. Deine Terminologie wimmelt vor religiösen Anspielungen. Wie wichtig wird Religion deiner Meinung nach künftig sein, welche Rolle wird den traditionellen Weltreligionen zukommen und welche Alternativen werden entstehen?

Reginald Grünenberg: Schön, dass du das fragst. Denn ich muss vorausschicken, dass ich jemand bin, bei dem das Kantische Programm perfekt aufgegangen ist: die Grenzen der Vernunft zu bestimmen, um Raum für den Glauben zu schaffen. Die Glaubensfrage ist nicht lösbar für die Vernunft, weder für ihre menschlichen Nutzer, noch für die künstlichen Neuankömmlinge. Jede Superintelligenz wird von denselben spekulativen Überlegungen belästigt werden wie wir es schon immer wurden. Aber ich kann mir vorstellen, dass eine Singularität bzw. mehrere dazu beitragen können, die Gemeinsamkeiten der menschlichen Religionen herauszuarbeiten und so etwas wie eine globale oder sogar kosmische Zivilreligion zu entwickeln. Das wäre eine Art Dachreligion, in der jede menschliche Sakralreligion ihre eigene Heimat findet. Interessanterweise wird es ausgerechnet die religiöse Frage sein, in der künstliche Intelligenz mehr mit uns Menschen gemein hat und zu tun haben wird als in allen anderen Gebieten. Denn vor diesem Rätsel stehen wir als Gleiche nebeneinander.

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Kontaktdaten:

Dr. Johannes Lierfeld
E-Mail: jlierfeld@gmx.de

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Über Eva Ihnenfeldt

Als Expertin für Social Media Marketing berät und begleitet Eva Ihnenfeldt Unternehmen und Organisationen bei der Entwicklung von Social Media Strategien - und übernimmt als Dozentin Lehraufträge für Hochschulen, Kammern und andere Bildungsträger. Eva Ihnenfeldt - Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: e.ihnenfeldt@gmail.com

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