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Neuralink, Part II: Whole Brain Emulation – Phantasma oder der Weg zur virtuellen Unsterblichkeit? 1

Dr. phil. Johannes Lierfeld, Köln: Die Inspiration, die Elon Musk aus seiner Bekanntschaft mit Oxford-Professor und „KI-Kassandra“ Nick Bostrom zieht, ist bemerkenswert; es erscheint sogar recht wahrscheinlich, dass der Entrepreneur direkt durch die Publikationen des exzentrischen Mahners zur Gründung von OpenAI sowie Neuralink inspiriert wurde.

Erklärtes Ziel von OpenAI ist die Entwicklung von sicherer KI sowie die Lösung des Kontrollproblems. Der direkte Bezug zu „Superintelligenz“ ist augenfällig. Im Jahre 2014 veröffentlichte Bostrom seinen Bestseller „Superintelligenz“ – ein Buch mit verheerender Sprengkraft, da es sich nicht nur explizit mit dem Kontrollproblem rund um künstliche Intelligenz befasst, sondern auch diverse „Runaway“-Szenarien, also KI-Unfälle und Kontrollverluste beschreibt.

Die meisten dieser Szenarien sind weder völlig neu noch von Bostrom selbst ersonnen, wirken in dieser Kompilierung jedoch bedrückend und verstörend. Und diese Strategie des „Angst machens“ kann durchaus sinnvoll sein: Bostroms Ziel war, die Problematik in den Diskurs zu bringen. Denn wenn wir uns jetzt Gedanken zur Prävention von spekulativen Untergangsszenarien machen, diese aber nie eintreffen, ist dies immer noch weit besser, als ein gegenteiliger Ablauf.

Agieren wir so, wie die Menschheit es von eh und je getan hat – die Dinge auf sich zukommen lassen, aus Fehlern lernen und schrittweise optimieren – dann liegt darin keine Option, wenn sich die Welt um uns herum mit jedem Update ändert. Und diese Upgrade-Versionen würden in der Phase einer echten Intelligenzexplosion nicht alle paar Monate, sondern im Laufe von Tagen, später Stunden und schließlich Minuten kommen.

Um diesem Dilemma entgehen zu können, optiert Elon Musk auf eine Schnittstelle zwischen menschlichem Gehirn und maschineller Intelligenz. Auf diese Weise erhofft er, die Menschheit im Horizont der Intelligenzexplosion anschlußfähig halten zu können. Zu Ende gedacht, handelt es sich bei Neuralink in der Konsequenz der Anwendung um eine „Whole Brain Emulation“, also den Upload und die Replikation eines biologischen Gehirns auf einen Computer oder in eine virtuelle Realität. Nick Bostrom hat mit seinem Co-Autoren Anders Sandberg bereits 2008 die Publikation „Whole Brain Emulation – A Road Map“ veröffentlicht. Hierin gingen die Autoren vor allem auf die technologischen Bedingungen des Hirnscans ein.

Mittlerweile hat sich das Problem jedoch auf die Schnittstelle zum Gehirn verlagert. Supercomputer, die vor wenigen Jahren noch 40 Minuten Renderzeit benötigten, um ein Prozent eines menschlichen Gehirns für eine Sekunde zu simulieren, erreichen nun eine bedeutend bessere Performance. In einigen Jahren – vorausgesetzt, Moore´s Gesetz der sich beschleunigenden Resultate bleibt unverändert – wird es möglich sein, ein vollständiges Gehirn in Echtzeit zu emulieren.

Neuralink sucht nun jedoch einen anderen Weg: direktes Auslesen anstatt des aufwendigen non-invasiven Scannens. Die Möglichkeiten sind gewaltig: Erinnerungen können extern gespeichert und übertragen werden, Wissen konserviert und Informationen von Gehirn zu Gehirn (oder KI) übermittelt werden. Der dahinterstehende Unsterblichkeitstraum, der insbesondere von den Futuristen Ray Kurzweil (Entwicklungschef bei Google) und Dmitry Itskov (Gründer der Initiative 2045 mit dem Vorhaben eines Brain Uploads in einen Roboterkörper bis 2045) propagiert wird, hat allerdings einige Tücken. Die grundsätzliche Klon-Problematik wird hier lediglich auf die Ebene der Virtualität verlegt. Sprich: was nützt mir mein Klon für meine erwünschte Unsterblichkeit, wenn mein Bewusstsein ja doch an mein Gehirn gebunden bleibt?

Jedes der anvisierten Scan-oder Ausleseverfahrens funktioniert nach dem Prinzip von Copy&Paste; Inhalte werden kopiert und auf einer Hardware (oder in der Cloud, was dem Ganzen den Anstrich eines metaphorischen Jenseitskonzeptes geben würde) gespeichert. Damit bleibt das Bewusstsein aber im Gehirn zurück – selbst wenn es eine perfekte Kopie in einer virtuellen Realität geben sollte, die potenziell unsterblich wäre. Das Bewusstsein – soviel ist zum gegenwärtigen Stand klar – kann nicht wie Daten aus dem Schädel extrahiert werden.

Ein weiteres Problem stellt sich, wenn wir uns vor Augen halten, dass ein solches Verfahren auch dann eher als „Partial Brain Emulation“ bezeichnet werden müsste, wenn es gelungen sein sollte, das komplette Gehirn zu scannen und hochzuladen. Denn während Sinneseindrücke klassisch physikalisch erklärbar sind, gilt dieselbe eindeutige Kausalität nicht für psychische Vorgänge und das gesamte Unbewusste. Aktuell wird hier angenommen, diese Vorgänge künftig quantenmechanisch erklären zu können. Unbestimmbarkeit, Unschärfe und Ambivalenz prägen die Welt der Quanten, und ähnliches können wir mit Sicherheit auch von unserer unbewussten Innenwelt behaupten. Ein komplett gescanntes Gehirn würde also demnach lediglich alle bewussten Vorgänge in der neuen virtuellen Umgebung abrufen können; die unbewussten Anteile seines psychischen Erlebens wären jedoch verloren. Somit handelt es sich selbst bei einer Whole Brain Emulation um ein verlustbehaftetes Fragment des Selbst und keine vollständige Reproduktion der Persönlichkeit.

Welche Konsequenzen all dies für einen selbstreflektierten Datensatz hat, der sich darüber im Klaren wird, dass er nur eine verlustreiche Kopie des im Sterben liegenden Originals ist, kann aus zeitgenössischer Sicht nur spekuliert werden. Wir sollten allerdings vorsichtig sein, unser Selbst zu digitalisieren, bevor wir verstanden haben, wie unser Bewusstsein funktioniert und welche Faktoren es konstituieren.

Serie mit  Gastbeiträgen von Dr. Johannes Lierfeld in den SteadyNews:

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Dr. Johannes Lierfeld
E-Mail: jlierfeld@gmx.de

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Über Eva Ihnenfeldt

Als Expertin für Social Media Marketing berät und begleitet Eva Ihnenfeldt Unternehmen und Organisationen bei der Entwicklung von Social Media Strategien - und übernimmt als Dozentin Lehraufträge für Hochschulen, Kammern und andere Bildungsträger. Eva Ihnenfeldt - Mobil: 0176 80528749 - E-Mail: e.ihnenfeldt@gmail.com

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